Umstrittenes Waldorfschulen-Buch Rache der Anthroposophen

Wie stark ist die Pädagogik der Waldorfschulen von den esoterischen Lehren Rudolf Steiners geprägt? Das "Schwarzbuch Waldorf", das diese Frage untersucht, wurde nun per einstweiliger Verfügung untersagt.

Von A. Kissler

Das "Schwarzbuch Waldorf" darf vorerst nicht vertrieben werden. Auf Antrag des "Bundes der Freien Waldorfschulen e.V." (BFW) hat das Landgericht Stuttgart dem Gütersloher Verlagshaus per einstweiliger Verfügung untersagt, die Neuerscheinung auszuliefern. Autor Michael Grandt wirft im "Schwarzbuch" die Frage auf, wie stark die Pädagogik der Waldorfschulen von den esoterischen Lehren Rudolf Steiners geprägt sei (SZ vom 5. September 2008).

Unterricht an der Waldorfschule: Das "Schwarzbuch Waldorf" prangert die Einrichtungen an - und darf deshalb vorerst nicht ausgeliefert werden.

(Foto: Foto: ddp)

Stein des Anstoßes ist ein anthroposophisches Fachbuch, durch dessen Kommentierung und Zitierung der BFW die "Grenze zwischen zulässiger journalistischer Darstellung und unsachlicher Verunglimpfung" überschritten sieht. Grandt hatte aus dem fraglichen Buch den Satz zitiert, das "Schmerzerlebnis" habe auch bei Kindern "eine seelisch-reinigende und zugleich das Bewusstsein aufweckende und aufhellende Wirkung". Selbst "rein physischer Schmerz, (. . .) wie bei einem Schlag, einer Ohrfeige" könne zu diesem positiven Effekt führen.

Bedauerliche Eskalation

Der Bund der Freien Waldorfschulen wehrt sich gegen den Eindruck, er "verharmlose und rechtfertige körperliche Züchtigungen an Schülerinnen und Schülern". Der Gang vor Gericht sei unausweichlich gewesen, um, so Vorstand Henning Kullak-Ublick, den Interessen der bundesweit 210 Schulen, 7000 Lehrkräften und 80.000 Schülern gerecht zu werden. Sie alle müssten sich "schließlich auch auf dem Arbeitsmarkt behaupten".

Das Gütersloher Verlagshaus bedauert die Eskalation. Der Bund habe das Angebot zu einem "klärenden Gespräch über angebliche falsche (. . .) Tatsachenbehauptungen ausgeschlagen." Stattdessen solle auf dem Rechtsweg ein "grundsätzlich missliebiges Buch in Gänze verhindert" und die öffentliche Diskussion beeinflusst werden. Darum habe man beim Landgericht Stuttgart Widerspruch eingelegt.

Nicht strittig ist die Authentizität der Zitate, die das "Schwarzbuch" anführt, wohl aber deren Reichweite. Die inkriminierten Sätze finden sich in dem Buch "Strafe in der Selbsterziehung und in der Erziehung des Kindes", verfasst von dem Waldorflehrer Erich Gabert, 1951 als erster Band der Schriftenreihe der Pädagogischen Forschungsstelle beim BFW erschienen. Die elfte Auflage jedoch von 1993 war eine Neubearbeitung.

An der "seelisch-reinigenden" und "aufhellenden Wirkung" des Schmerzes hielt man fest, fügte jedoch die Einschränkung hinzu: "Der rein physische Schmerz, wie beim Schlag, bei der Ohrfeige, kommt wohl in den seltensten Fällen wirklich in Betracht." Künftig muss im "Schwarzbuch" auf einem beigelegten Zettel darauf hingewiesen werden, dass die Neubearbeitung in diesem Sinne argumentiert.

Der BFW spricht von insgesamt "ca. 120 Stellen" im "Schwarzbuch Waldorf", die als "unzutreffend, entstellend oder faktisch falsch zu bewerten seien." Eine Auflistung der Stellen liegt bisher nicht vor, doch auch so hat das Buch für Wirbel in der anthroposophischen Szene gesorgt. Grandt und der BFW kreuzen nicht zum ersten Mal die Klingen, so dass manche Verteidigung der anthroposophischen Pädagogik zur persönlichen Abrechnung geriet.

Wuchtiges Kontra

Bereits Grandts erstes "Schwarzbuch Anthroposophie" (1997) stand schwer unter Beschuss und wurde vom damaligen Verlag schließlich zurückgezogen. Daran erinnert jetzt eine Rezension bei News Network Anthroposophy, kurz: NNA, über den "selbsternannten Esoterik- und Sektenjäger" Grandt, der erneut "andersdenkende weltanschauliche Minderheiten (. . .) mit dem Mittel der Verleumdung" bekämpfe. Wuchtig fällt auch das Kontra eines Redakteurs der anthroposophischen Zeitschrift info3 aus: "Ewig Gestrige" könnten nicht verhindern, das "wir (. . .) die neuen Pioniere der Wissenschaft sind. Wir sind kleine und große spirituelle Newtons, Edisons, Darwins, Daimlers, Bells oder Gutenbergs. Wir forschen, experimentieren und erfinden."

Die Klagefreudigkeit der anthroposophischen Spitzenorganisationen stößt jedoch auch unter Sympathisanten auf Widerspruch. Ein weiterer info3-Autor kritisiert die "peinliche Aktion" des Bundes. Mit der Verfügung gegen Grandt widersprächen die Anthroposophen den "hehren Ansprüche vom freien Geistesleben und Pluralismus, mit dem man sich als Privatschule stets rechtfertigt".

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