Theorie trifft Praxis:Lieber aus der Reihe tanzen

Das Angebot dualer Studiengänge umfasst inzwischen ein buntes Spektrum von Berufsprofilen. Wer sich für eine Nische entscheidet, hebt sich von der Masse ab.

Von Benjamin Haerdle

Ein duales Studium ist für viele junge Menschen der ideale Weg, schnell einen Arbeitsplatz zu finden. Der Grund: Sie besuchen nicht nur die Hochschule, sondern sammeln in Unternehmen praktische Erfahrungen und knüpfen wichtige Kontakte. Das Bundesinstitut für Berufsbildung definiert das duale Studium als Studium an Hochschulen oder Berufsakademien, das eine Berufsausbildung oder Praxisphasen in einem Unternehmen integriert. Vorteil ist, dass dual Studierende oft schon während der zweigleisigen Ausbildung ihr erstes Gehalt bekommen. Für das duale Studium ist die Hochschul- oder Fachhochzugangsberechtigung notwendig. Mehr als 1350 duale Studiengänge an Hochschulen listet der Hochschulkompass der Hochschulrektorenkonferenz auf. Viele Angebote finden sich etwa in der Betriebswirtschaftslehre. Aber auch in anderen Bereichen gibt es interessante, teils sehr spezielle Bachelor-Studiengänge, für die aber an privaten Hochschulen Studiengebühren fällig werden. Hier muss man mit mehreren Hundert Euro pro Monat rechnen.

Önologie. Studium und Wein - die Kombination klingt verlockend. Wer sich am Weincampus Neustadt in Rheinland-Pfalz für den dualen Bachelorstudiengang Weinbau und Önologie einschreibt, hat nach mehr als vier Jahren nicht nur einen Bachelor in der Tasche, sondern auch den Gesellenbrief eines Winzers. Circa 50 Studierende nehmen jedes Jahr das Studium auf, wobei die Ausbildung in den etwa 270 Kooperationsbetrieben bereits im August beginnt. 40 Prozent der Studierenden kommen aus einem elterlichen Weinbaubetrieb, doch auch Betriebswirte, Literaturwissenschaftler oder Ärzte schreiben sich ein. "Schon bevor die Absolventen ihre Bachelorarbeit abgeben, haben sie einen Job", sagt Weincampus-Geschäftsführerin Wilhelma Metzler. Die Studienabgänger arbeiten im Familienbetrieb, als Kellermeister, in der Marktforschung oder im Bundessortenamt bei der Züchtung von Rebsorten.

Hebammenkunde. Es ist wohl einer der intimsten Momente im Leben: die Geburt eines Kindes. Hebamme zu werden, wünschen sich auch deswegen viele. Das Universitätsklinikum Jena ist eine der Einrichtungen, die den Ausbildungswunsch mit einem Bachelor-Studiengang verbinden. Das achtsemestrige Studium beginnt alle zwei Jahre zum Wintersemester. Nach dem sechsten Semester steht die Berufsprüfung zur Hebamme an. Die Semester sieben und acht dienen dem Studium, das mit der Abgabe der Bachelorarbeit endet. Absolventen können nicht nur Mütter während der Schwangerschaft an Kliniken beraten, betreuen und Entbindungen verantwortlich leiten, sondern auch als selbständige Geburtshelferin eine Karriere starten.

Outdoorsport-Management. Abenteuer, Spaß und Freizeiterlebnisse verheißt der Studiengang Sportmanagement mit dem Fokus auf Outdoorsport und Adventuremanagement, an dessen Ende nach sieben Semestern der Bachelor-Abschluss steht. Angeboten wird der Studiengang, der sich auch kooperativ mit einem Praxispartner studieren lässt, von der privaten Hochschule für angewandtes Management im fränkischen Treuchtlingen. Die Teilnehmer erlernen Grundlagen der Betriebswirtschaftslehre und des Sportmanagements. Sie werden auf den neuesten Stand zu Trend-Sportarten wie Stand-up-Paddling oder Eisklettern gebracht. Laut Anbieter sind die Berufsaussichten gut. "Die Branche benötigt outdoorsportaffine junge Menschen mit fundierten Managementkenntnissen und sportlichen Fachkompetenzen, die sich mit dem Adventuremarkt auskennen", so Professor Manuel Sand, Akademischer Leiter des Campus Treuchtlingen.

Bewegungspädagogik. Wohnstätten für Menschen mit körperlicher und geistiger Beeinträchtigung, Familienzentren, Kindertagesstätten, Jugendzentren, Schulen - überall dort können Absolventen der Potsdamer Fachhochschule Clara Hoffbauer arbeiten, die sich für den dualen Studiengang Bewegungspädagogik und Tanz in sozialer Arbeit entschieden hatten. Während des dreijährigen Studiums verbringt man drei Tage die Woche im Hörsaal, weitere zwei Tage an Schulen, Seniorenheimen oder Jugendfreizeiteinrichtungen. Den Pädagogen wird theoretisches Wissen in der Trainings- und Bewegungsmethodik, der Gesundheitsbildung sowie in der Erlebnispädagogik vermittelt. In Praxisseminaren üben sie Tanz- und Bewegungsstile. Was die Studierenden in den sozialen Einrichtungen erleben, wird in der Hochschule wissenschaftlich aufgearbeitet.

Fitnesstraining. Körperlich gut in Form zu sein, ist der Wunsch vieler. Umso besser, wenn sich das Thema in den Beruf integrieren lässt. An einigen Hochschulen, wie etwa der privaten Deutschen Hochschule für Prävention und Gesundheitsmanagement (DHFPG), lassen sich Praxis und Theorie im Bachelorstudiengang Fitnesstraining kombinieren. In dem dualen Bachelor-studium, das man an elf Studienzentren absolvieren kann, stehen Trainingswissenschaften im Mittelpunkt. Strukturiert ist es in Betriebs-, Fernstudien- und Präsenzphasen. Parallel dazu arbeiten die Teilnehmer in Fitnessstudios, Sport- und Wellnesshotels oder Reha-Einrichtungen. Sieben Semester dauert das Studium. Absolventen sollen danach leitende Positionen in Fitness-, Freizeit- und Gesundheitsunternehmen übernehmen können.

Bauingenieurwesen. Außen- und Innenwände betonieren, Fundamente legen, Schalungen für Betonarbeiten fertigen - studiert man auf klassische Weise Bauingenieurwesen an einer Hochschule, kennt man das oft nur aus Lehrbüchern. Wer sich an der BTU Cottbus für das duale Studium Bauingenieurwesen einschreibt und dafür einen Ausbildungsvertrag als Maurer mitbringt, für den ist das Alltag. Im ersten Jahr steht die Ausbildung im Mittelpunkt, im zweiten Jahr das Uni-Studium. Nach dem dritten Jahr haben die Maurer ihren Gesellenbrief in der Tasche, sofern sie ihre Prüfungen bestanden haben. Viereinhalb Jahre dauert das Studium insgesamt. "Dual Studierenden wird ein wenig mehr als im regulären Studium abverlangt", sagt Doreen Schwarz, die für das duale Studium im Bauingenieurwesen an der BTU Cottbus zuständig ist. Dafür hätten sie beste Karriereperspektiven in einem Unternehmen, mit einem nahtlosen Übergang ohne große Einarbeitungsphase.

Aviation Management. Die Luftverkehrsbranche reizt viele. Eine Möglichkeit, dort in Führungsfunktionen einzusteigen, bietet der englischsprachige Bachelor-Studiengang Aviation Management, den etwa die Hochschule Worms aufgelegt hat. Man kann ihn auch im Praxisverbund mit einem Kooperationspartner absolvieren. Interessenten müssen dafür einen Arbeitsvertrag mit einem der circa 17 Unternehmen vorlegen, zu denen Lufthansa, Austrian Airlines, die Deutsche Flugsicherung oder zahlreiche Flughafengesellschaften wie Leipzig/Halle, Stuttgart oder Frankfurt/Hahn zählen. An der Hochschule werden grundlegende Zusammenhänge des Luftverkehrsmanagements und Methodik der Betriebswirtschaftslehre vermittelt. In den Praxisphasen bekommt man Einblicke in verschiedene Bereiche der Luftfahrtbranche und knüpft Kontakte für einen Job nach der Ausbildung.

Life Coaching. Anderen Menschen als Lebensberater zur Seite zu stehen, ist Ziel des Studiengangs Life Coaching an der privaten Hochschule für Gesundheit & Sport, Technik & Kunst. Im Studium, das man an den Standorten in Berlin, Unna und Ismaning auch dual aufnehmen kann, werden dafür Fachkenntnisse in Philosophie, Psychologie, Ökonomie, Ökotrophologie und Sportwissenschaften vermittelt. Dieses Wissen wird dann in einem Praxissemester umgesetzt, das man zum Beispiel bei Sportverbänden machen kann. "Anwendungsfelder gibt es prinzipiell zu jeder Lebensphase", sagt Sven Sohr, Professor für Life Coaching. Absolventen könnten als Coach, Berater oder in den Bereichen Ernährung, Fitness und Wellness arbeiten.

Holztechnik. Zimmermann oder Tischler mit Gesellenbrief werden - und zugleich einen Bachelor im Bereich Holztechnik machen? Möglich ist das an der Hochschule für nachhaltige Entwicklung Eberswalde, die einen dualen achtsemestrigen Studiengang mit den Vertiefungsrichtungen Verfahrens- und Holztechnik (Tischler, Holzmechaniker) sowie Holzbau (Zimmermann) ab dem Wintersemester 2018/19 erstmals anbietet. In den ersten vier Semestern liegt der Fokus auf der beruflichen Ausbildung, zwischen dem fünften und siebten Semester auf den theoretischen Kenntnissen. Eine Praxisphase und die Bachelorarbeit schließen das Studium ab. Insgesamt verkürzt sich auf diese Weise die Ausbildung um bis zu 1,5 Jahre. Der Abschluss berechtigt etwa dazu, einen Holzbetrieb zu führen.

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