Recycling-Experten Technik trifft Nachhaltigkeit

Kunstskulpturen aus Plastikmüll sollen die Betrachter auch dazu bewegen, auf bestimmte Verpackungen zu verzichten.

(Foto: dpa)

Abfall gibt es nicht, so gut wie alles lässt sich verwerten: Auch das lernt man in Studiengängen des Bereichs Umweltschutz und Recycling. Die Berufsaussichten in dieser Branche sind sehr gut.

Von Christiane Bertelsmann

Die Bilder von Meerestieren, die sich in Plastikmüll verheddern und elend zugrunde gehen, oder von Stränden mit Bergen ausgedienter Verpackungen, die mit der Brandung angeschwemmt wurden, lassen kaum jemanden kalt. Nach Berechnung einer Studie der Ellen MacArthur Foundation verschmutzen etwa 150 Millionen Tonnen Plastik die Weltmeere. Und es wird noch schlimmer: Landen aktuell pro Jahr ungefähr acht Millionen Tonnen Plastik in den Meeren, könnten es bis 2030 doppelt so viel sein, prognostizieren Forscher. Der junge Niederländer Boyan Slat und sein Team gehören zu den Menschen, die etwas dagegen tun wollen. Mit seinem Unternehmen The Ocean Cleanup mit Sitz im niederländischen Rotterdam will der 24 Jahre alte Slat die Weltmeere aufräumen. Seit Oktober fischt einer seiner riesigen "Meeresstaubsauger" im Nordpazifik Müll aus dem laut Scientific Report etwa 1,6 Millionen Quadratkilometer großen Müllstrudel, dem sogenannten Great Pacific Garbage Patch. Sein Plan ist, dass der eingesammelte Plastikmüll an Land recycelt und gewinnbringend verkauft werden soll.

Für das Recycling werden dann Ingenieure wie Leanne Brits zuständig sein. Die Südafrikanerin hat in Stellenbosch ihren Master in Chemical Engineering abgeschlossen und bis Anfang dieses Jahres als Recycling-Ingenieurin im Team von The Ocean Cleanup gearbeitet; sie testete unterschiedliche Recycling-Verfahren für den aus dem Meer gezogenen Plastikmüll. Inzwischen ist sie wieder nach Südafrika zurückgekehrt und promoviert an der Universität Stellenbosch.

Spezialisten kümmern sich darum, dass Recycling- oder Sortieranlagen besser arbeiten

Wie gut Slats Säuberungsprojekt funktioniert, muss sich erst noch zeigen. Falls es erfolgreich ist, sollen zahlreiche weitere "Müllstaubsauger" installiert werden. Wie man der Müllmassen Herr wird - egal ob an Land oder im Wasser - ist und bleibt ein Riesenthema. "Die Karrierechancen sind groß, gerade für Ingenieure", sagt Bernhard Schodrowski, Sprecher des Bundesverbands der Deutschen Entsorgungs-, Wasser- und Rohstoffwirtschaft (BDE). "Das schließt Recycling mit ein, umfasst aber deutlich mehr." Ingenieure würden bei Anlagen- und Maschinenbaufirmen, die Recyclingtechnik herstellen und entwickeln, oder direkt als Fachleute in den Recycling- und Entsorgungsanlagen gebraucht. "Die Anlagen müssen ja betrieben, weiterentwickelt und gewartet werden. Das sind circa 15 000 in Deutschland", sagt Schodrowski.

Jose Forero ist Maschinenbauingenieur und bewertet für das privatwirtschaftliche Entsorgungsunternehmen Suez mehrere Verwertungsanlagen, etwa eine Anlage für Ersatzbrennstoffaufbereitung in Bruchsal (Baden-Württemberg). Er analysiert die Wirtschaftlichkeit der Anlage, überwacht die Betriebsausgaben und legt diese Daten dem Vorstand vor. "Da wir unsere Anlagen immer auf dem neuesten Stand halten und optimieren wollen, bin ich vor Ort und bespreche Details mit den Anlagenleitern. Das geht nur, weil ich als Ingenieur Kenntnisse in der Verfahrenstechnik habe. Ich verstehe die Prozesse und kann die richtigen Fragen stellen", erläutert er.

Christina Schulz hat sich ebenfalls für eine Karriere im Umweltbereich entschieden. Nach einem Bauingenieurstudium spezialisierte sie sich mit der Vertiefungsrichtung Wasser- und Abfallwirtschaft an der FH Aachen. "Ich bin in den Achtzigerjahren aufgewachsen. Saurer Regen, Mülltrennung, die Reaktorkatastrophe von Tschernobyl - diese Themen haben mein Umweltbewusstsein geweckt", beschreibt sie ihre Motivation. Heute ist die 47-Jährige beim Recycling- und Rücknahmespezialisten Grüner Punkt im Bereich Business Development und Managementsysteme tätig. "Mein Arbeitsalltag ist sehr abwechslungsreich", sagt sie. Vergangenes Jahr hat sie einen Nachhaltigkeitsbericht mitbetreut und die Prüfung nach internationalen Standards begleitet. Außerdem berät sie Kunden, etwa Hersteller von Verpackungen, wie sie ihre Produkte so gestalten können, dass sie sich besser recyceln lassen. Schulz prüft auch neue Methoden, nach denen Sortier- und Verwertungsanlagen effizienter arbeiten können. Sie hat bereits Sortieranlagen betreut, das hilft ihr ebenso weiter wie ihre Kenntnisse als Ingenieurin. "Ich kann erklären, was mit den Flakes, also den zerschredderten Plastikteilen, im Extruder passiert und wie Kunststoff beschaffen sein muss, damit er gut recycelt werden kann", sagt sie. Ein Extruder ist eine Maschine, die aus thermoplastischem Material, zum Beispiel Kautschuk oder Kunststoff, Formstücke herstellt. Recycling sei und bleibe ein Riesenthema: "Die Arbeit geht nicht aus, das Verpackungsmaterial wird nicht weniger, nicht zuletzt durch den Zuwachs an Singlehaushalten und den Internethandel."

Ein Verfahren zielt darauf ab, aus dem Meer gefischten Müll schon an Bord in Öl zu verwandeln

Recycling Engineering kann man in Deutschland an der Hochschule Nordhausen in Thüringen studieren. Dort ist Uta Breuer Studiendekanin. Die Biotechnikerin spricht von "wunderbaren Berufsaussichten" für ihre Studierenden: Die Absolventen arbeiten im öffentlichen Dienst, bei kleinen Firmen, als Sachverständige, bei klassischen Recyclern wie etwa Remondis und Alba Group, oder sie leiten Biogasanlagen. "Das volle Programm", sagt Breuer. Für wen eignen sich Studium und Beruf? "Mitbringen sollte man naturwissenschaftliche Grundlagen in Mathe, Physik und Chemie, ein Grundverständnis für technische Abläufe und die Lust, etwas für die Natur zu tun", sagt die Professorin. Und man sollte sich darauf einstellen, dass man auf der Deponie zu tun hat und auch mal den Inhalt Gelber Säcke auseinandernehmen muss. "Aber ab dem Rechenhaus in der Kläranlage riecht es anders", fügt sie hinzu, um etwaigen Bedenken gleich etwas entgegenzusetzen. Das Wort "Abfall" hört sie nicht gerne. "Ein schlimmer Begriff", sagt die Studiendekanin. "Abfall gibt es eigentlich nicht. Das könnte man alles weiterverwerten."

Erich Groever hat schon sein ganzes Berufsleben über mit Abfällen und dem Sammeln und Recyceln von ihnen zu tun: Der 63 Jahre alte Verfahrenstechniker hat sich mit seinem Ingenieurbüro auf Umweltthemen spezialisiert. Zunächst, in den Neunzigerjahren, auf den Bau von Anlagen, dann, als der Markt in Deutschland gesättigt war, auf Beratung, Umbau und Ausbau bereits bestehender Anlagen. Heute engagiert er sich für den Verein "One Earth - One Ocean", ein Projekt, das auf etwas ganz Ähnliches zielt wie The Ocean Cleanup: Gewässer von Plastik befreien. Die Idee: Schiffe unterschiedlicher Größe sammeln Müll auf Gewässern ein. Das größte, der "Seeelefant" soll nicht nur Müll aus dem Wasser fischen können, sondern ihn mit einer Verölungsanlage an Bord auch sofort verwerten. "Quasi eine schwimmende Tankstelle", sagt Groever, der Vereinsgründer Günther Bonin zu dem Vorhaben berät. Der Katamaran "Seehamster" fischt seit einigen Jahren regelmäßig Algendreck aus dem Germeringer und Olchinger See bei München. Bis Ende August war der "Seehamster" zu Demonstrationszwecken auf dem Mekong in Kambodscha unterwegs. Noch ein Produkt aus dem Hause Groever machte in Asien die Gewässer sauberer - die etwas größere "Seekuh" spielte den Sommer über im Hafen von Hongkong Müllabfuhr. Momentan ist der "Seehamster" in Deutschland im Einsatz: In Kiel testen Ingenieure ein neues Netz und Fangsystem.

Bundesweit bieten in Deutschland mehr als 80 Hochschulen Studiengänge im Bereich Umwelttechnik an. Ein spezielles Recycling-Ingenieurstudium gibt es in Deutschland in Nordhausen und Magdeburg: Umwelt- und Recyclingtechnik (Bachelor), www.hs-nordhausen.de; Recycling und Entsorgungsmanagement, www.hs-magdeburg.de. Weiterbildungen für Ingenieure zum Thema Recycling bietet der Verein Deutscher Ingenieure (VDI): https://www.vdi-wissensforum.de/weiterbildung-umwelttechnik/recycling