Corona-Einschränkungen:Auf dem Rücken der Kinder

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Was sind Beteuerungen, Kinder seien unsere Zukunft, eigentlich wert, wenn Schulen trotz ständiger Tests dann doch wieder strengeren Regeln unterworfen werden als Fußballstadien oder Arbeitsstätten?

Programm ·Lernen mit Rückenwind·; Forum 2311

Wir Kinder wären dann, bitte, auch noch da: Eltern und Lehrkräfte mahnen die Politik, die Lasten im Corona-Kampf gerecht zu verteilen.

(Foto: Marijan Murat, dpa)

"Immer noch besser als wieder Distanz- und Wechselunterricht" und Kommentar "Die Kinder müssen es wieder ausbaden", beides vom 13./14. November:

Konfliktträchtige Vorgaben

Ein großes Lob an Kathrin Aldenhoff, die mir sowohl als Vater als auch als Lehrer aus der Seele spricht. Es erschreckt mich zutiefst, dass nun wieder Einschränkungen für Kinder im sozialen Bereich beschlossen werden, selbst wenn diese hektisch nach dem Herausposaunen gleich wieder aufgeschoben (aber eben nicht zurückgenommen) wurden. Die beschriebenen Auswüchse wie der Ausschluss ungeimpfter Kinder von Schul-Unternehmungen sind aus sozialpsychologischer Sicht ein Super-Gau. Ein Aspekt fehlt mir allerdings: Die Maskenpflicht in den Klassenzimmern wurde wieder eingeführt, ohne dass es einen Nachweis gibt, dass Corona-Infektionen überhaupt vermehrt in den Schulen weitergegeben werden. Es wäre ja auch höchst verwunderlich, wenn sich ausgerechnet in der Schule, wo die strengsten Maßnahmen greifen (bis zu täglicher Testung aller Anwesenden, Lüften, CO2-Messgeräte, Abstandsregelungen, teils Luftfilter...), die Kinder anstecken. Und auch wenn die Maskenpflicht im Vergleich zum Wechselunterricht das "kleinere Übel" ist, so belastet das stundenlange Maskentragen (im Gymnasium bis zu zehn Stunden am Stück!) doch Gesundheit und Konzentration der Schüler, weshalb eine Maskenpflicht nur auf einer soliden wissenschaftlichen Grundlage eingeführt werden sollte.

Holger Nachtigall, Sachsenried

Maßnahmen reichen nicht

An einem Münchner Gymnasium unterrichtend; bedaure ich es, dass die Stadt derzeit ein Problem mit der Kontaktnachverfolgung hat und somit die bislang verhältnismäßig niedrige Inzidenz anzuzweifeln ist. Bei weiter rasant steigenden Fallzahlen sollten auch Schulschließungen nicht völlig ausgeschlossen werden. Dem haben sowohl Lehrkräfte, Schülerinnen und Schüler als auch Erziehungsberechtigte entgegenzuwirken. Kaum jemand kann sich allein auf die von der Politik oft viel zu spät angeordneten Maßnahmen verlassen. Sich folgende Richtlinien immer wieder neu bewusst zu machen und umzusetzen, würde ungleich mehr Schutz bieten als zum Beispiel Luftfiltergeräte, mit denen in München momentan nur 50 Schulen bei allein rund 50 Gymnasien ausgestattet sind: Engmaschiges Lüften in allen Unterrichtsräumen und auf den stark frequentierten Gängen, kurze Bewegungseinheiten im Unterricht unabhängig vom jeweiligen Fach bei geöffneten Fenstern, Achtung auf warme Kleidung, Vermeidung von Überanstrengung der Schüler und Schülerinnen beim Sprechen mit Maske, Wechsel der Maske nach Durchfeuchtung, stressfreies Testen in angenehmer Atmosphäre, begleitende Maßnahmen bei positiv getesteten Schulkindern wie zum Beispiel psychologische Betreuung durch die begleitende Lehrkraft, Fördermaßnahmen bei Unterrichtsausfall, auf dem Schulweg Vermeidung von Hauptverkehrszeiten in öffentlichen Verkehrsmitteln, Stärkung der Immunabwehr durch gesunde und ausgewogene Ernährung sowie durch Sport und Spiel und natürlich Nutzung des Impfangebots. Corona ist eine Herausforderung für uns alle, aus der wir, wenn wir sie gemeinsam meistern, gestärkt hervorgehen können!

Christine Lanzinger, Mallersdorf-Pfaffenberg

Verratene Kinder

Danke für den Kommentar "Die Kinder müssen es ausbaden". Endlich wird der Verrat an den Kindern einmal thematisiert. Das Versagen und die hilflosen, zum Teil wirren Aktionen unserer Landesregierung dürfen nicht auf dem Rücken der Kinder ausgetragen werden. Die Spaltung der Gesellschaft, die auch durch die mangelnde und einseitige Kommunikation der Politik mit den Bürgern hervorgerufen wurde, darf nicht in die Klassenzimmer getragen werden. Wie soll eine künftige Gesellschaft aussehen, wenn wir zulassen, dass jetzt die Kinder gegeneinander ausgespielt werden. Wie von Ihnen beschrieben, sind die Schulkinder die am meisten getestete Bevölkerungsgruppe, somit sowieso schon eine große Hilfe zur Eindämmung von Corona. G2 ab zwölf Jahren ist menschenverachtend und grausam, dazu völlig unnötig. Gebt den Kindern die Freiheit zu einer gesunden Entwicklung zurück, soweit irgend möglich, und mahnt die Erwachsenen zu der Solidarität, die Herr Holetschek so zynisch den Kindern abverlangt. Wenn wir die Kinder verraten, verraten wir unsere Zukunft! Mit dem Fingerzeig auf diesen Betrug an den Kindern erfüllt die "Vierte Macht" ihren so wichtigen Auftrag für die Gesellschaft. Bitte weiter so!

Pascal Müllerschön, München

Das Wichtigste, oder?

Kinder sind unser höchstes Gut, unsere Zukunft, das Wichtigste einfach! Gibt es irgendeinen Menschen, der das nicht unterschreibt, in Frage stellt, nicht danach handelt oder es gar verneint? Ich wage es, denn es ist die größte gesamtgesellschaftliche Selbstlüge über Ländergrenzen und Kulturen hinaus. Werfen wir einen Blick auf die Bildungsausgaben der Staaten (in Prozent des jeweiligen BIP, veröffentlicht von Statista 2021): Norwegen 6,6 Prozent, Durchschnitt OECD 4,9 und Deutschland 4,3. Soviel sind uns unsere Kinder, unsere Zukunft also wert! Gerade in den letzten 16 Monaten ist mir das Maß unserer Wertschätzung gegenüber unserem höchsten Gut noch einmal besonders deutlich geworden: Wir haben Kinderspielplätze (im Freien!) gesperrt, ganze Schulen wochenlang geschlossen, Kontaktbeschränkungen ausgesprochen und Sporttreiben in der Gruppe (auch im Freien!) monatelang verboten. Was antworten wir unseren Grundschulkindern, wenn sie uns fragen, warum sie jeden Tag stundenlang eine Maske im Unterricht tragen müssen, obwohl sie regelmäßig getestet werden und gleichzeitig Zehntausende ohne Maske die Eröffnung der Karnevalssaison feiern oder im Fußballstadion jubeln? Die sind geimpft oder genesen, ihr seid uns das Wichtigste!

Dr. Thilo Herberholz, Bad Kissingen

Vorm Schulbesuch zur großen Test-Rallye

Freitagnachmittag, 12. November: Anruf von der Schule. Mein Sohn, elf Jahre alt, braucht einen PCR-Test, sonst darf er ab Montag nicht in die Schule. Grund: In seiner Klasse gibt es zwei Corona Fälle - keine große Überraschung in Anbetracht der aktuellen Lage. Die Corona-Ampel steht mittlerweile auf dunkelrot. Im Testzentrum am Deutschen Museum sind bereits alle Termine online vergeben - klar, das Wochenende steht vor der Türe, und noch gilt ja die 3G-Regel. Aber man kann ja auch ohne Termin zum Test...

Mein Sohn und ich sind erleichtert. Zur Sicherheit stehen wir trotzdem eine halbe Stunde vor Öffnung am Testzentrum, vor dem sich recht schnell eine Menschenschlange bildet. Endlich, das Testzentrum öffnet. Und schickt uns, wie viele andere, wieder weg. Ohne Termin keine Chance. Keine Ausnahmen - trotz Katastrophensituation. Tut ihnen leid, Kapazitäten sind erschöpft. Auch mein Sohn wird nicht getestet, er ist an dem Morgen das einzige Kind in der Menschenschlange. Ein junger Mann ruft ihm zu: Sei nicht traurig Junge, dann hast du halt ein paar Tage frei! Meinem Sohn kommen die Tränen; er möchte nicht frei haben. Ohne PCR-Ergebnis bedeutet das sowieso erst mal Quarantäne für ihn. Er möchte einfach in die Schule gehen können, auch wenn dort wieder Maskenpflicht im Klassenzimmer herrscht. Hauptsache, nicht noch mehr verpassen. Er möchte seine Freunde treffen. Wir sind mitten in der vierten Welle... Leider ist mein Sohn erst elf Jahre alt und deshalb noch nicht geimpft.

Sonntag, 14. November: Die Zahl der infizierten Kinder in der Klasse meines Sohnes hat sich verdoppelt. Ich werde morgen Urlaub nehmen, und dann werden wir versuchen, einen PCR-Test für meinen Sohn zu bekommen.

Sabine Sittinger, München

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