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Synchronsprecher:Die Billigheimer der Filmbranche

Die Synchronsprecher gehen auf die Barrikaden. Sie fürchten um ihre Gagen.

Sie stehen nie im Rampenlicht. Dabei findet kein Fernsehabend ohne sie statt: Synchronsprecher sind von Berufs wegen zur Unscheinbarkeit verdammt. Im Idealfall merkt der Zuschauer gar nichts von ihrer Arbeit. Er sieht einen ausländischen Film auf Deutsch und nimmt dabei gar nicht bewusst wahr, dass der Film synchronisiert wurde.

Synchronsprecher: Die Billigheimer der Filmbranche

Schöner Schein, harte Arbeit: Die Beschäftigungsverhältnisse in der Filmbranche sind oft alles andere als herrlich.

(Foto: Foto: gettyimages)

Doch mit der Zurückhaltung ist jetzt Schluss. Die Synchronsprecher suchen plötzlich das Licht der Öffentlichkeit. Denn sie bangen um ihre Gagen.

Die meisten Synchronsprecher werden in dem Job nicht reich. Natürlich gibt es Ausnahmen, bekannte Sprecher, die die großen Filmstars synchronisieren, wie Christian Brückner, der Robert de Niro seine Stimme leiht.

Doch von dieser Kontinuität können viele nur träumen. Denn die Sprecher werden immer nur für einzelne Produktionen engagiert und je nach Einsatz bezahlt. Abgerechnet wird in "Takes", also in einzelnen gesprochenen Szenen. Das kann mal ein "Herr Ober, ich nehme ein Bier!" sein oder auch mehrere Ächz-Laute bei einer Schlägerei. Nach einer Vergütungsempfehlung von Verdi gibt es pro Take drei Euro, außerdem einmalig 50 Euro pro Tag.

Tatsächlich schwanken die Gagen je nach Region und Sprecher. In München erhalten die meisten 3,50 pro Take und 53 Euro fürs Kommen, in Berlin gibt es nur 2,50 und 25 Euro. Wer Hauptrollen spricht, kann mehr verlangen. Da können die Gagen bei 5 Euro pro Take und 100 Euro fürs Kommen liegen.

Durchs Raster gefallen

Das ist doch gar nicht so schlecht, könnte man meinen: Geld fürs Kommen allein würde auch mancher Angestellter gerne haben. Aber: Synchronsprecher sind nicht fest angestellt. Sie arbeiten mal, mal arbeiten sie nicht, mal gibt es viele Aufträge, mal wenige. Und genau dieser Umstand sorgt zurzeit für heftigen Ärger in der Branche.

Die Sprecher passen mit ihren unregelmäßigen Arbeitszeiten und vielen Arbeitgebern nicht in die Regeln des deutschen Sozialversicherungssystems. Sind sie selbstständig? Sind sie "unständig beschäftigt"?

Für die Sprecher hängt viel ab von der Einordnung. Es geht um die Sozialversicherungsbeiträge. Diese wurden bislang in der Regel von den Synchronstudios für sie abgeführt, obwohl die Sprecher steuerrechtlich als Selbstständige gelten.

Doch dann kam eine neue Anweisung der Deutschen Rentenversicherung anders abzurechnen. Mit der Folge, dass für viele plötzlich die Beiträge wegfallen.

Dagegen begehren die Sprecher jetzt auf. Ihre Bezahlung hat sich seit Jahrzehnten nicht erhöht, stattdessen gibt es immer wieder Studios, die zu Dumpinglöhnen engagieren. Die Streichung der Sozialversicherungsbeiträge hat nun das Fass zum Überlaufen gebracht. "Der Hollywoodstar wird gepampert. Seine deutsche Stimme steuert in die Altersarmut", warnen die Synchronsprecher in einem Infoblatt. "Das ist eine eklatante Gagenkürzung um 20 Prozent", sagt der Münchner Schauspieler und Synchronsprecher Andreas Borcherding, der sich für die Interessen seiner Kollegen einsetzt. Denn schließlich bleiben jetzt Krankenkasse, Renten- und Pflegeversicherung komplett an ihnen hängen.

Dabei hatte die Deutsche Rentenversicherung gute Absichten: Sie wollte endlich mal Klarheit in die wirren Beschäftigungsverhältnisse der Branche bringen. Denn bislang hätten die Synchronunternehmen die Sprecher sozialversicherungsrechtlich unterschiedlich beurteilt, heißt es in einer Stellungnahme für sueddeutsche.de. Darum gibt es nun "Abgrenzungskriterien". Je nachdem, ob ein Sprecher von einem Unternehmen mehrere Tage am Stück, immer mal wieder oder nur einmalig engagiert wird, sollen Sozialversicherungsbeiträge abgeführt werden oder nicht.

Montags angestellt, dienstags selbstständig

Offenbar ist damit alles noch komplizierter geworden. "Es kann nicht sein, dass ich in einer Arbeitswoche auf vier verschiedene Arten abgerechnet werde", regt sich Borcherding auf. "Am Montag drehe ich, da bin ich sozialversicherungspflichtig und zahle sogar Beiträge in die Arbeitslosenversicherung, obwohl ich da niemals genug Versicherungstage zusammenbekomme, um je eine Leistung zu erhalten. Am Dienstag bin ich für einen Tag bei einem Synchronstudio engagiert und gelte als Selbstständiger, der eine Rechnung stellt. Am Donnerstag habe ich eine durchgehende tragende Rolle in einer Fernsehserie, da werden dann wieder Sozialversicherungsbeiträge für den ganzen Monat abgeführt und am Freitag arbeite ich für ein anderes Studio, da gelte ich als unständig Beschäftigter und werde gleich für drei Wochen in der Sozialversicherung angemeldet."

Auch die Synchronproduzenten sind unzufrieden über das ständige "Tohuwabohu" der Abrechnungen. "Wir wollen ein rechtssicheres System haben, das möglichst wenig Verwaltungsaufwand bedeutet", sagt Björn Herbing vom Bundesverband der Synchronproduzenten. Denn den Firmen sitzt immer der Prüfdienst der Rentenversicherung im Nacken. Bei Unregelmäßigkeiten können Nachzahlungen im sechstelligen Bereich fällig werden. "Das bringt eine Firma schnell an den Rand der Insolvenz."

"Die Rentenversicherer sind überfordert mit Menschen, die Dutzende von Arbeitgebern und einen so unregelmäßigen Berufsverlauf haben", sagt Nicolas Böll vom Interessenverband der Synchronschauspieler (IVS) in Berlin. Auch die Sprecher selbst blicken inzwischen nicht mehr durch. "Keiner weiß mehr, woran er ist", sagt Böll.

Das neue Abrechnungssystem hält Herbing deswegen für "höchst unbefriedigend": "Es ist sehr wacklig, weil es für die Schauspieler nicht akzeptabel ist". Besonders optimistisch, dass sich eine bessere Alternative findet lässt, ist er jedoch nicht: "Jedes Mal, wenn darüber gesprochen wird, wird es schlimmer".