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Corona-Lockerungen:Wie im Sandkasten

Geimpfte und Genesene erhalten Freiheitsrechte zurück. Einige Leserinnen und Leser finden das ungerecht gegenüber der Mehrzahl der Ungeimpften, andere sehen das gelassen. Bleibt die Hoffnung, dass die Gesellschaft sich nicht spalten lässt.

SZ-Zeichnung: Denis Metz

SZ-Zeichnung: Denis Metz

Zu "Welche Rechte Geimpfte und Genesene zurückbekommen" vom 7. Mai, "Neue Freiheit, alter Jammer" vom 5. Mai und "Geimpfte zum Homeschooling", 4. Mai:

Geimpften etwas gönnen

Sind wir denn dem Sandkasten unserer Kindheit immer noch nicht entronnen, wo man dem Nachbarskind die rote Schaufel nicht gegönnt hat, weil die eigene grüne Schaufel etwas kleiner war? Nun fürchtet man eine Spaltung der Gesellschaft, weil Genesene und komplett Geimpfte ihre Grundrechte noch vor den anderen zurückerhalten. Geht's auch ein wenig kleiner? Meine Güte, das hat doch lediglich eine zeitliche Dimension. Dem anderen etwas gönnen, das man selbst vielleicht erst in zwei Monaten genießen kann. Ist das so schwer in unserem christlichen Abendland? Ein bisschen mehr Großzügigkeit und Gelassenheit würde uns "Nörgel- und Meckerdeutschen" wirklich gut tun.

Gerhard Fink, Putzbrunn

Gleiches Recht für alle

Natürlich müssen wir die Impfskeptiker überzeugen, und das geht am besten damit, die Karotte mit Vorteilen für Geimpfte unter die Nase zu halten. Allerdings kann es nicht sein, dass die Lockerungen für diese Personengruppen schon in Kraft treten, bevor alle ein Angebot hatten. Die Ankündigung alleine sollte genügen.

Über Monate haben wir die Jungen und Jüngeren vertröstet, dass sie sich zurückhalten sollen - der Alten und Schwachen zuliebe. Und nun dürfen die auf den Putz hauen und die Jungen sollen zuschauen? Wenn es darum geht, dass ein Test Aktivitäten ermöglicht, die ein Geimpfter auch ohne Test darf, dann finde ich das (fast) gleichberechtigt, aber jetzt Alten und Vordränglern Privilegien einzuräumen, das geht nicht an.

Inge Schlaile, München

Muss Personal geimpft sein?

Wie sieht es aus, wenn Geimpfte bei Vorlage des Impfpasses in Restaurants und Hotels dürfen, muss das Personal (Küche, Service) dann auch geimpft sein? Dieselbe Frage stellt sich auch bei Zoo- und Museumsbesuchen.

Kirsten Kaufmann-Haß,Feldkirchen-Westerham

Dann eben doch nach Mallorca

Vor nicht gar so langer Zeit war es "unbedingt erforderlich", die "Bundesnotbremse" zu ziehen, weil sonst die Intensivstationen kollabierten. Es wurde ein Bundesgesetz gebastelt, das einheitliche Maßnahmen suggerieren sollte. Aber gleichzeitig wurde in diesem Gesetz ermöglicht, dass die Bundesländer "selbstverständlich" über das Mindestmaß hinausgehen dürften, was die Bundesländer, allen voran wieder Bayern, auch taten.

Und jetzt, obwohl noch gar nicht festgestellt werden konnte, ob und in welcher Weise die "Notbremse" eigentlich funktioniert, kann es gar nicht schnell genug gehen, den Geimpften und Genesenen und Getesteten irgendwelche Freiheiten zurückzugeben und diejenigen, welche das Pech hatten, zu "jung" , zu "gesund" zu sein oder keiner "systemrelevanten Gruppe" anzugehören, im Regen stehen zu lassen. Dabei ist weder sicher, dass die Impfstoffe bei allen wirken und dass sie lange wirken. Weiter gibt es auch Fälle, dass "Genesene" durchaus wieder infektiös und infiziert sein können; auch hat der Test nur eine zeitlich begrenzte Aussage.

Wie wäre es denn, wenn wir statt der "Rückerstattung" einzelner Freiheiten, mal darüber nachdenken würden, ob die Einschränkungen, die bisher für alle galten, wirklich durchdacht sind und im Sinne der Prävention geeignet? Wenn ich nachts durch den Park laufe, darf ich das als Fußgänger bis 22 Uhr, als Jogger bis 24 Uhr und mit Hund unbegrenzt tun. Ich gehe zum Friseur und muss eine Maske tragen und ein negatives Zeugnis vorweisen. Kassierer im Supermarkt dürfen hinter einer Pseudo-Plastikwand ohne Maske tätig sein, obwohl sie täglich mit Tausenden ungetesteten Kunden Kontakt haben, und Camper dürfen ihren Wohnwagen benutzen, aber übernachten "geht gar nicht".

Diese wenigen Bespiele zeigen, wie "weise" der Verordnungsgeber uns durch die Pandemie führt. Wir haben keine Impfpflicht. "Impfverweigerer" kann es ohne Pflicht nicht geben. Darf der Staat Menschen Rechte verweigern, nur weil sie ein freiwilliges Impfangebot nicht nutzen?

Meines Wissens hat das Bundesverfassungsgericht noch nicht dezidiert darüber entschieden, ob man jemandem im Status "potenziell weniger gefährlich" mehr Freiheiten zugestehen muss als jenen, die jetzt wohl als "potenzielle Gefährder" ziemlich dumm aus der Wäsche gucken. Ich bin gespannt, wie das Gericht das grundsätzlich bewertet.

Ich bin mir sicher, dass ich als Nichtgeimpfter in einem Ferienhaus, in dem ich alleine mit meiner Frau wohne, keine "Gefahr" darstelle. Oder soll ich lieber im Flugzeug mit 1,5 Millimeter Abstand nach Mallorca fliegen?

Thomas Spiewok, Hanau

Mutwillig Infizierte profitieren

Als Geschäftsführer eines mittelständischen Unternehmens tue ich seit Beginn der C-19-Pandemie alles, um die Verbreitung von C-19 im Unternehmen einzudämmen. Unsere Mitarbeiter sind im Home-Office, wir testen umfangreich und haben auch sonst umfangreiche Maßnahmen installiert. Die Berufsgenossenschaft hat uns sogar als Vorzeigebetrieb tituliert.

Wie die überwiegende Anzahl der Bürger leiden wir auch als Eltern mit unseren Kindern und unter den Folgen des Lockdowns. Wie so viele hoffen auch wir auf Lockerungen, tragen aber weiter tapfer die Konsequenzen mit. Meine Frau hat sich vermeintlich bei ihrer Arbeit im Sozialbereich mit Covid infiziert, sodass wir als Familie auch mit dieser Isolationssituation umgehen mussten. Während all der Zeit mussten wir immer wieder mit großem Unverständnis zusehen, wie C-19-Verweigerer auf Demonstrationen oder heimlichen Treffen fleißig für Verbreitung sorgten und mit Vorsatz alle Maßnahmen der breiten Gesellschaft torpedierten. Urlaubsreisende nach Mallorca und Fernreisende aus aller Herren Länder stellen ihre Bedürfnisse über die der anderen.

Nun werden auch Lockerungen für diejenigen auf den Weg gebracht, die sich mit Covid infizierten. Hier entsteht meines Erachtens gewaltiges Unrecht. Während ich es denjenigen Genesenen, die durch ihre Arbeit an vorderster Front infiziert wurden, mehr als gönne, nun in den Genuss von wiedererlangten Freiheiten zu kommen, kann ich es nicht akzeptieren, dass ebenso diejenigen, die durch Ignoranz und Intoleranz zu ihrer C-19-Erkrankung kamen, nun ebensolche Rechte erhalten sollen.

Christian Gröbmüller, Olching

Solidarität als Einbahnstraße

Im Dezember 2020 hat Jens Spahn beim Unterschreiben der Impfverordnung von Solidarität gesprochen. "Wir müssen privilegieren, es ist eine Frage der Solidarität!" Die Personen mit hohem Risiko, an Corona zu versterben, werden zuerst geimpft. Das ist eine gerechte und gute Herangehensweise. Dies hat sich seit dieser Woche geändert. Jetzt fallen für Geimpfte Beschränkungen, wenn man diese kritisiert, wird von Impfneid gesprochen und darauf verwiesen, dass man sich freitesten kann.

In der Theorie würde man dann schnell zum Testen gehen. In der Realität muss man dafür Tage vorher einen Termin ausmachen. Für einen vergleichbaren Stand von Geimpften oder Genesenen sorgt das nicht, für gehörigen Frust schon!

Solidarität scheint für unseren Gesundheitsminister also eine Einbahnstraße zu sein. Bei der nötigen Rücksichtnahme auf Risikogruppen und bei der Priorisierung der Impfungen okay - bei dem Zurückgeben der Freiheitsrechte wird nicht auf die gleiche Solidarität gesetzt. Als Ungeimpfter hat man den Eindruck, man hat einen Verdursteten zuerst an den Brunnen gelassen, um ihm das Leben zu retten. Jetzt darf er auch noch Zähne putzen, und man selbst wartet noch auf Wasser!

Matthias Wallner, Hemau

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© SZ vom 08.05.2021
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