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Studium nach der Ausbildung:Der Wert der Praxis

Berufserfahrene können sich ihr Wissen auf das Studium anrechnen lassen und dadurch Zeit sparen. Das Ausmaß der Anrechnung hängt jedoch von der Hochschule ab.

Von Alexandra Straush

Nicht immer gelingt es, ein berufliches Ziel im ersten Anlauf zu erreichen. Jannika Lübben hätte gerne auf Lehramt studiert. "Leider war das meinen Eltern finanziell zu unüberschaubar", erzählt die 33-Jährige. Also arbeitete sie als Hilfskraft in einem Wohnheim für geistig behinderte Erwachsene, jobbte nebenbei noch in einer Räucherei, einem Imbiss und einem Café und bekam so das Geld für die schulische Ausbildung zur Ergotherapeutin zusammen. Zehn Jahre arbeitete sie in diesem Beruf, bis sie zum zweiten Mal Anlauf auf ihren Wunschberuf nahm; derzeit studiert Lübben Sonderpädagogik und Germanistik an der Universität Oldenburg. Mit Freude stellte sie fest, dass das Berufsleben ihr nicht nur Erfahrung eingebracht hatte: Ihre bereits erworbenen Kompetenzen wurden ihr auch auf das Studium angerechnet. Im Fach Sonderpädagogik musste sie sechs von 15 Modulen nicht mehr belegen.

Individuelles oder pauschales Anrechnungsverfahren? Das hängt von der Hochschule ab

Dass Hochschulen Abschlüsse aus der beruflichen Bildung auf ein Studium anrechnen können, steht inzwischen in allen 16 Landeshochschulgesetzen. Es liegt jedoch im Ermessen jeder einzelnen Hochschulleitung, ob sie dazu Modelle anbietet. Prinzipiell seien Studenten, die aus dem Berufsleben kommen, "eine Klientel, um die es sich zu kümmern lohnt", sagt Axel Benning, Professor für Wirtschaftsrecht an der Fachhochschule Bielefeld. "Sie befinden sich in einer anderen Lebensphase als Abiturienten, die direkt von der Schule kommen, und sind deshalb viel zielstrebiger." Benning treibt das Thema Anrechnung im Fachbereich Wirtschaft seit mehr als zehn Jahren voran. Zwei verschiedene Formen wurden an seiner und an anderen Hochschulen erfolgreich erprobt: die pauschale und einmal die individuelle Anrechnung. Welches der Verfahren angewendet wird, hängt von der jeweiligen Hochschule ab; mancherorts werden beide praktiziert.

Bei der pauschalen Anrechnung geht das Prüfungsamt davon aus, dass eine Berufsausbildung oder Fortbildung zumindest in Teilen dem entspricht, was an der Hochschule gelehrt wird. So akzep-tiert zum Beispiel die TH Nürnberg, dass ein Wirtschaftsfachwirt, Handelsfachwirt oder Betriebswirt mit IHK-Abschluss im berufsbegleitenden Bachelorstudiengang Betriebswirtschaft nicht mehr alle Module belegen muss. Ähnliches gilt für den berufsbegleitenden Studiengang Wirtschaftsrecht in Bielefeld. Hier erspart die Ausbildung zum Industriekaufmann, Bankkaufmann oder Groß- und Außenhandelskaufmann in der Regel den Besuch des Moduls "Externes Rechnungswesen".

Schwieriger wird der Prozess, wenn sich zum Beispiel ein Projektmanager für den MBA-Studiengang Innovationsmanagement an der Universität Oldenburg interessiert und seine Berufserfahrung geltend macht, um die Studienzeit zu verkürzen. Das geht nur mit einem individuellen Anrechnungsportfolio. Dieses Verfahren baut darauf auf, dass jedes Studienmodul formulierte Lernziele hat, erklärt Wolfgang Müskens, Experte für Durchlässigkeit an der Universität Oldenburg. Weist ein Bewerber nach, dass er diese Lernziele bereits im Job erreicht hat, kann er das Modul beim Prüfungsamt als "bestanden" abhaken lassen. Auch Jannika Lübben ist für ihr Lehramtsstudium diesen aufwendigen Weg gegangen. Für jedes Modul, das sie sich anrechnen lassen wollte, waren zwei bis drei Seiten Argumentation und schriftliche Belege in Form von Arbeitszeugnissen oder Therapieentwürfen nötig. "Das entspricht alles zusammen dem Umfang einer größeren Hausarbeit", meint sie.

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Eine Option, von deren Existenz viele noch nichts wissen: Wer bestimmte Ausbildungen in Handel, Wirtschaft oder anderen Branchen gemacht hat, für den kann sich die Studienzeit verkürzen. Das Anrechungsverfahren ist allerdings mit einer ganzen Menge Bürokratie verbunden.

(Foto: imago/Westend61)

"Dieser Aufwand muss sein", erklärt Müskens. Weil die berufliche und die universitäre Bildung in Deutschland traditionell nur wenige Berührungspunkte hätten, vermittelten sie ganz unterschiedliches Wissen: Die berufliche Bildung baue eher darauf, Lösungsansätze für konkrete, bekannte Probleme zu vermitteln. Die Hochschulen hingegen lehrten wissenschaftliche Methoden, um komplexe, neuartige Probleme zu lösen. Das Anrechnungsportfolio leistet die Übersetzungsarbeit zwischen den beiden Systemen und belegt, dass neben den praktischen Fertigkeiten auch die theoretische Grundlage vorhanden ist. Insgesamt kämen die Verfahren bei den Studierenden gut an, meint Müskens: "Viele sind glücklich, dass ihre berufliche Vorerfahrung gewürdigt wird, und fühlen sich willkommen."

Deshalb setzen einige Weiterbildungsstudiengänge inzwischen einen speziellen beruflichen Werdegang voraus. Zum Beispiel der Bachelor of Public Administration der FH Bielefeld. Er wurde in Kooperation mit der Westfälischen Verwaltungs- und Wirtschaftsakademie (VWA) in Münster entwickelt und richtet sich an Angestellte der öffentlichen Verwaltung, die ein Studium der Betriebswirtschaft aufsatteln wollen. Vorbedingung ist ein in Nordrhein-Westfalen mit mindestens neun Punkten absolvierter Verwaltungslehrgang II. Dadurch sparen die Studierenden drei Semester im Vergleich zu einem berufsbegleitenden Studiengang ein. Ähnlich verhält es sich beim Teilzeit-Bachelor "Erziehung und Bildung im Lebenslauf" an der Technischen Hochschule Nürnberg. Wer ihn belegen will, muss eine Ausbildung zur staatlich geprüften Erzieherin abgeschlossen haben. Denn die Hochschule unterrichtet die Grundlagen aus den ersten beiden Fachsemestern gar nicht mehr.

Ob es sinnvoll ist, eine Leistung ins Studium zu übertragen, hängt auch von der Note ab

Gerade bei berufsbegleitenden Studiengängen sind Anrechnungs-Modelle sinnvoll, da sich diese Weiterbildungen ohnehin in die Länge ziehen. Das erläutert Axel Benning anhand des folgenden Beispiels: Ein Bachelorabschluss erfordert 180 bis 210 Leistungspunkte nach ECTS, dem Europäischen System zur Messung und Übertragung von Studienleistungen. Hinter jedem ECTS-Punkt stehen 25 bis 30 Stunden Workload, also eine vorgesehene Anzahl von Arbeitsstunden. Da Teilzeitstudenten neben ihrem Beruf nur ein begrenztes Zeitkontingent zur Verfügung steht, dürfen entsprechende Studiengänge auch nur 45 ECTS-Punkte pro Jahr ansetzen. Dadurch braucht man für den berufsbegleitenden Bachelor-Abschluss mindestens acht Semester statt der üblichen sechs im Vollzeitstudium; es sei denn, die berufliche Ausbildung wird auf das Studium angerechnet. Ein weiterer wichtiger Aspekt: geringere Ausbildungskosten bei einem verkürzten Studium. An der Universität Oldenburg zum Beispiel werden die Gebühren für Weiterbildungsstudiengänge pro Modul abgerechnet. Wer eines nicht belegt, muss auch nicht dafür bezahlen.

Die Anrechnung hat allerdings auch Nachteile, sagt Doris Wansch, Ansprechpartnerin für beruflich Qualifizierte an der TH Nürnberg. Sie hat im Rahmen ihrer Beratungstätigkeit einen Leitfaden erstellt, der auch auf "Risiken und Nebenwirkungen" hinweist. Eine Anrechnung, ob nun pauschal oder individuell, geschieht nur auf Antrag. Wansch empfiehlt deshalb, sich genau zu überlegen, welche schon erbrachten Leistungen in das Studium einfließen sollen. Denn die Anrechnung ist rechtlich dasselbe wie der Antritt zu einer Prüfung und lässt sich nicht rückgängig machen. "Fachwirte zum Beispiel kommen oft nicht mit besonders guten Noten", sagt sie. Würden die bei der pauschalen Anrechnung auf Studienmodule übertragen, täten sie sich damit keinen Gefallen.

Uni-Analyse

Für viele Studierende ist die Anrechnung von beruflicher Vorerfahrung ein Sonderweg, der ihnen gar nicht bekannt oder den Aufwand nicht wert ist. Das ist das Ergebnis des Anrechnungsmonitors 2016 - einer speziellen Untersuchung zu diesem Thema. Forscher der Universität Oldenburg haben dafür circa 500 Studierende von insgesamt 49 deutschen Hochschulen befragt, die alle schon im Berufsleben standen. Es stellte sich heraus, dass nur etwa 54 Prozent der Studenten zu Beginn ihrer Hochschulausbildung bekannt war, dass eine Möglichkeit der Anrechnung besteht. Circa 39 Prozent derjenigen, die informiert waren, machten davon Gebrauch. Der Rest verzichtete, weil er zu geringe Erfolgschancen oder keinen zeitlichen Nutzen sah oder den Aufwand des Verfahrens scheute.

Wer indes am Anerkennungsverfahren teilnahm, machte eher positive Erfahrungen: 75 Prozent der Teilnehmer gaben an, einen persönlichen Ansprechpartner gehabt zu haben und über die Anforderungen gut informiert gewesen zu sein. In etwa zwei Drittel der Verfahren wurde positiv entschieden; die Anrechnung entsprach im Durchschnitt einem Umfang von 13 Leistungspunkten. 14 Prozent der Befragten erstellten ein individuelles Anerkennungsportfolio. In ebenfalls 14 Prozent der Fälle genügte der schriftliche Nachweis der eigenen Kenntnisse nicht; es war zusätzlich eine Prüfung notwendig. Alexandra Straush

Auch Module, die nur als "bestanden" gewertet werden, können für die Endnote zum Problem werden: Denn genau in den Disziplinen, in denen sich die Kandidaten durch ihre Berufserfahrung schon gut auskennen, können sie nicht mehr in einer Prüfung glänzen. Jannika Lübben sieht in diesen Einschränkungen kein Problem. Für sie als Mutter von zwei Kindern zählt ein ganz anderes Argument. "Weniger Prüfungen im Semester, das bedeutet für mich entspannter studieren. Und dank der Anrechnung ist das möglich."

Die Datenbank zur Anrechnung beruflicher Kompetenzen, Dabekom, erfasst alle Studiengänge und Hochschulen in Deutschland, bei denen eine individuelle oder pauschale Anrechnung möglich ist; www.dabekom.de. Auf dem Portal kann man nach Fächergruppen, Bundesländern, Hochschulen oder auch im Kilometerumkreis vom eigenen Standort recherchieren. Wer unter der Rubrik "Suche starten" auf "Tag Cloud" klickt, kann den eigenen berufsspezifischen Abschluss auswählen.

© SZ vom 08.03.2019
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