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Uni-Test:Germanisten scheitern an Grammatik

Angehende Lehrer beherrschen die deutsche Sprache, sollte man meinen. Von wegen: Bayerische Studierende haben bei einer Prüfung das Gegenteil bewiesen.

Nicola Holzapfel

Bayerns Germanistik-Studenten haben sich blamiert. Sie mussten in einem Kurztest ihr Grammatik-Wissen unter Beweis stellen. Das Ergebnis war katastrophal. Mehr als ein Drittel fiel durch. Und das bayernweit: Zwischen den einzelnen Hochschulstandorten gab es kaum Unterschiede. Die einzigen, die positiv auffielen, waren Österreicher, die in Passau eingeschrieben waren: Sie schnitten deutlich besser ab als ihre bayerischen Kommilitonen.

Uni-Test: Germanisten scheitern an Grammatik

Den Test hatten sich die Prüfer für die Staatsexamina im Fach "Deutsche Sprachwissenschaft" überlegt. Er wurde Studenten aller bayerischen Universitäten vorgelegt, die im Wintersemester 2006/2007 am Einführungsseminar in deutscher Sprachwissenschaft teilnahmen.

Die Aufgaben waren aus Sicht der Prüfer nicht schwer. Abgefragt wurden Grundlagen der Schulgrammatik, die in der siebten und achten Klasse behandelt werden. Die Teilnehmer mussten zum Beispiel eine Aussage in die indirekte Rede setzen und wissen, was ein Attribut ist. 77 Prozent der Teilnehmer erkannten "käme" nicht als Form des Konjunktivs Imperfekt. Für 88 Prozent war "manche" kein Pronomen und für 87 Prozent "dort" kein Adverb. Die Prüfer bescheinigen ihren Studenten ein schulgrammatisches Grundlagenwissen, das dem "Stand von Fünft- und Sechstklässlern" entspricht.

Sie selbst hat das nicht überrascht. "Uns ist schon seit langem aufgefallen, dass die Kompetenzen in Grammatik bei den Erstsemestern sehr bescheiden sind", sagt Wolfgang Schindler, der an der Ludwig-Maximilians-Universität in München Sprachwissenschaften lehrt und Studierende prüft. Mit den nun vorliegenden Daten wollen die Hochschullehrer ihre Forderung untermauern, dass in der Schule wieder mehr Grammatik gepaukt wird. Inzwischen stehen sie mit dem Kultusministerium im Gespräch. In Bayern hätten die Grammatikkenntnisse der Studierenden in den letzten fünf Jahren dramatisch abgenommen, sagt Mechthild Habermann vom Institut für Germanistik der Universität Erlangen-Nürnberg. Die Grundlagen würden komplett fehlen.

Bei den Studierenden hapert es aber offenbar nicht nur an der Grammatik. Auch andere Fähigkeiten lassen zu wünschen übrig. Die Studierenden könnten schlecht argumentieren und hätten auch oft Schwierigkeiten sich zu konzentrieren, berichtet Schindler aus dem Uni-Alltag. Er weiß, dass selbst unter den Lehramtstudenten zahlreiche Grammatik-Nieten sind: "Wir bemühen uns natürlich, ihnen im Studium das Nötigste beizubringen." Mechthild Habermann fordert, auch an der Uni die Grammatik-Ausbildung auszuweiten. Sie warnt vor einem Teufelskreis. Aus Studierenden, die nur unmotiviert Grammatik büffeln, würden schließlich schlechte Grammatiklehrer werden.

Die LMU München würde ihre Germanistik-Studierenden am liebsten schon vor Studienbeginn auf ihre Fähigkeiten prüfen. Im Gegensatz zu vielen anderen Fächern gibt es keinerlei Zulassungsbeschränkung. "Das ist fatal", sagt Schindler. "Bei uns landen alle. Selbst wenn sie woanders abgelehnt wurden." Der größte Teil seiner Studierenden wäre gerade mal mäßiger Durchschnitt. "Die Spitzengruppe wird immer kleiner". Doch der Antrag, Eignungstests einführen zu dürfen, wurde vom Ministerium abgelehnt.

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