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Spezialisten gesucht:Die Nische lockt

Viele wollen einen zweiten Beruf erlernen und darin Wissen aus dem ersten Beruf anwenden. In der Orientierungsphase kann man sich auch ungewöhnliche Weiterbildungen anschauen: Der eine odere andere arbeitet später womöglich als Industriekletterer, Greenkeeper oder Tatortreiniger.

Von Rebekka Gottl

Weiterbildung gilt als wichtiger Baustein für den beruflichen Erfolg. Unabhängig von der Branche wollen viele ihr Wissen erweitern sowie ihre Fähigkeiten ausbauen und melden sich daher für eine Fortbildung an. Allein im Jahr 2018 absolvierten knapp 50 Prozent der Erwerbstätigen eine berufliche Weiterbildung, heißt es im Datenreport zum Berufsbildungsbericht des Bundesinstituts für Berufsbildung, der kürzlich erschienen ist. Durch technologische Innovationen und die Digitalisierung sind nicht nur neue Tätigkeitsfelder entstanden, auch Instrumente und Methoden der Lehre haben sich geändert. So nutzten im vergangenen Jahr bereits 80 Prozent der Fortbildungsanbieter digitale Medien und Formate zur Unterstützung des Präsenzunterrichts. Das geht aus der WB-Monitor-Umfrage des Deutschen Instituts für Erwachsenenbildung von 2019 hervor. Zudem steigt die Nachfrage nach spezialisierten Fachkräften, wodurch sich wiederum der Bedarf an Weiterbildung erhöht. Unter den knapp 82 000 Fortbildungsseminaren, die die Industrie- und Handelskammer im Weiterbildungs-Informations-System WIS auflistet, sind neben klassischen Lehrgängen auch außergewöhnliche Weiterbildungen zu finden. Eine Auswahl.

Kletternde Handwerker

Sie sind überall dort im Einsatz, wo Kran oder Gerüst nicht mehr weiterkommen. Industriekletterer erledigen handwerkliche Arbeiten an schwer zugänglichen Orten. Besonders geeignet ist die Tätigkeit daher für ausgebildete Schreiner, Maurer oder Elektromeister, die sich spezialisieren möchten. "Die Lehrgänge richten sich an Einsteiger, die bisher nichts mit dem Klettern zu tun hatten", sagt Matthes Uhlmann. Er ist Geschäftsführer des Berufskletterzentrums in Potsdam, das Höhenarbeiter ausbildet. In drei aufeinander aufbauenden Kursen werden die Techniker, Monteure und Ingenieure in Material- und Knotenkunde geschult. Neben dem Klettern üben sie das sichere Abseilen und das Umsteigen von der eigenen in eine andere Seilstrecke. "Obwohl das Arbeitsverfahren noch nicht allzu lange zugelassen ist, sind Industriekletterer schon jetzt sehr gefragt", sagt Uhlmann. Denn Montagearbeiten an modernen Hochhäusern oder denkmalgeschützten Fassaden seien vom Gerüst oder der Hebebühne aus oft zu gefährlich. Die kletternden Handwerker sollten körperlich fit, schwindelfrei und gut organisiert sein, um Inspektionen oder Wartungsarbeiten an Windkraftanlagen, Masten und Brücken problemlos ausführen zu können. Näheres unter www.berufskletterzentrum.de.

Tierische Assistenten

Pferde, Hunde, Delfine oder Meerschweinchen werden verstärkt im pädagogischen und therapeutischen Kontext eingesetzt. "Tiere verbreiten Freude, sind Eisbrecher und können die Brücke zwischen zwei Menschen bilden", sagt Anne Gelhardt, Vorsitzende des Bundesverbands für Tiergestützte Intervention (BTI). Die gleichnamige Weiterbildung richtet sich daher an Psychologen, Sozialarbeiter und Pädagogen, die Tiere in ihre therapeutische Arbeit einbeziehen wollen.

Industriekletterer, Tatortreiniger oder Experte für Sportrasenpflege: Spezialisten wie diese sind gefragt. Mit der passenden Weiterbildung gelingt ein Jobwechsel in einen Beruf außerhalb des Mainstreams. Man kann aber auch weiterhin in seinem bisherigen Beruf arbeiten und das neu erworbene Wissen künftig in seinem Zweitberuf anwenden.

(Foto: Rick Bowmer/AP; Guido Kirchner, Fabian Sommer/picture alliance/dpa)

Explizite Zielgruppen gebe es bei der tiergestützten Intervention nicht, sagt die Psychologin und Reittherapeutin Karolin Gromm. "Das dreijährige Kind mit Entwicklungsverzögerung kann sich genauso wie der autistische Jugendliche oder der an einer Depression erkrankte Erwachsene von dieser Therapie angesprochen fühlen." In theoretischen wie praktischen Seminaren lernen angehende Fachkräfte, mithilfe der Tiere auf verschiedene Krankheitssymptome einzugehen. Neben der nonverbalen Mensch-Tier-Kommunikation werden auch Themen wie Tierschutz und artgerechte Haltung vermittelt. Der BTI listet 13 Institute auf, die eine akkreditierte Weiterbildung anbieten, etwa die Alice-Salomon-Hochschule in Berlin und das Institut für soziales Lernen mit Tieren. Nähere Informationen: Tiergestuetzte.org, Ash-berlin.eu/weiterbildung, Lernen-mit-tieren.de.

Geduldig auf der Lauer

In Filmen führen sie spektakuläre Befragungen durch und liefern sich wilde Verfolgungsjagden. Und in der Realität? "Wir Detektive können weder fliegen noch über Wasser gehen", sagt Raoul Classen. Der Präsident des Bundesverbands Deutscher Detektive (BDD) ist seit mehr als 30 Jahren als Privatermittler tätig. Im Dienst komme es vor, dass er auch mal stundenlang im Auto warte, sich durch Social-Media-Profile klicke oder sich mit Informanten treffe. "Detektive zeichnen sich dadurch aus, dass sie diszipliniert und geduldig sind, fokussiert arbeiten und beobachten, ohne selbst gesehen zu werden", sagt Classen. 70 Prozent der Aufträge kommen aus der Wirtschaft, so der Ermittler. "Da geht es um Personaldiebstahl, Umweltvergehen oder Versicherungsbetrug." Etwa 1200 private Ermittler seien hierzulande aktiv, schätzt er. Einige organisieren sich über Detekteien, die Mehrzahl sind Einzelgänger, die freiberuflich arbeiten und sich untereinander vernetzen. Die meisten sind Seiteneinsteiger, viele waren zuvor bei der Polizei. "Geprüfter Detektiv" kann man sich nennen, wenn man die berufsbegleitende Weiterbildung an der Zentralstelle für die Ausbildung im Detektivgewerbe (ZAD), bestanden hat. Im Laufe von zehn bis 22 Monaten setzen sich die Interessenten mit rechtlichen Grundlagen, Observierungstechniken und dem Verfassen von Ermittlungsberichten auseinander. Informationen unter www.bdd.de, www.z-a-d.de.

Keine Angst vor Ekel-Einsätzen

"Meine Arbeit fängt da an, wo andere sich vor Entsetzen übergeben", sagt der Schauspieler Bjarne Mädel alias Heiko Schotte in der Serie "Der Tatortreiniger" über den Beruf, den er im Fernsehen ausübt. Im weißen Schutzanzug, mit Maske und Handschuhen ist "Schotty" zur Stelle, wenn es darum geht, einen Leichen-Fundort zu säubern. Auch im wirklichen Leben befreien Tatortreiniger Böden, Teppiche und Tapeten von Blut. Sie säubern Möbel und Holzdielen mit speziellen Geräten, Reinigungsmitteln und Lösungen und sind dafür zuständig, Räume von üblen Gerüchen zu befreien. Zu den Inhalten der Tatortreiniger-Weiterbildung gehört daher der Umgang mit Desinfektionsmitteln und Chemikalien. Vermittelt werden Hygienevorschriften sowie Wissen über Bakterien, Viren und Schädlinge. Insbesondere ausgebildete Gebäudereiniger können damit auf ihr Wissen aufbauen und sich in Seminaren der Sanitätsschule Nord mit Sitz in Schleswig-Holstein zum zertifizierten Tatortreiniger weiterbilden. Der Einstieg in den Job gelingt zudem über Lehrgänge zum staatlich geprüften Desinfektor der Industrie- und Handelskammer. Weitere Informationen auf den Portalen Sanitaetsschulenord.de und Wis.ihk.de.

Experten für Sex-Themen

Sexualunterricht ist in Deutschland bereits in der Grundschule in den Lehrplan integriert. Außerhalb des Klassenzimmers widmen sich laut Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung mehr als 1600 Beratungszentren in Deutschland dem Thema Sexualität. Sie klären über Geschlechtskrankheiten, sexuelle Praktiken und Verhütung auf. Ziel ist es, verbliebene Wissenslücken zu schließen und Unsicherheiten offen zu begegnen. Damit Lehrer, Ärzte und Sozialarbeiter künftig noch besser auf Fragen eingehen und Jugendliche wie Erwachsene zu deren Sexualität beraten können, hat die Hochschule Merseburg vor sechs Jahren den berufsbegleitenden Master Sexologie ins Leben gerufen. Der Studiengang verfolgt einen sexualwissenschaftlichen Ansatz und beschäftigt sich unter anderem mit der Förderung sexueller Gesundheit, der Wechselwirkung von Sexualität und Partnerschaft sowie dem Entdecken des eigenen Körpers. Im Gegensatz zum Vollzeit-Masterstudiengang Sexualwissenschaft, der an den Medical Schools in Hamburg und Berlin angeboten wird, werden in Merseburg angehende Sexologen und Sexualberater ausgebildet, die neben einem ersten Hochschulabschluss über Berufserfahrung im pädagogischen oder medizinischen Bereich verfügen. Der Master erstreckt sich über sechs Semester und kostet 19 500 Euro. Detaillierte Informationen auf der Webseite www.hs-merseburg.de.

Handschrift-Psychologen

Bogenförmige Arkaden, geschwungene Girlanden oder spitze Winkel: Die Handschrift kann eine Menge über den Charakter eines Menschen aussagen. Analysiert wird sie von Grafologen beziehungsweise Schriftpsychologen. Diese erstellen anhand der vorliegenden Merkmale ein Persönlichkeitsprofil des Verfassers. Ist die Schrift links- oder rechtsgeneigt, verschlungen oder weich? Grafologen können anhand einer Schriftprobe Aussagen über den Schreiber treffen und erkennen, ob jemand etwa entschlossen, fahrig, dynamisch oder zurückhaltend ist. Ein Großteil der Auftraggeber sind Unternehmen, die mehr über Bewerber und Mitarbeiter erfahren möchten. Der Berufsverband geprüfter Graphologen offeriert einen Grund-, einen Aufbaukurs und einen Lehrgang für professionelle Schriftpsychologen, an deren Ende jeweils ein Fallbeispiel erarbeitet sowie ein Gutachten erstellt wird. Im Fokus der Ausbildung stehen die Vermittlung psychologischer Grundlagen und die Entwicklung der Schrift mit zunehmendem Alter. Die Deutsche Graphologische Vereinigung rät, vor Beginn der Weiterbildung ein geisteswissenschaftliches Studium zu absolvieren. Weitere Informationen unter Graphologie.de und www.dgv-graphologie.de.

Sportrasen-Profis

Damit die Spieler auf dem Platz problemlos kicken oder putten können, sorgen andere dafür, dass der Rasen für das Fußballspiel oder Golfturnier in einem guten Zustand ist. Greenkeeper kümmern sich um die Pflege von Grünflächen, allen voran von Golfplätzen. Der Fortbildungsberuf baut auf einer abgeschlossenen Ausbildung als Gärtner, Forstwirt oder Winzer auf. Im Gegensatz zu Platzwarten sind die sogenannten Fachagrarwirte für Golfplatzpflege wesentlich geschulter in der Instandhaltung von Rasenflächen, Pflanzen und Gewässern. Schwerpunkte der Fortbildung sind Schnitttechnik und Maschinenkunde, doch auch Umweltschutz, Bodenchemie und Beregnungstechniken stehen auf dem Lehrplan.

Angeboten wird die Schulung zum professionellen Sportrasenpfleger vom Greenkeeper-Verband in Wiesbaden sowie der Deutschen Lehranstalt für Agrartechnik (DEULA) mit Sitz in Freising bei München und Kempen, Nordrhein-Westfalen. Die Abschlussprüfung ist mit einem Meisterabschluss im Handwerk vergleichbar. Darüber hinaus kann das Erlernte im Rahmen eines Masterstudiums ausgebaut werden. In der Studienvertiefung "Angewandte Rasenwissenschaft", die als Teil des Masters Nutztier- und Pflanzenwissenschaften an der Hochschule Osnabrück angeboten wird, beschäftigen sich die Studierenden unter anderem mit Rasenschäden und Düngemitteln. Detaillierte Informationen liefern die Plattformen Greenkeeperverband.de, Deula.de und Hs-osnabrueck.de.

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Verantwortlich: Peter Fahrenholz

Redaktion: Stephanie Schmidt

Gestaltung: Alper Özer, Julia Kienscherf

Anzeigen: Jürgen Maukner

© SZ vom 16.10.2020
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