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Afghanistan:Was hat der Einsatz gebracht?

20 Jahre nach Beginn des Krieges am Hindukusch ziehen die westlichen Truppen ab. Weil die Lage vor Ort nach wie vor instabil ist und die radikal-islamischen Taliban mehr Einfluss gewinnen, fällt das Resümee von Lesern kritisch aus.

SZ-Zeichnung: Fares Garabet

Zu "Unser aller Krieg" vom 7. Mai sowie zu "Macht, Ohnmacht, Niederlage", 4. Mai:

Es ging um unsere Sicherheit

Der Text von Johannes Clair ("Unser aller Krieg") ist ein eindrucksvolles Dokument eines Beteiligten und Betroffenen. Leider wird auch hier, wie oft, der unvergessene Peter Struck unkorrekt zitiert. Nicht "Deutschlands Freiheit" werde am Hindukusch verteidigt, sagte der damalige Bundesverteidigungsminister im Dezember 2002 im Bundestag, sondern "Deutschlands Sicherheit". In Anbetracht der Umtriebe von al-Qaida in Afghanistan war das doch durchaus plausibel.

Dr. Herbert Kraume, Merzhausen

Verantwortungsloser Krieg

Der Krieg in Afghanistan ist nicht "unser aller Krieg". Dagegen will ich mich strikt verwehren. Womöglich ist er das für eine Mehrheit bei uns, aber definitiv nicht für alle. Ich - und nicht nur ich - bin gegen diesen Krieg, bin gegen den Einsatz von Hunderten oder gar Tausenden Milliarden Dollar, um ein Land durch Bombardierungen zu "befreien", bin gegen das Umbringen von Hunderttausenden Menschen, finde es schrecklich und verantwortungslos, aber auch die absolut passende Konsequenz, wenn nach 20 Jahren Krieg die bedingungslose Auslieferung des Landes an die Taliban steht. Hunderttausende Tote, damit Mädchen in die Schule gehen können? Was für ein bizarrer Irrsinnsgedanke!

Da ist meines Erachtens überhaupt gar nichts an diesen 20 Jahren, was menschlichen Werten diente. Es diente deutscher Nato-Nibelungentreue und imperialistischen Interessen - schon klar, dass das den Militaristen einen heroischen Soldateneinsatz und Milliardensummen wert ist. Aber es ist nicht im Geringsten "mein Krieg"!

Franz Garnreiter, Rosenheim

Es war vorhersehbar

Die Nato erklärte Mitte April, dass sie ihre Soldaten aus Afghanistan abziehen werde. Eine absolut richtige Entscheidung, ohne Wenn und Aber. Die Supermacht Sowjetunion war schon mit ihrer militärischen Intervention - zur Unterstützung der afghanischen Kommunisten - im gebirgigen Afghanistan gescheitert. Nach zehnjährigem Krieg kam die Sowjetunion 1989 zu dem Schluss, dass der Kampf in Afghanistan nicht zu gewinnen sei, und zog ihre Truppen ab. 15 000 Rotarmisten verloren in Afghanistan ihr Leben. Eigentlich hätte dies Amerikanern und Europäern eine Warnung sein müssen. Der Einmarsch der Amerikaner in Afghanistan war ein nicht zu Ende gedachter Schnellschuss als Reaktion auf den Terrorakt der Islamisten in New York. Deutschland und einige andere westliche Länder sind einfach gedankenlos mitmarschiert. Fazit nach zwanzig Jahren Krieg in Afghanistan: außer Spesen und vielen toten Soldaten nichts gewesen, was meines Erachtens vorhersehbar war.

Als Ende 2001 im Bundestag über den Afghanistan-Einsatz abgestimmt wurde, saß ich vor dem Fernseher. Mit Verwunderung nahm ich zur Kenntnis, dass die Mehrheit der Abgeordneten für die Entsendung deutscher Soldaten nach Afghanistan stimmte, wohlwissend, wie es der Sowjetunion ergangen war. Die Grünen, die bis dato mit dem Zitat "Schwerter zu Pflugscharen" in den Wahlkampf gezogen waren, hätten es verhindern können, taten es aber nicht. Mehr als 50 deutsche Soldaten haben in Afghanistan ihr Leben gelassen. Für was?

Dr. Karl Hahn, Bad Salzungen

Demokratie geht nicht mit Gewalt

Als "zentrale Botschaft", die die USA zehn Jahre nach Ausschaltung von Osama bin Laden aus dem Terror des 11. September ziehen sollten, empfiehlt Stefan Kornelius in seinem Kommentar mit Blick auf Afghanistan: "Bleibt standhaft." Das sehe ich anders. Die richtige Botschaft wäre die Einsicht, dass sich Demokratie nicht mit Gewalt verbreiten lässt. Die USA haben auf den Terroranschlag mit zwei Kriegen geantwortet. Das hat nicht nur unendliches Leid in den betreffenden Ländern nach sich gezogen und zum "Islamischen Staat" geführt, sondern auch demokratische Bewegungen weltweit in Misskredit gebracht. Wer wie die US-Regierung die Ausbreitung von Demokratie mit machtpolitischen und wirtschaftlichen Motiven verbindet, untergräbt die Glaubwürdigkeit derer, denen es wirklich nur um Demokratie geht.

Dr. Hans-Joachim Schemel, München

Neue Flüchtlingswelle erwartet

Seit den Verhandlungen zwischen der USA und den Taliban sterben zwar keine ausländischen Soldaten mehr, allerdings spitzt sich die Lage im Land zu. Die Bevölkerung wird alleine gelassen mit einer Terrorvereinigung. Beinahe täglich sterben Menschen, die Zukunft der Bürger wird zerstört, und Verzweiflung macht sich breit. In meinen Augen überlässt die Bundesregierung eine Herde Schafe einem Wolfsrudel. Die Geschichte lehrt uns, dass Kriege, Unterdrückung und Perspektivlosigkeit immer schon Menschen zur Flucht bewegt hat. In Afghanistan sind 2020 über 3000 Zivilisten durch Kampfhandlungen ums Leben gekommen. In einem Interview des Deutschlandfunk berichtete ein afghanischer Polizist, dass er bei Verbrechen der Taliban nicht eingreift, da diese in wenigen Monaten in seinem Land das Sagen haben und er Angst um sich und seine Familie hat. Bildung ist dort entweder wenig oder nicht vorhanden.

Wofür die Bundesregierung in Afghanistan gerade die Grundsteine legt, ist die Produktionsstelle einer neuen Flüchtlingswelle und eine Rückkehr von extremistischen Gruppen wie die des IS oder der al-Qaida.

Linus Twieling, Reichenau

Frauen fürchten um ihr Leben

Nicht ganz zu Unrecht zieht die deutsche Verteidigungsministerin eine positive Bilanz des westlichen Afghanistan-Einsatzes hinsichtlich umgesetzter Pilotprojekte zu Frauen- und Mädchenrechten. Paradoxerweise tut sie dies anlässlich des baldigen Abzugs der Bundeswehr. Meine Prognose: Bald werden in Afghanistan die Mädchenschulen geschlossen und Frauen aufgrund eines Lippenstifts in der Handtasche wieder um ihr Leben fürchten müssen.

Dipl.-Pol. Peter Wilhelm, Berlin

Vietnam 2.0?

Dieser Krieg wird nach dem Abzug der westlichen Truppen nicht mehr länger als ein paar Monate dauern: Die Taliban, keineswegs nur Steinzeit-Islamisten, haben den Verlauf des Vietnamkriegs genauestens studiert und die Memoiren des damaligen US-Außenministers Henry Kissinger sorgfältig gelesen. Auch der Vietcong und die nordvietnamesische Armee haben Anfang der Siebzigerjahre festgestellt, dass sie die USA militärisch nicht besiegen können. Deshalb haben sie jahrelang Friedensverhandlungen geführt, die USA hingehalten, im Guerillakrieg zermürbt und darauf gewartet, dass diese kriegsmüde werden.

Die Rechnung des Vietcong ist aufgegangen: Der listige Verhandlungsführer Le Duc Tho versprach im Friedensabkommen von Paris seinem Verhandlungspartner Henry Kissinger das Blaue vom Himmel, insbesondere Frieden und eine Regierung der nationalen Einheit mit der mit den USA verbündeten Saigoner Regierung. Das Friedensabkommen wurde unterzeichnet, und als i-Tüpfelchen erhielt Le Duc Tho zusammen mit Henry Kissinger auch noch den Friedensnobelpreis, um postwendend den Vietcong und die Nordvietnamesen nach dem Abzug der US-Armee in Saigon einmarschieren zu lassen, die am Tropf der US-Armee hängende Regierung hinwegzufegen und Saigon zu Ho-Chi-Minh-Stadt zu machen.

Diese höchst effektive Strategie haben die Taliban übernommen, um aus dem militärischen Patt einen Sieg zu machen. Sie haben die USA, den Westen insgesamt, mit Pseudoverhandlungen in Katar hingehalten und beschränken sich auf gelegentliche Bomben- und Terroranschläge, um die Bereitschaft zum baldigen Abzug so zu fördern. Auch hier gibt den Taliban der Erfolg recht: Die westlichen Truppen verlassen Hals über Kopf Afghanistan, übrig bleibt auch hier eine korrupte, in der Bevölkerung höchst unbeliebte Marionetten-Regierung, beschränkt auf Kabul, die in wenigen Monaten nach dem Abzug von den Taliban überrannt werden wird.

Aktuell ist das Bestreben, chaotische Bilder zu vermeiden, wie sie seinerzeit beim fluchtartigen Abzug der US-Amerikaner aus Saigon um die Welt gegangen sind - mit abstürzenden Hubschraubern und allgemeinem Chaos beim Einmarsch des Vietcong.

Wolfram Salzer, Neustadt bei Coburg

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© SZ vom 18.05.2021
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