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Psychomotorik-Fortbildung:Rennen statt ruhen

In der Psychomotorik kommen verschiedene Spiele zur Anwendung.

(Foto: Friso Gentsch/DPA)

Zu viele Kinder sind unfit. Experten verhelfen ihnen zu mehr Körpergefühl und Freude an der Bewegung.

Von Joachim Göres

Sie stolpern beim Laufen ständig über ihre eigenen Füße. Sie trauen sich nicht zu balancieren. Sie zittern vor Angst, wenn sie von einem Kasten springen sollen. Kinder spielen weniger draußen - seit den Siebzigerjahren ist die draußen verbrachte Zeit von 30 auf heute unter zehn Stunden die Woche gesunken - und erkunden die Umwelt weniger auf eigene Faust. Die Folgen sind oft geringe Beweglichkeit und wenig Gefühl für den eigenen Körper, nicht selten verbunden mit negativen Auswirkungen auf die gesamte Entwicklung.

"Diese Kinder haben Defizite und erleben immer wieder Misserfolge, nicht nur beim Sport. Es geht darum, ihnen Lust an Bewegung und Erfolgserlebnisse zu vermitteln, dann trauen sie sich irgendwann von ganz allein an Dinge ran, die sie sonst lieber vermeiden", sagt der Diplom-Motologe Peter Keßel. Der wissenschaftliche Mitarbeiter des Niedersächsischen Instituts für frühkindliche Bildung leitet Weiterbildungskurse der "Deutschen Akademie - Arbeitskreis Psychomotorik". In 180 Stunden lernen Teilnehmer, die als Pädagogen oder Gesundheitsexperten arbeiten, wie sie die Entwicklung von Mädchen und Jungen besser wahrnehmen, ihre Persönlichkeiten stärken und psychomotorisch mit ihnen arbeiten. Mehrere Wochenendworkshops gehören zur Ausbildung zum Psychomotoriker, einer davon ist der Kurs "Spielräume gestalten - Spielend lernen", bei dem die Teilnehmer diverse Spiele selbst vorbereiten, ausprobieren und besprechen.

Beim Molekülspiel rufen die Teilnehmer eine Zahl zwischen Null und 100 - je höher die Zahl, umso schneller sollen sie sich bewegen. Jeder kann das Tempo durch das Rufen einer neuen Zahl mitbestimmen, jeder testet seine eigenen Grenzen aus und tritt nicht mit den anderen in Konkurrenz. Beim Spiel "Roter Peter" haben zwei Spieler jeweils einen mit einem roten Tuch umwickelten Stab, mit dem sie einen anderen Teilnehmer berühren müssen, der dann zum Fänger wird. Die Spieler laufen auf einem zuvor abgesteckten Feld quer durcheinander, manch einer verbirgt den Stab hinter seinem Rücken, um dann blitzschnell zuzuschlagen; die Fänger wechseln ständig. "Schnelle Wechsel sind wichtig, damit bei niemandem Frust aufkommt. Wenn bei dem Spiel sehr langsame Kinder mitmachen, dann darf das Feld nicht zu groß sein, damit sie auch andere Kinder erwischen", lautet der Rat von Keßel bei der anschließenden Reflexion.

Hinter dem Begriff Psychomotorik verbirgt sich ein Konzept, das die Wechselwirkung zwischen psychischen und motorischen Prozessen nutzt. Dazu gehört die Überzeugung, dass ein Kind sich nur durch eigene Aktivitäten entwickelt und nur diejenigen Anregungen zu Fortschritten in der Entwicklung führen, zu denen das Kind motiviert ist. Es geht nicht um die Behandlung von Problemen, sondern um die Befähigung zu selbständigem Handeln, indem vorhandene Fähigkeiten und Ressourcen gefördert werden.

"Psychomotorik ist für mich vor allem eine Grundhaltung, genau zu beobachten, keinen Zwang auszuüben, sich Zeit zu nehmen", sagt die Physiotherapeutin Andrea Wiesner. Sie arbeitet für die Lebenshilfe in Buxtehude bei Hamburg in der Frühförderstelle, in der behinderte Kinder bis zum Alter von sechs Jahren betreut werden. "Ein dreijähriges Mädchen bei uns hat lange nicht gesprochen. Sie ist motorisch unsicher. In dem Raum, in dem wir spielen, kann sie jetzt die Farben benennen, die es dort gibt. Ich habe sie nie gezwungen zu sprechen und bin die einzige, mit der sie jetzt spricht", berichtet Wiesner, wie sich die motorische Förderung positiv auf die Sprachentwicklung auswirkt.

Übungen für ein besseres Körpergefühl trainieren auch die Konzentrations-Fähigkeit

Philipp Lenhardt ist ausgebildeter Gymnasiallehrer für Deutsch und Sport. Inzwischen unterrichtet er in Ingolstadt angehende Erzieherinnen. "Viele von ihnen haben negative Erfahrungen im Schulsport gemacht, deswegen reagieren sie auf sportliche Aktivitäten zunächst abwehrend. Gerade weil sie keine Sportskanonen sind, ist es umso bedeutender, ihnen zu vermitteln, wie wichtig Bewegung für Kinder ist", sagt Lenhardt, der seine Psychomotorik-Fortbildung vom Arbeitgeber bezahlt bekommt. Auf eigene Kosten nimmt Mark Sewczyk an dem Kurs teil. Er arbeitet als Sozialpädagoge an einer Grundschule in Gelsenkirchen mit Kindern, die etwa einen Stift nicht richtig halten können. Andere haben Probleme, beim Gehen den Fuß abzurollen. "Ich versuche, die Verbesserung der Feinmotorik in viel Bewegung zu packen und viel spielerisch zu machen", sagt Sewczyk. Von der Fortbildung verspricht er sich Anregungen für seine Arbeit, doch sieht er Grenzen bei der Anwendbarkeit: "Psychomotorik passt nicht ins Schulsystem. Selbst viele junge Lehrer gehen nicht individuell auf die Kinder ein; die Erfüllung des Lehrplans hat für sie Priorität."

Tanja O'Connell leitet seit vielen Jahren Psychomotorikkurse eines Sportvereins in Celle. In ihre Kurse kommen Kinder mit ärztlichem Rezept, die zum Teil auch zur Ergotherapie oder zur Logopädin gehen. "Ich habe es immer mehr mit verhaltensauffälligen Kindern zu tun", sagt die gelernte Industriekauffrau, an deren Kurs an diesem Nachmittag sechs Jungen im Alter von fünf bis 14 Jahren teilnehmen. Einige haben Übergewicht, andere können sich nur schwer konzentrieren. Mit ihnen läuft sie über den Sportplatz, mal mit Schuhen, mal barfuß über die Kunststoffbahn, den nassen Rasen und den Sand der Sprunggrube. Nicht die Geschwindigkeit zählt, vielmehr wird der Blick der Jungen auf ihre Füße gelenkt - welcher Untergrund fühlt sich wie an, wenn der Fuß abgerollt wird oder sie nur auf Zehenspitzen gehen? Dass Kinder heutzutage weniger klettern und sich frei draußen bewegen, hat für O'Connell nicht nur etwas mit der Attraktivität von Computerspielen zu tun: "Viele Eltern wollen nicht, dass sich Kinder beim Spielen dreckig machen. Sie wollen immer die Kontrolle über ihre Kinder behalten. Das ist nicht gut für ihre Entwicklung."

Nähere Informationen: www.bewegtekindheit.de, www.wvpm.org

© SZ vom 05.03.2021
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