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Corona-Politik:Das Vertrauen schwindet

Beim Impfen und Testen hinkt Deutschland hinterher, die Lockerung läuft schleppend, auch weil Inzidenzen wieder steigen. Bei vielen Menschen macht sich Frust breit, über die Pandemie, aber auch über das Management der Regierung.

SZ-Zeichnung: Michael Holtschulte

Zu "Der große Verdruss" und "Spielräume auf dem Flickenteppich" vom 9. März, "Die Rechnung" vom 6./7. März und "Völlig losgelöst" vom 1. März:

Große Chance verpasst

Es ist immer wieder erstaunlich, welche lebensfremden Regeln in der gegenwärtigen Pandemiezeit von der Ministerialbürokratie kreiert werden. Die oft in der digitalen Steinzeit verhafteten Ministerien und Behörden verfügen meines Wissens immer noch nicht über valide Daten, wo überhaupt die Hauptansteckungsquellen liegen. In ihrer Hilflosigkeit verdonnern sie den Nichtlebensmittel-Einzelhandel seit Monaten zu Betriebsschließungen und vernichten dabei Existenzen des unteren Mittelstands.

Während sich Kunden in Supermärkten zwangsläufig auf weniger als 1,5 Meter Abstand begegnen, durften/dürfen kleinere Einzelhandelsgeschäfte mit unter 150 Quadratmetern generell nicht öffnen, obwohl diese sicherstellen können, dass nicht mehr als eine oder zwei Personen den Laden betreten, und ansonsten über ein gutes Hygienekonzept verfügen. Lieber verbrät man Milliarden von Steuergeldern für Unterstützungen dieser Branche zu Lasten der jüngeren Generation. Es gibt bei solchen Läden - meistens Betriebstypen mit einem spezialisierten Sortiment - keinen Massenandrang wie bei Kaufhäusern. Und so wurschtelt jedes Bundesland nach ministeriellem Gutdünken vor sich hin. Dieses Durcheinander wird uns auch die nächsten Monate weiter begleiten, wenn dann mit dem Argument der "Virenmutationen" weiter Mensch-ärgere-Dich-nicht gespielt wird.

Die große Chance, mit einem knallharten Lockdown die Infektionszahlen signifikant zu drücken, wie ihn Epidemiologen und Virologen zu Recht forderten, wurde leider von den Ministerpräsidenten im Herbst und auch in diesen Tagen verspielt.

Bernd Broßmann, Neubiberg

Viel mehr Tempo beim Impfen

Es rollt die dritte (gefährliche) Welle aufgrund der Mutationen auf uns zu. Es kann doch nicht sein, dann so viel von irgendwelchen Öffnungen zu sprechen. Mir erschließt sich nicht, dass in vielen Ländern mehr geimpft wird - jede Minute, jede Sekunde. Wir in Deutschland sind dahingehend wahnsinnig träge. Mir persönlich ist es egal,ob Astra-Zeneca, Sputnik, Moderna oder Biontech verimpft wird. Die Zeit läuft davon ... Bitte impfen lassen!

In anderen Staaten wie Israel oder Großbritannien oder inzwischen auch den USA wird unterdessen sekündlich geimpft. Herr Spahn, drücken Sie bitte aufs Tempo!

Andreas Jaeger, München

Risiken jeder Maßnahme prüfen

Vom mathematischen und statistischen Standpunkt aus kann ich "die Rechnung" von Frau Priesemann zur möglichen Entwicklung der Zahlen im Rahmen künftiger Corona-Lockerungen sehr gut nachvollziehen. Es fehlt mir die Bewertung der einzelnen Maßnahmen im gesellschaftlichen und sozialen Kontext. Tatsächlich ist immer noch unklar, wie riskant einzelne Maßnahmen der geplanten Lockerungen sind. Wie Frau Priesemann in "Die Rechnung" richtig bemerkt, fehlen objektive Stichproben und systematische Erhebungen zu Infektionsrisiken. Die Gesundheitsämter sind ihrer Meinung nach schon bei einer Wocheninzidenz von 20 pro hunderttausend Einwohnern ausgelastet.

Management in der Politik neu denken

Zu "Im Zettel-Land" vom 3. März: Kanzleramt und Landesregierungen sind gefangen in der Utopie, dass sich die Pandemie wegregieren lässt. Verantwortliche Politiker sind selbst nach einem Jahr Pandemie der Meinung, dass sie Kontrolle über das Virus ausüben können. Ein Fehlschluss, der uns alle zwar überleben lässt, der aber "das Leben", wie es menschenwürdig ist, zerstört. Das Virus wird bleiben, wir werden lernen müssen, mit ihm zu leben. Abstandhalten und Maske-Tragen werden weiterhin wichtig sein. Aber es ist an der Zeit, das Leben mit dem Virus zu gestalten, anstatt den vergeblichen Versuch zu unternehmen, das Virus zu besiegen. Intelligente, vorwärts gerichtete Maßnahmen sind gefragt.

Alexander Engel, Brüssel/Belgien

Der Mythos von "guter Organisation und Effizienz" hält sich in Deutschland hartnäckig. Dabei sind eklatante Managementdefizite praktisch in jedem Politik- und Verwaltungsfeld seit Jahren zu beobachten. Die Pandemie könnte hier sogar "helfen", weil sie dieses Dauerversagen auf bittere Weise offenlegt; und sicher ist, es werden weitere Virusplagen kommen. Erforderlich sind in Zukunft gänzlich andere organisierte Formen des Managements, und zwar auf EU-, Bundes- und Landes- sowie auf kommunaler Ebene: andere Entscheidungsstrukturen, anderes Personal, anderes Jobverständnis, andere Formen der Belohnung, andere Geschwindigkeiten, eine andere Art zu denken. Das könnte inspirierend, elektrisierend sein, die Arbeit sogar Spaß machen.

Hartmut Krauß, Bielefeld

Aber müsste es nicht endlich Untersuchungen geben, die eine Risikoabschätzung bezüglich bestimmter Verhaltensweisen (Fahren im ÖPNV, Einkaufen-Gehen, körpernahe Dienstleistungen etc.) ermöglichen? Die Techniker Krankenkasse hat jetzt vorgemacht, dass man anhand der beruflichen Tätigkeit Risiken abschätzen kann! Das würde mir als mündigen, verantwortungsbewussten Bürger auch erlauben, selbständig Risikoabschätzungen vorzunehmen und mein Verhalten entsprechend auszurichten, statt mich ausschließlich an staatlichen Verboten zu orientieren. Und: Ist es nicht an der Zeit, die Gesundheitsämter mit digitaler Aufrüstung zu ertüchtigen, bei mehr Infizierten eine gute Kontaktverfolgung zu gewährleisten?

Erich Schiller, München

Resignation macht sich breit

Recht hat Katharina Riehl in ihrem Kommentar "Der große Verdruss", dass die unsere Gesellschaft tragende Mittelschicht sich mit ausgeprägter Resignation von der Berliner Politik abwendet. Aufgewachsen in der Bonner Republik, waren die kontroversen Diskussionen der Jugend- und Erwachsenenzeit um die damals widersprüchlichen Themen immer geprägt von Vertrauen in die politisch Handelnden, deren Integrität und Loyalität den Bürgerinnen und Bürgern gegenüber, selbst wenn Maßnahmen der Exekutive oftmals deutlich über das Ziel hinausgeschossen sind und die getroffenen Entscheidungen nicht geteilt wurden.

Ob früh der Radikalenerlass, der Nato-Doppelbeschluss, der Paragraf 218, dann die Diskussion um Atomkraft und Endlagerstätte, die Wiedervereinigung mit ihren großen gegensätzlichen Meinungen, in der jüngeren Geschichte die Banken- und Flüchtlingskrise, nie haben sich die deutsche Politik und ihre Vertreter hilfloser und schwächer gezeigt als in der Herausforderung der Bewältigung der Pandemie.

Dr. Christoph Schay, Herten

Mehr Pragmatismus gefragt

So richtig das zupackende Handeln der Politik zu Beginn der Pandemie war, so falsch ist das Festhalten an überholten Strategien. Je schneller wir uns auf ein Leben mit Corona einstellen, desto besser. Die größte Gefahr geht längst nicht mehr von dem Virus selbst aus, sondern von dem Umgang damit. Die ökonomischen, sozialen und psychischen Folgen der Lockdowns sind dramatisch und werden uns über Generationen beschäftigen. Auch die Gesundheit der Mitbürger, die nicht an Corona erkranken, leidet darunter.

Es drängt sich der Eindruck auf, dass die Politik versucht, das Problem mit deutscher Gründlichkeit zu lösen. Was ich vermisse, ist ein gesunder Pragmatismus. Es braucht ein anderes Mindset, um aus der Krisenspirale herauszukommen. Ansonsten droht die Krise chronisch zu werden.

Ralph Heinisch, Marburg

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© SZ vom 13.03.2021
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