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Studie zur Schullektüre:Verkannt und verbannt

Jugendliche würden in der Schule gern Fantasy-Bücher, Krimis oder Comics lesen. Auch Pädagogen betonen deren Vorzüge. Aber auf dem Lehrplan steht etwas anderes.

Was lesen Jugendliche der achten und neunten Jahrgangsstufe in der Schule? Was würden sie gern im Unterricht lesen? Und was lesen sie privat? Unter der Leitung von Wissenschaftlerinnen der Universitäten Hildesheim und Potsdam und der Pädagogischen Hochschule Nordwestschweiz wurden jeweils circa 1100 Acht- und Neuntklässler aus Niedersachsen und der Schweiz befragt.

Nach Ergebnissen der Studie "Texte, Aktivitäten und Motivationen im Literaturunterricht der Sekundarstufe I" ("Tamoli") lesen Schülerinnen und Schüler in ihrer Freizeit am liebsten Science-Fiction und Fantasy (42 Prozent), gefolgt von Abenteuergeschichten (38), Krimis und Spionagethrillern (36), Horror- und Gruselgeschichten (35) sowie Comics (35). In der Schule würden sie bevorzugt Science-Fiction, Krimis, Comics und Horrorgeschichten lesen. Tatsächlich stehen im Deutschunterricht nach Angaben ihrer Lehrerinnen und Lehrer politische und gesellschaftskritische Texte (84 Prozent) an der Spitze, danach folgen Bücher über Probleme von Jugendlichen (36), moderne Romane (28), klassische Literatur (27) und historische Stoffe (25) - alles Inhalte, die bei der Freizeitlektüre nicht mal jeder fünfte Befragte nennt. Umgekehrt kommen die Lieblingsstoffe der Jugendlichen mit Ausnahme der Abenteuergeschichten im Unterricht kaum (Science-Fiction, Krimis) oder gar nicht vor (Horror, Comics). Bei den Titeln gehören "Harry Potter", "Gregs Tagebuch", "Tschick" und "Das Schicksal ist ein mieser Verräter" zu den Favoriten der Jugendlichen. In den 62 befragten Klassen wird vor allem der Jugendroman "Tschick" gelesen, gefolgt von "Die Welle", "Löcher", "Der unvergessene Mantel", "Abby Lynn" und "Das Tagebuch der Anne Frank".

Positives Ergebnis der Studie: Häufig arbeiten Lehrer mit aktuellen Buchtiteln

"Wir haben in den Schulen unserer Studie eine große Vielzahl an Titeln gefunden. Auch aktuelle Bücher werden oft einbezogen. Da scheint sich etwas getan zu haben", sagt Irene Pieper, Professorin für Literaturwissenschaft und Literaturdidaktik der Uni Hildesheim. Zum Vergleich bezieht sie sich auf eine Untersuchung zum Lese- und Medienverhalten von 15-jährigen Schülerinnen und Schülern in Bayern und Sachsen, die Klaus Gattermaier 1999 für seine Dissertation an der Uni Regensburg durchgeführt hatte. Damals stand bei der Schullektüre mit weitem Abstand Theodor Storm ("Der Schimmelreiter") an der Spitze, gefolgt von Gottfried Keller ("Kleider machen Leute") und Carl Zuckmayer ("Der Hauptmann von Köpenick"). Auch vor 20 Jahren sahen die Lieblingstitel der Jugendlichen ganz anders aus: "Akte X", "Wir Kinder vom Bahnhof Zoo" von Christiane F. und "Es" von Stephen King.

Wie treffen Lehrkräfte ihre Auswahl? An niedersächsischen Gymnasien sind der Lehrplan und die Ratschläge von Kollegen entscheidend. Auch die Begeisterung der Lehrkraft für ein bestimmtes Buch oder gute Erfahrungen mit einem Stoff im Unterricht werden oft genannt. Vorschläge von Jugendlichen spielen bei der Auswahl von Autoren und Titeln an allen Schularten so gut wie keine Rolle. Bildungsexperten gehen davon aus, dass das Prozedere an Schulen in anderen Bundesländern ähnlich ist.

Wie überwindet man Ängste? Darüber lernt man in Fantasy-Romanen einiges

"Wir fragen uns, warum an vielen Schulen die Leseanimation nur selten Thema ist", sagt Andrea Bertschi-Kaufmann, emeritierte Professorin für Leseforschung und Literaturdidaktik der Pädagogischen Hochschule der Fachhochschule Nordwestschweiz und Privatdozentin an der Universität Basel. Laut der Studie ermuntern Lehrkräfte ihre Schülerinnen und Schüler selten, sich gegenseitig Bücher zu empfehlen. Zudem bekommen sie entsprechend ihren Interessen nur wenig individuelle Lektürevorschläge vom Lehrer.

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Comics und Graphic Novels sind gut für Schüler geeignet, die bislang wenig Zugang zu Büchern hatten. Vorschläge von Jugendlichen spielen aber offenbar für die Auswahl von Büchern, die im Unterricht für den Unterricht gelesen werden, offenbar kaum eine Rolle.

(Foto: Hans Lucas/imago)

Kein Verständnis für die weitgehende Verbannung von Science-Fiction und Fantasy aus dem Unterricht hat Simone Gollek. Die Lehrerin für Deutsch und Religion an der IGS Langenhagen in Niedersachsen berichtet vom großen Interesse in ihren Klassen an Fantasy-Titeln wie "Der Herr der Ringe", "Harry Potter", "Twilight" oder "Die Tribute von Panem". Zu der Romantrilogie erklärt sie: "Von der neunten Klasse an lesen wir ,Die Tribute von Panem'. Und zwar nicht des Gruselns wegen, sondern um darüber zu sprechen, wie man Angst aushalten und überwinden kann."

Für Annette Wagner, Grundschullehrerin und Literaturdidaktikerin an der Uni Hildesheim, ermöglichen Comics und Graphic Novels in der Schule neue Zugänge zu Themen wie Lese-und Medienkompetenz, ästhetische Bildung sowie kommunikative Fähigkeiten. "Die visuellen Informationen unterstützen das Textverstehen und -lesen. Es wird einem die Angst vor großen Textumfängen genommen. Und die große Motivation trägt dazu bei, dass Leseabbrüche verhindert werden", sagt Wagner. Sie fügt hinzu: "Buchferne Kinder und Jugendliche kann man durch ihre Erfahrung mit Zeichentrickfilmen besser erreichen."

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Verantwortlich: Peter Fahrenholz

Redaktion: Stephanie Schmidt

Anzeigen: Jürgen Maukner

Nähere Informationen zu der Studie "Tamoli" online unter www.literaturunterricht.ch.

© SZ vom 24.01.2020
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