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Weiterbildung:Wissen nach Bedarf

Bildungsexperte Martin Noack.

(Foto: Bertelsmann Stiftung)

Bei Fortbildungen liegen sowohl kurze Lehrgänge im Trend, als auch Studiengänge, die ganz spezielle Kenntnisse vermitteln, sagt Weiterbildungsexperte Martin Noack. Blended Learning biete außerdem große Vorteile.

Martin Noack, 41, beschäftigt sich seit 14 Jahren mit den Themen lebenslanges Lernen und Weiterbildung, erst am "Jacobs Center on Lifelong Learning" in Bremen, seit 2012 bei der Bertelsmann-Stiftung in Gütersloh. Ob mit einem Studium, einem Lehrgang, Seminar oder einer Meisterausbildung: Wer beruflich weiterkommen will, muss am Ball bleiben, bestätigt er.

SZ: Welche Arten von Weiterbildungen gibt es?

Martin Noack: Man muss drei Formen unterscheiden: formal, non-formal und informell. Ein Studium oder eine Ausbildung zum Meister fallen in den Bereich der formalen Weiterbildung, weil sie in der Regel zu einem Abschluss führen. Demgegenüber steht das sogenannte informelle Lernen, für das es meist keinen offiziellen Nachweis gibt. Das kann die Unterweisung durch den Chef sein, ein Messebesuch oder das Lesen eines Buches mit beruflichem Bezug. Was landläufig als Weiterbildung verstanden wird, fällt in den dritten Bereich: das non-formale Lernen.

Was versteht man darunter?

Bei der non-formalen Weiterbildung geht es um organisiertes Lernen in Kursen, das in der Regel nicht zu einem allgemein anerkannten Abschluss führt. Das kann zum Beispiel ein Kurs an der Volkshochschule sein oder der Besuch eines Management-Seminars. Auch im non-formalen Bereich muss wieder unterschieden werden. Zur nicht-beruflichen Weiterbildung zählen etwa Sprachkurse oder ein Kurs zu Fragen der Philosophie. Bei der beruflichen Weiterbildung unterscheidet man noch einmal: zwischen Kursen, die man selbst organisiert, und solchen, die während der Arbeitszeit stattfinden oder vom Arbeitgeber finanziert werden. Beispiele für solche betrieblichen Fortbildungen sind Excel-Kurse oder Kurse zu Arbeitsschutz oder Rechtsthemen. 2018 waren 72 Prozent aller Weiterbildungen betrieblicher Art.

In welchen Fächern sind Weiterbildungen besonders gefragt?

Der Schwerpunkt liegt auf den Themenfeldern "Wirtschaft, Arbeit, Recht", gefolgt von "Natur, Technik, Computer". Dann kommen "Gesundheit, Sport" und "Grundbildung, Sprachen, Kultur, Politik". Der erste Bereich hat in den vergangenen Jahren allerdings an Bedeutung verloren. Laut Adult Education Survey (AES), einer Datenerhebung über das lebenslange Lernen, fand 2012 in Deutschland noch jede dritte Weiterbildung im Bereich "Wirtschaft, Arbeit, Recht" statt, 2018 waren es nur noch 28 Prozent.

Wie lange dauert eine klassische Weiterbildung?

Dreiviertel aller Weiterbildungen dauern laut AES weniger als eine Woche, 29 Prozent sogar nur einige Stunden. Der Anteil dieser kurzfristigen Lehrgänge ist in den vergangenen Jahren deutlich gestiegen. Im Vergleich zu Personen ohne Berufsabschluss nehmen hoch qualifizierte Personen häufiger an Weiterbildungen teil. Durch das mitgebrachte Vorwissen reichen ihnen oft kürzere Maßnahmen. Im Prinzip verstärken Weiterbildungen also vorhandene Statusunterschiede. Dieser Abstand zwischen Hoch- und Geringqualifizierten ist bei der betrieblichen Fortbildung in den vergangenen zehn Jahren sogar größer geworden. Man spricht auch vom Matthäus-Effekt: "Wer hat, dem wird gegeben." Das ist ein riesiges Problem der Weiterbildung in Deutschland.

Was wird dagegen unternommen?

Am ersten Januar vergangenen Jahres trat das Qualifizierungschancengesetz in Kraft, mit dem der Staat Weiterbildungen stärker fördern will. Ermöglicht ein Unternehmen einem gering qualifizierten Mitarbeiter eine abschlussbezogene Fortbildung, übernimmt die Bundesagentur für Arbeit nicht nur bis zu 100 Prozent der Kosten dafür, sondern zahlt auch das Arbeitsentgelt. Unter Umständen kostet es das Unternehmen also nichts, einem Mitarbeiter zum Berufsabschluss zu verhelfen. Diese ausgestreckte Hand sollten die Betriebe ergreifen, um ihre Belegschaft fit für die Zukunft zu machen.

Gibt es weitere Möglichkeiten, Mitarbeiter zu fördern?

Informelles Lernen wird leider oft nicht wirklich als Weiterbildung verstanden, obwohl Umfragen immer wieder zeigen, dass das formale Lernen, also der Abschluss, zwar eine wichtige Grundlage für den Erfolg auf dem Arbeitsmarkt ist, Mitarbeiter aber erst durch informelles Lernen langfristig erfolgreich werden. Derzeit gibt es unterschiedliche Ansätze, dies sichtbar zu machen. Beispiele sind das Projekt "Valikom" des Bundesbildungsministeriums oder der Test "Myskills" der Bundesagentur für Arbeit. Diesen vierstündigen Computertest gibt es seit Ende 2017. Er macht Kompetenzen bei Menschen sichtbar, die zwar Arbeitserfahrung, aber keinen Berufsabschluss haben. Am Ende des Tests sehen die Teilnehmer und mögliche Arbeitgeber, in welchen Berufsfeldern sie schon selbständig arbeiten können und wo sich eine Schulung lohnt. Dieser Test ist aber nur ein erster Schritt. Was in Deutschland bisher noch fehlt, ist ein formales Zertifikat, das die Kompetenzen nicht nur feststellt, sondern auch offiziell festhält.

Welche Bedeutung hat das berufsbegleitende Studium?

Berufsbegleitend zu studieren, wird immer attraktiver. Es gibt inzwischen eine Vielzahl von maßgeschneiderten akademischen Angeboten, die an die Berufserfahrung der Studierenden anknüpfen. Die Hochschule Wismar bietet zum Beispiel speziell für Rechtsfachwirte und Notarfachwirte das Fernstudium Rechtswissenschaft an. Auch universitäre Zertifikatsprogramme sind beliebt, besonders, wenn für das Bestehen der Prüfungen international anerkannte ECTS-Punkte vergeben werden. Diese können auf ein späteres Vollstudium in passenden Fachgebieten angerechnet werden und verkürzen so die Studienzeit. Ein Problem gibt es allerdings: Ein Studium als Weiterbildung ist teuer - sei es wegen der Gebühren, oder weil man eventuell in Teilzeit gehen muss. Da stoßen viele an die Grenze ihrer finanziellen Möglichkeiten. Viele Förderungen, die für das Erststudium konzipiert wurden, greifen beim berufsbegleitenden Lernen nicht.

Wie wirkt sich die Digitalisierung auf Fortbildungen aus?

Der Trend geht in Richtung Blended Learning, eine Lernform, die Präsenzveranstaltungen mit digitalem Lernen kombiniert. Das kann so aussehen: In der ersten Phase treffen sich die Teilnehmer mit ihrem Lernbegleiter. Angenommen, es geht um Arbeitsorganisation, lernen sie, wie sie ihre Zeit einteilen oder die Arbeitsabläufe verbessern. Dann folgt eine Online-Phase, in der die Teilnehmer wöchentlich Aufgaben erledigen, Texte lesen oder Videos anschauen. Von ihren Erfahrungen und Lernfortschritten erzählen sie sich in regelmäßigen Skype-Gesprächen. Eine zweite Präsenzveranstaltung beendet den Kurs. Der große Vorteil dieses Ansatzes ist der Transfer in die Praxis. Beim Blended Learning kann das Gelernte einfacher angewendet werden, als wenn man zum Beispiel drei Tage irgendwo ein Seminar besucht, zurück an den Schreibtisch kommt und von Hunderten E-Mails überflutet wird. Ein großer Nachteil ist aber, dass man für diese Arte des Lernens nicht nur digital affin sein, sondern auch selbstgesteuert lernen können muss. Das fällt Personen schwerer, die nicht studiert haben oder schon in der Schule Schwierigkeiten hatten.

© SZ vom 13.03.2020
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