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Soziales Engagement:Freiwilliges Halbjahr

Eine Business School in Berlin zieht MBA-Studierende an, für die nicht nur Einkommen und Karriere zählen.

Immer noch ist der Weiterbildungsabschluss Master of Business Administration (MBA) eine solide Grundlage für einen spannenden und gut bezahlten Job im Consulting oder Investment-Banking. Doch inzwischen pfeifen viele junge Menschen darauf: Sie wollen nicht um ihre glänzende Karriere beneidet werden, sondern die Welt verbessern, etwas für das Klima und die Natur tun oder Menschen helfen, die eine weniger privilegierte Ausbildung als sie genossen haben.

MBA-Absolvent Matt Averna, vor 28 Jahren im US-Bundesstaat Massachusetts geboren, macht aus seiner Verachtung für einen Job mit Aufstiegschancen und erfolgsabhängigem Einkommen keinen Hehl: "Mit meiner Motivation wäre es nicht weit her, wenn meine Arbeit nur darin bestehen würde, den Umsatz eines Großunternehmens zu steigern."

Seine Leistungsbereitschaft stellt der junge Amerikaner beim Berliner Software-Start-up Yapu in den Dienst von Organisationen, die Farmer und andere Kleinunternehmer in Südamerika mit Kapital und geschäftlichem Know-how unterstützen. Für Averna ist das die perfekte Kombination von gelernter Ökonomie und gelebter Ökologie, und nach der Stelle suchen musste er auch nicht: Sie wurde ihm nach dem MBA-Studium an der privaten Business School ESMT und der anschließenden Teilnahme an deren "Responsible Leaders Fellowship-Program" von dem Unternehmen angetragen. "Während der bis zu sechsmonatigen Freiwilligenarbeit engagieren sich unsere Absolventen in gemeinnützigen Projekten in Entwicklungs- und Schwellenländern, meist in Afrika oder Lateinamerika", sagt Nick Barniville, stellvertretender Dekan an der Berliner Kaderschmiede. Sie arbeiten dort mit Nichtregierungsorganisationen, Unternehmen oder Bildungseinrichtungen zusammen - selbstverständlich pro bono, also ohne Gehalt.

Auslandseinsatz in Madagaskar: Die Juristin Elena Timofeeva (dritte von links) hat untersucht, wie Kleinbauern dort neue Gewürzkulturen anbauen können.

(Foto: privat)

In Deutschland bietet keine andere Business School ein Programm für Freiwilligendienst in dieser Form an. Matt Averna konnte sich in Quito, der Hauptstadt von Ecuador, nützlich machen. "Ich habe für Yapu in einem Projekt gearbeitet, in dem es um Mikrofinanzierung geht", erzählt der Amerikaner. "Wir haben landwirtschaftliche Daten gesammelt und aufbereitet, um Grundlagen für die Finanzierung von kleinen Farmen zu gewinnen."

Gelernt habe er bei seinem Aufenthalt sehr viel, lobt Averna, etwa mit Menschen aus anderen Kulturen zusammenzuarbeiten und deutlich besseres Spanisch zu sprechen. Am meisten beeindruckt hat ihn neben Land und Leuten die Bereitschaft der Farmer, neue Ideen anzunehmen: "Einfach mal das Gewohnte zur Seite legen und etwas Neues versuchen."

Zum Beispiel in Accra, der Hauptstadt von Ghana an der Atlantikküste Westafrikas. Dort hat Samantha Barlow von Januar bis Juni 2019 an einem Beratungsprojekt für lokale Handwerker mitgearbeitet. "Dabei ging es um ganz unterschiedliche Fragestellungen", erzählt die gebürtige Kalifornierin, die jetzt im US-Bundesstaat Vermont lebt und arbeitet. "Zum Beispiel haben wir Selbständige und Start-up-Gründer über Coworking-Formen informiert und die passenden Leute zusammengebracht. Wir haben Trainings organisiert, bei der Suche nach Geldgebern mitgewirkt, lokale Helfer ausgebildet und gezeigt, wie man Projektanträge für internationale Organisationen formuliert."

"Seid offen für neue Erfahrungen und nehmt nicht geich nach dem MBA einen Job im Consulting an!"

Sie habe seit jeher im sozialen Bereich arbeiten wollen, erzählt die Betriebswirtin Barlow. "Meine Eltern haben immer gesagt: Lerne, was du willst, aber leiste den Menschen damit einen Dienst." Auf der Suche nach dem für sie passenden MBA-Programm sei sie auf das "Responsible Leaders Fellowship-Program" gestoßen, und damit sei ihre Entscheidung für Berlin gefallen: "Erst in einem internationalen Studentenkreis betriebswirtschaftliche Strategie und Taktik lernen und das anschließend im sozialen Bereich einsetzen - das war genau mein Ding." Und eine gute Vorbereitung für ihre jetzige Tätigkeit als Programm-Managerin in einem Forschungs- und Beratungszentrum für Gleichstellungspolitik in der Polizeiarbeit. Ihr Rat an Studierende: "Seid offen für neue Erfahrungen und nehmt nicht gleich nach dem MBA einen Job im Consulting an! Wir haben nur ein Leben. Nutzt es!"

Soziales Engagement für MBAs

Das "Responsible Leaders Fellowship-Program" wird seit 2013 an der privaten Business School ESMT in Berlin angeboten. "Wir haben gesehen, dass viele MBA-Absolventen an einer Tätigkeit im sozialen Bereich interessiert sind", sagt Dekan Nick Barniville, "dass sie sich das aber aufgrund der vergleichsweise geringen Gehälter dort nicht leisten können. Schließlich müssen sie mit ihrem Verdienst die Kosten ihrer Weiterbildung amortisieren." So entstand die Idee, den Master-Absolventen die Möglichkeit eines mehrmonatigen praktischen Einsatzes an sozialen Brennpunkten und in Entwicklungsländern zu bieten. "Der Verein der Freunde und Förderer der ESMT finanziert die Reise- und Lebenskosten vor Ort", sagt Barniville, "sonst aber nichts". Bis heute haben 43 junge Master aus aller Welt an dem Fellowship-Programm teilgenommen. Viele entschieden sich gerade deshalb für das Studium an der Spree, versichert Barniville. An Einsatzfeldern mangele es nicht: "Für sozial Engagierte finden wir immer etwas." christine Demmer

Auch für Elena Timofeeva war das soziale Projekt ein persönlicher Gewinn. "Ich habe einige Herausforderungen gemeistert und in neuen Teams in unterschiedlichen Umgebungen zusammengearbeitet", sagt die aus Russland stammende Juristin. Weitere Pluspunkte: "Ich habe die Arbeit einer NGO kennengelernt, Einblicke in ein fremdes Land gesammelt und von Problemen erfahren, die man sonst nicht sieht."

Nach einer Hospitanz bei der Welthungerhilfe in Bonn untersuchte sie in Madagaskar, wie die dortigen Kleinbauern neben Kaffee und Pfeffer neue Gewürzkulturen anbauen können, um ihre Erträge zu steigern. Selbst ein Master weiß das nicht aus dem Stand. "Zuerst musste ich die lokalen Probleme verstehen", sagt Timofeeva. "Die Gewürze müssen weiterverarbeitet werden. Aber von wem und zu welchen Bedingungen? Die Bauern können auch direkt in Kontakt treten mit den Gewürzhändlern. Die Frage ist immer: Womit ist ihnen am meisten gedient?"

Mit Blick auf ihre Studierenden und auf die Attraktivität des Studiums hat sich die ESMT das auch gefragt. Ethisches Handeln und soziale Verantwortung von Führungskräften steht bei den meisten Schulen auf dem Lehrplan. "Doch viel wichtiger als im Klassenraum Vorträge darüber zu halten, ist es, den Studierenden die Möglichkeit zu geben, ihre Kompetenzen in realen Projekten vor Ort einzusetzen", sagt Barniville. "Und das gefällt ihnen. So können sie nach ihrem Studium etwas zurückgeben."

© SZ vom 14.02.2020
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