bedeckt München

Qualifizierungschancengesetz:Anreiz fürs Vorankommen

Ein neues Gesetz fördert die Weiterbildung in Unternehmen. Einige Arbeitgeber investieren dafür eigene Mittel - aus guten Gründen.

Von Christine Demmer

Manchmal hat man im Leben auf einmal die richtige Eingebung. Wie die gelernte Krankenschwester Melanie Horstkotte, die seit zehn Jahren bei einem ambulanten Pflegedienst arbeitet. "Wegen der Corona-Krise hatten Friseure, Podologen und Fußpfleger geschlossen oder durften keine Hausbesuche mehr machen", berichtet Horstkotte. "So konnten unsere Patienten nicht mehr zur Fußpflege gehen." Für diese sei das richtig schlimm gewesen, sagt sie. Für sie persönlich öffnete sich indes eine neue Chance: Schon vor ihrem Wechsel in den ambulanten Pflegedienst hatte sich die Krankenschwester zur Wundexpertin weitergebildet. Um künftig auch die Füße ihrer Patienten pflegen zu können, besucht sie jetzt einen Fachlehrgang bei der Fernschule Studiengemeinschaft Darmstadt (SGD).

Auch Laura Christoph, die sich derzeit online zur Marketing-Fachwirtin weiterbildet, kam durch ihren aktuellen Job auf den Geschmack. "Nach meiner Ausbildung zur Groß- und Einzelhandelskauffrau wurde ich übernommen und konnte im Vertrieb einsteigen", erzählt sie. "Da gibt es viele Berührungspunkte mit dem Marketing." Das Thema interessiert sie, das Lernen macht ihr Freude, außerdem signalisiert die Prüfung vor der Industrie- und Handelskammer einen nachgefragten Abschluss.

An den Finanzen sollte Weiterbildung nicht scheitern: Daher hat der Staat ein Förderprogramm für Arbeitnehmer geschaffen.

(Foto: Imago Images)

Fernstudiengänge sind seit Jahrzehnten etabliert. Für viele sind sie der mit den wenigsten Einschränkungen verbundene Weg, um sich neue Kenntnisse anzueignen. Gerade für Berufstätige sind sie ideal, weil man fürs Lernen nicht den Arbeitsplatz und Karriereambitionen aufgeben muss. Andreas Vollmer, pädagogischer Direktor der SGD, weiß um diesen Vorteil: "Ein Fernstudium ist aufgrund seiner hohen Flexibilität natürlich ideal für eine berufsbegleitende Weiterbildung", sagt er, "gerade in der aktuellen Zeit". Denn wegen Corona ist Unterricht im Klassenraum, wenn überhaupt, nur unter Auflagen möglich. Abstandsregeln und Hygienemaßnahmen spielen beim Fernstudium keine Rolle. Wohl aber die hohe Eigenmotivation der Lernenden, wie Vollmer anerkennend hervorhebt: "Neben dem starken Willen, die selbst gesteckten beruflichen Ziele zu erreichen, beobachten wir eine hohe intrinsische Motivation", sagt er. "Die Studierenden wollen etwas Neues anpacken und unbedingt zu Ende führen." Arbeitgeber werteten das als dicken Pluspunkt. Einen weiteren gebe es für die erworbene Medienkompetenz und einen dritten für die unter Beweis gestellte Fähigkeit, sich selbst gut organisieren zu können.

Ein Leben lang denselben Beruf auszuüben, wird nicht nur für Neulinge in der Arbeitswelt, sondern auch für die heutigen Beschäftigten die absolute Ausnahme bleiben. Dafür verändert sich die Wirtschaft, nicht zuletzt durch die digitale Transformation, viel zu schnell. Eine Hürde bei der Weiterbildung stellt nicht nur das knappe Gut Zeit dar, sondern auch der Umstand, dass es sich nur wenige leisten können, für eine Weiterbildung Gehaltseinbußen hinzunehmen. Das hat inzwischen auch die Politik erkannt: Dank des 2019 in Kraft getretenen Qualifizierungschancengesetzes übernimmt die Bundesagentur für Arbeit einen Teil der Kosten, sofern die Weiterbildung darauf abzielt, Beschäftigte für die sich wandelnde Arbeitswelt fit zu machen. Dafür stockt die Bundesregierung den Haushalt der Bundesagentur für Arbeit um jährlich bis zu 6,2 Milliarden Euro auf. Arbeitgeber können dank des Gesetzes die Weiterbildung ihrer Mitarbeiter vom Staat fördern lassen (siehe Information).

Qualifizierungschancengesetz

Das zum 1. Januar 2019 in Kraft getretene und mit Beginn dieses Jahres erweiterte Qualifizierungschancengesetz sieht eine Kostenbeteiligung oder sogar -übernahme des Staates an den Aufwendungen für Weiterbildungsmaßnahmen von Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern vor. Die Höhe der Zuschüsse hängt von der Größe des Unternehmens ab, dessen Angestellte sich beruflich fortbilden wollen. Zuständig ist die Bundesagentur für Arbeit. Sie erstattet Kleinunternehmen mit weniger als zehn Beschäftigten die kompletten Weiterbildungskosten für ihre Beschäftigten und 75 Prozent der Lohnfortzahlungskosten im Falle einer Freistellung.

Bei Unternehmen mit bis zu 249 Mitarbeitern wird die Hälfte, bei bis zu 2500 Mitarbeitern immerhin noch ein Viertel der Kosten übernommen. Noch größere Unternehmen unterstützt die Bundesagentur für Arbeit mit 15 bis 20 Prozent der Kosten. Von der geförderten Qualifizierung profitieren sowohl Vollzeit- als auch Teilzeitkräfte.

Es wird auch kein Unterschied gemacht, ob die vorgesehenen Kurse, Seminare oder Lehrgänge hauptberuflich oder nebenberuflich besucht werden. Außerdem sichert das Qualifizierungschancengesetz Arbeitnehmern einen Anspruch auf Beratung bei der Weiterbildung zu. cde

Es gibt jedoch auch Unternehmen, die auf staatliche Unterstützung verzichten und selbst tief in die Tasche greifen, um den Wissensstand ihrer Beschäftigten zu heben. Denn mit neuen Perspektiven vor Augen steigt die Arbeitszufriedenheit, und so hoffen Arbeitgeber, ihre Mitarbeiter längerfristig an sich zu binden. Einer von ihnen ist die Regio IT GmbH, mit circa 620 Beschäftigten der größte kommunale IT-Dienstleister in Nordrhein-Westfalen. "Es ist wichtig, Mitarbeiter zu unterstützen, die sich umorientieren oder weiterentwickeln möchten", sagt Unternehmenssprecherin Mirja Niewerth-Halis. "Niemandem ist geholfen, wenn Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter in ihrem Job unglücklich sind." Hinzu komme die Herausforderung des demografischen Wandels. "Bei uns als IT-Dienstleister gibt es heute schon an vielen Stellen Vakanzen", erklärt sie und prognostiziert: "Der Kampf um die besten Köpfe im IT-Sektor wird sich auf absehbare Zeit nicht entspannen." In den vergangenen fünf Jahren hätten sich in dem Unternehmen mit Sitz in Aachen und Niederlassungen in Gütersloh und Siegburg circa 15 Mitarbeiter neben dem Beruf - entweder durch ein Studium an der Fernuni Hagen, an einer privaten Hochschule oder in IHK-Lehrgängen - einen neuen Beruf erschlossen. Zum Beispiel Anwendungsentwickler, die die Digitalisierung nicht mehr nur von der Software-Seite aus betrachten wollten und sich für ein Studium der Wirtschaftsinformatik entschieden haben. Oder Fachinformatiker, die aus dem Support in das IT-Management oder die Projektleitung gewechselt sind.

Ein berufsbegleitendes Studium bis hin zum Master oder eine mehrjährige IHK-Fortbildung machen den Weg für einen Berufswechsel frei. Auch solche Wünsche ihrer Beschäftigten unterstützt das Unternehmen. Nicht nur ideell, sondern auch materiell: Die Fortbildungskosten in Höhe von bis zu mehreren Tausend Euro werden übernommen, und für einzelne Prüfungstage bekommen die Mitarbeiter ohne Gehaltsabzug frei. Wer sich weiterbildet, kann für die Dauer des Studiums oder des Lehrgangs sogar seine Arbeitszeit reduzieren, um mehr Zeit fürs Lernen zu haben. "Wir haben wirklich gute Erfahrungen mit Mitarbeitern gemacht, die wissen, wo es für sie hingehen soll, und die sich gezielt dafür einsetzen", lobt Niewerth-Halis deren Motivation und Engagement. So möge es bleiben: "Das ist eine Win-win-Situation für beide Seiten."

© SZ vom 16.10.2020
Zur SZ-Startseite