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Wirtschaftskrise international:Tristesse globale

Die Deutschen jammern, dafür sind sie berühmt. Sie haben Angst vor Kündigung, Statusverlust, Hartz IV. Wie gehen andere Länder mit der Krise um? SZ-Korrespondenten haben sich umgehört.

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Wirtschaftskrise USA, afp

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Manche Experten sehen schon einen Silberstreif am Horizont, andere meinen, die wirtschaftliche Talsohle sei noch lange nicht erreicht. Doch ganz unabhängig davon, was Ökonomen sagen: Die Deutschen jammern, dafür sind sie berühmt. Sie haben Angst vor Kündigung, vor Statusverlust, ganz allgemein vor der Zukunft. Aber sind sie mit ihren Ängsten wirklich allein auf der Welt? Wie gehen andere Länder mit der Krise um? Und wie sehr macht man sich andernorts Sorgen um den Job? SZ-Auslandskorrespondenten haben sich umgehört.

Amerika steht Schlange

von Jörg Häntzschel "Wir müssen die Polizei holen", sagte der Brooklyner Kongressabgeordnete Edolphus Towns entsetzt, als er die Schlange vor der Job-Börse sah, die er organisiert hatte. 400 Stellen hatten die Arbeitgeber dort zu vergeben, 5000 Menschen waren gekommen. Doch obwohl die allermeisten vergeblich anstanden, blieb alles zivil. Die mehr als 600.000 Amerikaner, die seit Januar Woche für Woche ihre Stelle verloren und Arbeitslosenhilfe beantragt haben, erdulden ihre Situation mit der landestypischen Mischung aus Resignation und ungebrochenem Optimismus. Dabei sind die Aussichten weiterhin nicht rosig: Der erhoffte Kickstart der Konjunktur durch Präsident Obamas Stimulus-Paket ist weitgehend ausgeblieben. Und selbst wenn in den nächsten Monaten die Krise überwunden ist, rechnet kaum jemand damit, dass die Firmen ihr gefeuertes Personal bald wieder anheuern werden. Bescheidener Hoffnungsschimmer: Zum ersten Mal seit Januar ist die Zahl der Arbeitslosen wieder gefallen.

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Wirtschaftskrise China, ap

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China steht leer

Henrik Bork Xiao Wu hätte sich ein besseres Jahr vorstellen können, um seinen Abschluss an der Industrie-Universität in Guangzhou zu machen. "Wegen der Finanzkrise wird es besonders für Hochschulabsolventen schwer, dieses Jahr eine Anstellung zu finden", zitieren ihn die Pekinger Nachrichten. 5,6 Millionen neue Hochschulabsolventen drängen in China in diesem Jahr auf den Arbeitsmarkt. Und weil auch schon in den vergangenen Jahren mehrere Millionen Akademiker keine Arbeit gefunden haben, sind jetzt bald mehr als zehn Millionen von ihnen arbeitslos.

In chinesischen Großstädten wie Shanghai oder Peking ist auf den ersten Blick von der Wirtschaftskrise nicht viel zu spüren. Neureiche Konsumenten gehen schwer beladen mit Einkaufstüten voller Designerware spazieren. Doch bei genauerem Hinsehen entpuppen sich beispielsweise viele der nagelneuen Büroetagen im Pekinger "Central Business District" als leer. Der nacholympische Boom, auf den ihre Bauherren spekuliert hatten, lässt zumindest noch eine Weile auf sich warten. Die Regierung hat mit großzügigen Konjunkturpaketen geantwortet und wird so zumindest kurzfristig weiteres Wachstum garantieren können. Gerade hat die Weltbank ihre Wachstumsvorhersage für China auf 7,2 Prozent für das laufende Jahr angehoben. Wie schwer die Krise China letztlich treffen wird, lässt sich aber noch nicht sicher prognostizieren.

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Wirtschaftskrise Großbritannien, afp

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Großbritannien emigriert

von Andreas Oldag Daniel Connon hat Wirtschaftswissenschaften und Management an der Universität von Oxford studiert. Früher war dies ein Garantieschein für einen hochbezahlten Job im Londoner Finanzviertel. Doch Connon macht sich angesichts der schweren Rezession und Finanzkrise keine Illusionen. "Ich muss damit rechnen, längere Zeit einen Job zu suchen", meint der 27-Jährige. Tausende junger Berufsanfänger sind in der gleichen Situation: Während die britische Wirtschaft noch 2007 händeringend nach Fachkräften suchte, hat sich der Arbeitsmarkt erheblich verschlechtert. Die Jobsuche gerät zum Vabanquespiel. Die Einstiegsgehälter sinken. Besonders hart hat es die Finanzbranche getroffen - einst die treibende Kraft der britischen Wirtschaft. Einer Umfrage zufolge überlegen bis zu 30 Prozent der Beschäftigten im Londoner Banken- und Finanzgewerbe, wegen schlechter Karriereaussichten die Stadt zu verlassen. Als bevorzugte Orte werden dabei Hongkong, Shanghai, Dubai und Zürich genannt.

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Wirtschaftskrise Indien, Reuters

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Indien boomt weiter

von Oliver Meiler Über Indien hängt trotz globaler Krise die feste Gewissheit, dass der Aufstieg eben erst begonnen hat. Die Baisse traf Indien bisher nur in wenigen, vom Welthandel abhängigen Sektoren: Textil, Edelsteine, Informationstechnologie. Denn das Land lebt gewissermaßen von sich selbst - von seinem großen und stetig wachsenden Binnenkonsum. Die Statistiker stützen die Euphorie. Das Wirtschaftswachstum soll bereits dieses Jahr wieder mehr als sieben Prozent betragen und damit erneut einige Dutzend Millionen Inder aus der Armut heben. Das Pro-Kopf-Einkommen hat sich in den vergangenen sieben Jahren verdoppelt. Die Kommunikationstechnologien sind der Stolz der Inder. Die Branche beschäftigt zwar nur einige Millionen Menschen des Milliardenvolkes, während ein Großteil noch immer in der Agrarwirtschaft und im Staatsdienst arbeitet. Doch sie zieht viele junge Inder an. In Zukunft könnten es noch mehr werden: wenn die Firmen aus den geplagten Industrienationen sich wieder fangen und ihre Backoffices mehr noch als vor der Krise auslagern - nach Indien.

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Wirtschaftskrise Italien, ap

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Italien banalisiert

von Ulrike Sauer Vor einem Jahr stellte Bticino noch ein. "Wer hier arbeitet, fühlte sich sicher", sagt Aldo Cosenza, Angestellter bei Italiens führendem Markenhersteller von Lichtschaltern. Im April führte die Firma Kurzarbeit ein. "Damit habe ich nicht gerechnet", sagt der 49-Jährige. "Ich habe schon viele Krisen erlebt, aber diese macht mir Angst." Noch beunruhigender ist für ihn, dass auch Frau und Sohn von ihren Arbeitgebern in den Zwangsurlaub geschickt wurden. Dabei ist Krise in Italien offiziell ein Fremdwort. Silvio Berlusconi banalisierte die Rezession von Anfang an als psychologisches Problem. Industrieminister Claudio Scajola erklärt nun, die Krise sei "im Großen und Ganzen vorüber". Das ist reine Fiktion. Um fünf Prozent, so erwartet die italienische Zentralbank, wird die Wirtschaft 2009 schrumpfen. Die Arbeitslosenrate dürfte auf mehr als zehn Prozent ansteigen.

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Wirtschaftskrise Frankreich, afp

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Frankreich gebiert

von Michael Kläsgen Schon vor der Wirtschaftskrise ergaben Umfragen, zwei Drittel der Franzosen befürchteten, ihren Kindern werde es mal schlechter gehen als ihnen. "Den Franzosen ist die Globalisierung unheimlich", sagt der Ökonom Patrick Artus. "Die Krise hat dieses Gefühl bestärkt." Es reicht von der Besorgnis, das eigene Savoir-vivre (Wein, Käse, öffentlicher Dienst) könnte (wegen der Bürokraten in Brüssel) verlorengehen, bis hin zur rabiaten Verteidigung des Besitzstandes: Man erinnere sich an die Geiselnahmen von Firmenchefs in den vergangenen Wochen, die Hungerstreiks von Gewerkschaftern und die randalierenden Fabrikarbeiter. Im krassen Gegensatz zu den sichtbaren Zukunftsängsten stehen die Verlautbarungen der Regierung, die beruhigend wirken sollen. Danach schlägt sich Frankreich in der Krise besser als viele andere Länder. In der Tat soll das Wachstum dieses Jahr "nur" um drei Prozent einbrechen. Optimistisch stimmt das aber niemanden. Das tut eher die hohe Geburtenrate.

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Wirtschaftskrise Schweden, afp

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Schweden ist gelassen

von Gunnar Herrmann Kurz vor der Sonnenwende ist es doch noch zu einem kleinen Aufstand gekommen: In einem Getränkelager bei Stockholm traten die Arbeiter in einen wilden Streik und drohten, sie würden die Auslieferung des zum Mittsommerfest dringend benötigten Branntweins blockieren. Sie wollten damit die Kündigung einiger Kollegen verhindern. Gebracht hat es nichts - nach ein paar Tagen brachen sie ihre Aktion ergebnislos ab. Es gibt jedoch erstaunlich wenig Vorfälle dieser Art in Schweden, die Krise erträgt man mit Gleichmut. Dabei lag die Arbeitslosenquote im Mai bei neun Prozent - ein Jahr zuvor waren es nur 5,9 Prozent gewesen. Und das Statistische Zentralbüro des Landes erwartet sogar, dass die Quote bis zum Ende des Jahres 2010 über die elf Prozent klettert. Trotz der düsteren Aussichten bleiben die meisten Schweden gelassen. Viele Schweden erinnert der derzeitige Abschwung an jenen nach der Bankenkrise Anfang der neunziger Jahre. Auch damals mündeten missglückte Finanzspekulationen in eine Entlassungswelle - aber danach ging es bald wieder aufwärts.

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Wirtschaftskrise Argentinien, ap

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Argentinien improvisiert

von Peter Burghardt Das Wort "Krise" begleitet Argentinien seit Jahrzehnten. Einst war die südamerikanische Nation reich und wie die USA Ziel von Millionen Immigranten. Dann stürzte Argentinien sagenhaft ab, und die Argentinier wanderten in Scharen aus. Nach dem Staatsbankrott 2002 ging es wieder rasend schnell aufwärts, nun braucht die Regierung erneut dringend Geld. Viele Bewohner in Buenos Aires und dem Rest des Riesenreiches wurden von den periodischen Zusammenbrüchen aus der Mittelschicht an den Rand gedrängt, andere retteten sich mit Reserven, Glück und Geschick. Jedenfalls macht Argentinien seit Jahren vor, wie man mit Engpässen umgeht. Man spart, flüchtet, improvisiert, schimpft - zeigt Gelassenheit, Humor, Selbstbewusstsein. Noch eine Krise? Ist auch schon egal. "Wir waren immer Avantgarde", sagt ein Weinverkäufer, "auch bei Finanzkrisen."

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Wirtschaftskrise Uganda, afp

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Uganda bleibt heiter

von Arne Perras Uganda hat schon schlimmere Zeiten überstanden als diese Finanzkrise. In den siebziger Jahren stürzte das ostafrikanische Land in einen schlimmen Bürgerkrieg, der erst mit dem Sieg des damaligen Rebellen und heutigen Präsidenten Yoweri Museveni 1986 endete. Die Bankenkrise ist weniger spürbar geworden als in Europa und den USA, weil die Kapitalverflechtungen geringer sind. Dennoch gibt es Sorgen, dass die Entwicklungshilfe wegen der Wirtschaftskrise zurückgehen könnte. Die Menschen, die in Armut leben, kämpfen schon länger mit steigenden Lebensmittelpreisen, die meisten Leute in den Städten überleben als Tagelöhner. Aber das Land mit 32 Millionen Einwohnern ist fruchtbar und sichert den Bauern in den Dörfern eine bescheidene Existenz. In eine tiefe Depression ist das Land, das vor allem Kaffee, Tee und Fisch exportiert, nicht verfallen. Das ist nicht die Art der Ugander, die schon so viel erlebt haben, dass sie nicht so schnell ihre Fassung verlieren.

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Wirtschaftskrise Australien, ap

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Australien spart

von Urs Wälterlin Wer wissen will, wie der Australier tickt, geht zu Harvey Norman. Die größte Elektronikhandelskette des Landes ist ein Barometer der Befindlichkeit, ein Thermometer der Lust - der Lust am Konsum. Über Jahre haben die Firma Harvey Norman und ihre Aktionäre von der Hausse gelebt, vom Rohstoffboom, von dem direkt oder indirekt das ganze Land profitiert hat - zehn Jahre konstantes Wirtschaftswachstum.

Wenn Australier Geld haben, geben sie es aus: Sie gehören eigentlich zu den schlechtesten Sparern der westlichen Welt. Zum Höhepunkt der Rohstoffmanie war die Lust aufs Kaufen so groß, dass Harvey Norman einen Lastwagen in die abgelegene nordaustralische Minenstadt Mount Isa geschickt haben soll, vollgeladen mit Plasmafernsehern, 5000 Euro das Stück. Die Geräte seien nach 20 Minuten verkauft gewesen, so die Legende. Doch der Boom ist vorbei. Seit dem vergangenen Jahr braucht China kaum noch Kohle und Eisenerz aus australischen Minen. Von Orten wie Mount Isa ziehen die entlassenen Kumpel wieder in Richtung Süden, nach Sydney und Melbourne. Und bei Harvey Norman dreht das Personal Daumen. "Die Verkäufe sind drastisch zurückgegangen", sagt ein Angestellter in einer Zweigstelle südlich von Sydney, während er gelangweilt einen Computer auseinandernimmt. Die Finanzkrise scheint in Australien zu einem fundamentalen Wandel geführt zu haben. Denn immer mehr Menschen scheinen das Sparen zu entdecken. Es sei weniger der Verlust des Arbeitsplatzes als die Angst davor, die zum Geldhorten geführt habe, sagen die Wirtschaftsexperten. Denn die Arbeitslosenrate liegt nach wie vor bei vergleichsweise niedrigen 5,7 Prozent. Für Firmen wie Harvey Norman ist der Trend schmerzlich. Nicht einmal eine einmalige Stimulierungszahlung von etwa 400 Euro, die Premier Kevin Rudd fast jedem Bürger schenkte, war da eine Hilfe. Anstatt das Geld in einen neuen I-Pod zu investieren, wie Rudd eigentlich wollte, bleibt es auf dem Bankkonto liegen. Bis zum nächsten Boom.

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Wirtschaftskrise Türkei, afp

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Die Türkei sieht grau

von Kai Strittmatter Die Türken. Erkennen noch in dunkelster Nacht den hellgrauen Streifen. "Die Lage ist schlecht", sagt der Ökonom der Sekerbank, "aber sie wird langsam weniger schlecht." Arbeitslosigkeit und Haushaltsdefizit sind auf Rekordhöhe? Dafür - Tusch - ist das Handelsbilanzdefizit so niedrig wie schon ewig nicht mehr. Weil nämlich die Importe (minus 40 Prozent im ersten Quartal) noch schneller schrumpfen als die Exporte (minus 25 Prozent). Premier Tayyip Erdogan gefällt eine solche Sicht der Dinge. Erdogan besuchte eben den Erfinder Murat Günak. Günak hatte im Kino einen Film über das "Revolutionsauto" gesehen, das erste von der Türkei selbst produzierte Auto - und dabei "geheult wie ein Schlosshund". Flugs setzte er sich hin und baute ein Elektroauto. Das erste türkische Auto seit 48 Jahren. Von Null auf hundert in sieben Sekunden. Erdogan pries solche Tatkraft in Zeiten der Krise. Ob es so ein Erfolg wird wie der legendäre Vorgänger? Vom "Revolutionswagen" wurde 1961 ein Stück produziert, es fuhr genau hundert Meter.

Bild: afp (SZ vom 27.6.2009/bön)

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