bedeckt München
vgwortpixel

Bevölkerungswachstum:Bildung, weniger Kirche

Ein Leser macht die Kirchen mitverantwortlich für das starke Anwachsen der Welt­bevölkerung. Eine Leserin warnt, dass Bildung hier kein Allheilmittel sei, Familien­planung habe in Afrika oft nur in Städten Erfolg.

Zu "Pro Jahr einmal Deutschland", Thema des Tages vom 13. November:

Es ist gut, dass die SZ sehr differenzierte Artikel zu den Problemen und Einflussfaktoren des hohen Bevölkerungswachstums, der weithin fehlenden Selbstbestimmung der Frauen und dem vielen menschlichen Leid durch ungewollte Schwangerschaften in den Ländern Afrikas südlich der Sahara gebracht hat. Es ist aber fatal, wenn es dann heißt, "Bildung ist das beste Verhütungsmittel". Es ist wahr, dass es starke Parallelen zwischen dem Bildungsniveau der Frauen und deren Geburtenzahl gibt. Dabei ist das Bildungsniveau aber nur einer von mehreren Faktoren, die zu der geringeren Geburtenzahl führen.

Die Familien der Mädchen, die länger die Schule besuchen, sind bis zu 90 Prozent keine Landwirte. Es sind überwiegend Familien in den Städten und deren Umfeld, auf dem Land mal Kinder von Lehrern, Gesundheitspersonal und anderen meist außerhalb der Landwirtschaft. Deren Kinder können - anders als bei Landwirten - nicht früh im Erwerb von Vater und Mutter mitarbeiten und damit kaum zum Unterhalt der Familie beitragen.

Oft hat mindestens der Vater schon eine längere Schulbildung, die Familie ist für Neuerungen aufgeschlossen. In den Städten und ihrem Umfeld wird auch in vielen Ländern Afrikas südlich der Sahara oft in der Öffentlichkeit für die Prävention von HIV mittels Kondomen und die Notwendigkeit größerer Abstände zwischen den Geburten sowie für maximal drei Kinder geworben. Die Menschen in den Städten haben leichteren Zugang zu Gesundheitsstationen und Apotheken oder sogar Beratungsstellen für Familienplanung, in denen es auch die Pille gibt. Mit mehr Schulen werden auch die Probleme der über 200 Millionen Frauen nicht gelöst, die keine Kinder mehr wünschen oder gerne eine längere Geburtenpause hätten, aber keinen Zugang zu Verhütungsmöglichkeiten haben.

Dr. Gudrun Eger-Harsch, Augsburg

Vergessen wird die unrühmliche Rolle der katholischen Kirche, die lange den Geschlechtsverkehr ohne Zeugungsabsicht als Sünde brandmarkte. Vor 50 Jahren setzte sich die Kirche zuletzt in der Enzyklika "Humanae vitae" mit diesem Thema auseinander. Liest man die Enzyklika, so spürt man den Unwillen, mit dem sie Geburtenkontrolle grundsätzlich zulässt, aber nur das uneffektivste Verfahren als "natürlich" legalisiert. Dummerweise erließ Paul VI diese Enzyklika "ex cathedra", was seinen Nachfolgern Änderungen erschwert. Wer gibt schon gerne zu, dass damals der Heilige Geist vermutlich einen schlechten Tag gehabt hat. Deshalb kritisiert Franziskus in seiner Enzyklika "Laudato si" die Ausbeutung der Umwelt durch den Menschen, ohne die Rolle der Familienplanung und Bevölkerungspolitik in dem Zusammenhang zu erwähnen.

Jürgen Krupp, München