Schule Die Not der Jungs

Das Schulsystem sei ungerecht zu Jungen, behauptet der Hamburger Pädagoge Frank Beuster. Der Lehrer fordert, mehr Rücksicht auf sie zu nehmen.

Nicht erst seit dem Amoklauf in Emsdetten wird darüber diskutiert, wie Verlierer zu Gewalttätern werden. Die Verlierer sind meistens Jungen: Sie haben in der Schule oft größere Schwierigkeiten als Mädchen und sie versuchen eher als diese, ihre Probleme mit Gewalt zu lösen. Die Nöte der Jungen, denen es schwerfällt, in der Gesellschaft ihren Platz zu finden, beschreibt der Hamburger Gesamtschullehrer und Universitätsdozent Frank Beuster, Vater von zwei Söhnen, in seinem Buch "Die Jungenkatastrophe - das überforderte Geschlecht" (Reinbek, Rowohlt Verlag 2006).

"Die für die Schule nötigen Fähigkeiten werden von Mädchen sehr schnell erworben, von Jungen nicht", sagt Beuster.

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SZ: Brauchen Jungen mehr Aufmerksamkeit?

Beuster: Auf jeden Fall. Das ist das Größte, was wir ihnen geben können: Dass wir, besonders die Männer, sie in den Blick nehmen, ohne sie zu verurteilen. Und dass wir ihre Not erkennen. Wenn man genau hinschaut, sieht man, dass Ärger und Gewalt sehr oft aus einer Überforderung resultiert. Mit Gewalt schreien die Jungen: Kümmert euch um mich!

SZ: Die Überforderung, so schreiben Sie, macht Jungs passiv und leidenschaftslos.

Beuster: Weil sie mit ihren Mitteln den Ansprüchen der Gesellschaft nicht gewachsen sind, etwa in der Schule. Die war früher stark hierarchisch, geprägt von genauen Vorgaben. Heute erfordert das Lernen mehr Flexibilität, was viele Mädchen und Frauen gut beherrschen. Vor allem die Grundschule wird von Frauen geprägt, 95 Prozent der Lehrkräfte sind weiblich. Ich meine das nicht abwertend, aber Schule wird nach weiblichen Kriterien von Frauen gestaltet.

SZ: Sie fordern, Jungen da abzuholen, wo sie sind. Wo stehen Jungen denn beim Schuleintritt?

Beuster: Meistens in der Entwicklung mindestens ein Jahr hinter den Mädchen zurück. Die Schulreife von Jungen müsste genauer betrachtet werden. An der Grundschule meines Sohnes konnten manche Mädchen schon vor der Schule lesen. Die für die Schule nötigen Fähigkeiten werden von Mädchen sehr schnell erworben, von Jungen nicht. Jungen kommen in die Schule und haben fast vom ersten Tag an den Eindruck: Hier bin ich nicht an erster Stelle. Sie stellen sehr schnell fest, dass Mädchen besser sind. Verlieren haben sie aber nicht gelernt.

SZ: Sollte man Jungen generell später einschulen?

Beuster: Das wäre auch nicht ideal. Man könnte sie aber erst nach einem Jahr mit den Mädchen zusammenbringen. Jungen sind mit sechs noch wie junge Hunde, sie wollen rumtoben. Mädchen fällt es viel leichter, ruhig zu sitzen. Man müsste viel genauer darauf achten, dass auch die Jungen dem Unterricht folgen können. In gemischten Klassen sind oft die Mädchen der Maßstab: Die Lehrerin sieht, die Mädchen kommen mit, und schließt daraus, der Unterricht sei verständlich. Jungen brauchen aber oft länger, bis sie sich organisiert haben.

SZ: Wenn man Sie so hört, klingt es, als mache die Schule Jungen zwangsläufig zu Verlierern. Ist das so?

Beuster: Nein. Zwar schließen die Mädchen im Durchschnitt besser ab. Aber das ist kein großer Unterschied und nicht bedrohlich. Nach wie vor sind sehr viele Jungen in der Lage, in der Schule Erfolg zu haben. Aber eben viele auch nicht: Bei den Schulverlierern sind die Jungen sehr viel stärker vertreten. Zwölf Prozent der Jungen eines Jahrgangs haben keinen Abschluss. Das ist dramatisch.

SZ: Sie schreiben, Lehrer sollten Jungen besonders oft loben, da diese mehr Lob brauchen als Mädchen. Wäre das nicht ungerecht?

Beuster: Ich lobe Jungen ganz gezielt für ihr Verhalten, auch für Rücksichtnahme. Das macht ihnen Mut, das Verhalten auszubilden. Natürlich lobe ich Mädchen auch; diese hungern aber nicht so sehr nach Lob wie Jungs. Viele Jungen brauchen viel Applaus. Wenn man dieses Bedürfnis befriedigt, sind sie auch in der Lage, sich auf etwas anderes einzulassen. Das nützt der ganzen Klasse.

SZ: Lässt sich das wirklich gerecht umsetzen im Schulalltag?

Beuster: Ungerecht ist das Schulsystem in manchen Bereichen zu Jungen. Ist es gerecht, dass Schule so vertextet ist? Es ist erwiesen, dass Jungen viel weniger sprachliche Fähigkeiten haben als Mädchen. Das ist ein klarer Nachteil.

SZ: Was wäre die Alternative?

Beuster: Sprachkompetenz sollte nicht für selbstverständlich gehalten werden. Lehrer sollten etwa nicht darauf beharren, Texte zu lesen, wenn Jungen nichts damit anfangen können. Jungen wollen ausprobieren, handeln. Sinnvoll ist auch, die Sprachkompetenz nur unter Jungen zu trainieren. Unterricht für Jungen muss klar strukturiert sein, da sie mehr Führung brauchen als Mädchen.

(SZ vom 27.11.2006)