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Weiterbildender Master:Neuland erkunden

Auf geht’s in die Führungsetage: Der MBA bietet die Möglichkeit, Know-how im Finanzbereich, in den Naturwissenschaften oder anderen Gebieten mit Kompetenz im Management zu verbinden.

(Foto: Imago Images)

Viele wollen auf den Bachelor einen Master derselben Fachrichtung draufsatteln. Doch es kann sinnvoller sein, nach dem Erststudium Berufserfahrung zu sammeln und dann den MBA zu machen.

Von Benjamin Haerdle

Auf diese Frage müssen viele Studierende nach dem Bachelor eine Antwort für sich finden: Sattelt man gleich einen konsekutiven Master obendrauf oder sammelt man besser erst Berufserfahrung und macht später einen weiterbildenden Master? Auch Friederike Feige stand vor einigen Jahren vor dieser Wahl. Die damals 25-Jährige hatte gerade den Bachelor "Internationales Management" an der Universität Magdeburg absolviert. Doch sie wollte nicht sofort den Master dranhängen. "Dafür muss man schon genau wissen, was man will", sagt sie rückblickend. Sie wusste das noch nicht - auch weil sie den Bachelor als sehr theorielastig empfand und deshalb Sorge hatte, mit dem Master einen weiteren praxisfernen Uniabschluss zu erlangen.

Um europaweit vergleichbare Abschlüsse einzuführen, mussten Deutschlands Hochschulen von 1999 an im Zuge des Bologna-Prozesses Bachelor- und Masterabschlüsse anbieten. Sie lösten bis auf wenige Ausnahmen das Diplom und den Magister ab. Der Bachelor sollte den Einstieg in den Arbeitsmarkt ermöglichen, der Master den Einstieg in eine Karriere in der Forschung, so war damals die Vision. Reduzieren wollte man damit unter anderem die lange Studiendauer sowie die hohe Zahl von Studienabbrechern, die lediglich mit Vordiplom oder Magister-Zwischenprüfung einen schweren Start ins Berufsleben hatten. "Es ist sehr bedauerlich, aber die Vorteile der gestuften Studienstruktur werden von vielen Studierenden, Hochschulen und Dozenten bis heute noch nicht erkannt", sagt Christian Tauch, stellvertretender Generalsekretär der Hochschulrektorenkonferenz (HRK). Die gestufte Studienstruktur sei auch dafür gedacht, dass Studierende nach dem Bachelor innehalten und sich überlegen, ob sie im gleichen Fach eine Spezialisierung anstreben, sich in einem anderen Fach für einen Master etwa im Ausland bewerben oder zu einem späteren Zeitpunkt einen Weiterbildungsmaster wie den MBA machen. "Diese Wahlmöglichkeiten werden zu selten in Betracht gezogen", sagt Tauch.

Viele Studierende sind sich, abgesehen davon, nicht dessen bewusst, dass kein Zwang besteht, sein Bachelor-Wissen mit dem sogenannten konsekutiven Master zu vertiefen, sondern dass man im Masterstudium auch in einem anderen Fachgebiet Expertise erwerben kann. Die Technische Universität München (TUM) hat etwa den Master "Management" für Ingenieur- oder Naturwissenschaftler eingerichtet. "Dafür muss man keine speziellen wirtschaftswissenschaftlichen Vorkenntnisse mitbringen", sagt TUM-Studienberater Bernd Zumdick. Zudem sei der Studiengang in Vollzeit gebührenfrei, Bewerber müssten keine Berufserfahrung vorweisen. Auch in anderen interdisziplinären Masterstudiengängen sind an der TUM Richtungswechsel möglich: Für Absolventen aus den Bereichen Maschinenbau, Elektrotechnik und Ingenieurwesen führte die Uni den Master-Studiengang "Robotics, Cognition, Intelligence" ein. Wer sich für das Thema Nachhaltigkeit interessiert, kann sich für den Master "Sustainable Resource Management" einschreiben. Dieser ist offen für Bachelorabsolventen aus unterschiedlichsten Disziplinen.

"Wer allerdings Chemie oder Physik studiert, kommt kaum um den konsekutiven Master herum, weil die Universitäten das Studium so angelegt haben, dass man erst mit Bachelor und Master ein 'fertiger Chemiker' ist", sagt Frank Ziegele, Geschäftsführer des CHE Centrum für Hochschulentwicklung in Gütersloh. Arbeitgeber erwarteten etwa in der Chemie Masterabsolventen oder Promovierte, Bachelorabschlüsse würden kaum akzeptiert. In geisteswissenschaftlichen Fächern ist aus seiner Sicht das Problem, dass die staatlichen Hochschulen nach dem Bachelor fast nur den konsekutiven Master anbieten, aber nur selten den Weiterbildungs-Master. Letzterer setzt berufliche Erfahrung voraus und vermittelt Hochschülern Wissen aus einer ihnen neuen Branche. Er kostet mindestens einige Tausend Euro und ist oft berufsbegleitend. Da bei Geistes- und Sozialwissenschaftlern im Unterschied zu Betriebswirtschaftlern oder Ingenieuren die Einkommen niedriger seien und die Zahlungsbereitschaft für die Weiterbildung oft geringer sei, böten Hochschulen weiterbildende Masterprogramme seltener an.

Möglich sind weiterbildende Master jedenfalls grundsätzlich nicht nur an den privaten Business Schools, wo die Studiengebühren oft in eine fünfstellige Höhe gehen, sondern auch an den staatlichen Hochschulen. Die Universität Leipzig beispielsweise hat zehn weiterbildende Studiengänge im Angebot. Sie reichen vom Versicherungsmanagement über Toxikologie und Umweltschutz bis hin zum Managementprogramm Small Enterprise Promotion and Training (SEPT). "Die staatlichen Hochschulen sind gesetzlich zur Weiterbildung und damit auch zum Wissenstransfer für jene Menschen verpflichtet, die sich beruflich weiterbilden wollen", sagt Thomas Hofsäss, Prorektor für Bildung und Internationales. Die Weiterbildungsstudiengänge bilden derzeit aber noch nicht die Vielfalt derartiger Angebote ab, die an der Universität Leipzig möglich wäre. "Da gibt es noch Nachholbedarf." Von den Weiterbildungsangeboten profitiere die Universität, bekomme sie doch dadurch gute Kontakte in die Wirtschaft. Zugleich werde sie aber auch gefordert: Die Klientel der Teilnehmer habe hohe Ansprüche an die akademische Ausbildung "und die klare Erwartungshaltung, dass ihre Kompetenzen dadurch erweitert werden", sagt Hofsäss.

In Magdeburg entschied sich Friederike Feige, die vor ihrem Bachelorstudium eine Bankausbildung gemacht und als Kundenberaterin gearbeitet hatte, für den Leipziger SEPT-Weiterbildungsstudiengang - und damit gegen einen konsekutiven Master zum Thema internationales Management. "Die Inhalte des konsekutiven Masters erschienen mir zu theoretisch und zu wenig praxisnah, zudem gab es keine Projektarbeit in kleinen Gruppen", sagt sie. Im MBA-Programm SEPT, das sich mit dem Management und den Problemen und Perspektiven der Wirtschaftsförderung von kleineren und mittleren Unternehmen befasst, bekam sie gegen eine Studiengebühr von insgesamt 6000 Euro all das geboten, was ihr wichtig war: praxisnahe Studieninhalte, Kontakt mit internationalen Studierenden, Kooperation in Teams und Arbeit in Projekten für mittelständische Unternehmen. Dies sind nicht die einzigen Vorzüge, die generell für einen Weiterbildungsmaster sprechen könnten: "Wissen veraltet, lebenslanges Lernen ist nötig. Die Vorstellung, dass man nach dem Studium fertig ist und dann bis zur Rente arbeitet, ist überholt", ergänzt CHE-Chef Ziegele.

Bereits 2015 schloss Feige den MBA an der Universität Leipzig ab. Bereut hat sie das nicht: Sie verantwortet bei einem Immobilienunternehmen die Finanzierung beim Kauf von Grundstücken bis zum Verkauf des fertigen Quartiers an Investoren.

© SZ vom 16.10.2020
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