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Studium und ZVS:Das Monster schreckt nicht mehr

Bei einer Abiturnote von 1,9 Medizin studieren? Bitte hinten anstellen! Die ZVS war eine Qual für viele Studenten-Generationen.

Sie ist als "planwirtschaftliches Monstrum" beschimpft worden, Studenten haben sie gefürchtet, verflucht und verspottet. Und kein Wahlkampf verging, ohne dass ein Politiker, vorzugsweise aus der FDP, sie als "Zentrale zur Studentenlandverschickung" verhöhnte. Die Zentralstelle für die Vergabe von Studienplätzen (ZVS) in Dortmund ist der Inbegriff einer ungeliebten Behörde.

ZVS und Studium, dpa

Die ZVS: Der Inbegriff einer ungeliebten Behörde.

(Foto: Foto: dpa)

Die ZVS weist Bewerbern quer durch die Republik Studienplätze zu, sie sortiert nach Abiturnoten und Wartesemestern, sie bildet Quoten für Härtefälle und für jedes Bundesland - und am Ende muss sie reihenweise Absagen schicken. Bei einer Abiturnote von 1,9 Medizin studieren? Bitte hinten anstellen und warten! Die Wunsch-Uni ist München? Tut uns leid, wir haben nur noch Rostock im Angebot! Die Regeln der ZVS erschließen sich nur wenigen Eingeweihten, und so fühlt sich manch ein Abiturient bei der ZVS und ihren mehr als 100 Bediensteten aufgehoben wie in Kafkas Schloss. Also nicht besonders gut.

Symptom einer Mangelwirtschaft

In den vergangenen Jahren hat die ZVS aber bereits viel von ihrem Einfluss und ihrem Schrecken verloren. In den bundesweit zulassungsbeschränkten Fächern Biologie, Pharmazie, Psychologie und Medizin dürfen sich die Universitäten mittlerweile 60 Prozent der Studienanfänger selbst auswählen. In anderen Fächern entscheiden sie ohnehin allein. Und so stehen Bewerber nun fast überall vor lokalen Hürden - der gefürchtete Numerus clausus ist seit der Entmachtung der ZVS keineswegs unbedeutender, sondern eher noch wichtiger geworden.

Die ZVS war schließlich - das haben ihre Kritiker gern übersehen - nur das Symptom einer Mangelwirtschaft, nicht deren Ursache. Es gibt in Deutschland nicht genügend Studienplätze, und bei der Verteilung dieses knappen Gutes darf es nicht willkürlich zugehen. Als die Kultusminister vor mehr als 35 Jahren die ZVS gründeten, reagierten sie auf ein Urteil des Bundesverfassungsgerichts aus dem Jahre 1972. Es verlangte, dass die Unis ihre Kapazitäten voll ausschöpften. Bei einer Überzahl an Bewerbern sollte eine überregionale Stelle die Plätze nach einheitlichen Kriterien zuteilen.

Reger Tauschhandel

So war die ZVS nur die Begleiterscheinung der Massenuniversitäten, die in den siebziger Jahren entstanden. Kurz vor Ende der Bewerbungsfristen bildeten sich vor den Büros der ZVS lange Schlangen, oft begleitet von wilden Partys, in denen Abiturienten schon einmal feierten, dass sie ihren ZVS-Antrag zumindest noch pünktlich abgegeben hatten. Im Zeitalter der Online-Bewerbung ist dieser Andrang der studierwilligen Massen heute aber meist nur noch ein flüchtiges, digitales Ereignis.

Mit Hilfe des Internets gelingt es einigen enttäuschten Bewerbern außerdem, doch noch einen Studienplatz an ihrer Wunsch-Uni zu ergattern. Auf Seiten wie "zvsopfer.de" herrscht ein reger Tauschhandel: Biete Pharmazie in Würzburg, suche Platz in Kiel. Oder: Tausche Biologie in Bonn gegen Biologie in Oldenburg. Sind die Noten der Kandidaten ähnlich, lassen sich die Unis auf Tauschaktionen oft ein. Die Medizin-Studentin Stephanie Schmidt hatte dieses Glück: Die ZVS wies ihr Bochum zu, doch sie wollte nach Halle, in die Nähe der Eltern. Gerade noch rechtzeitig fand sie eine Tauschpartnerin, in Halle kommt sie jetzt ins zweite Semester. Auf die ZVS mag sie nun nicht mehr schimpfen.