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Professioneller Austausch:Lehrer auf Schnuppertour

Immer mehr Pädagogen hospitieren an anderen Schulen. Von den Besuchen profitieren die Gäste wie die Gastgeber. Meist geht es um ein bestimmtes Thema wie die Schülerversammlung oder selbstorganisiertes Lernen.

Als Ulrike Becker ihre neue Stelle antrat, wusste sie: Vieles muss anders werden. Sie hatte die Leitung einer Schule übernommen, in die kaum ein Schüler wollte und in der jene, die da waren, zu häufig scheiterten. Aus vielen Gründen; unter anderem, weil im Unterricht nicht alle gleich gut mitkommen, wenn das Lerntempo für alle gleich ist. Wenn die Schule, so wie Beckers Refik-Veseli-Schule in Berlin-Kreuzberg, Schüler mit Empfehlungen für alle Schulformen unterrichtet, gilt das besonders. Schulleiterin Becker und ihre Lehrerkollegen beschlossen, eine neue Form der Stoffvermittlung zu versuchen: das Lernen in Lernbüros. In diesen tragen die Schüler in Checklisten ein, was sie schon können; was noch ansteht, wird in Tages- und Wochenplänen festgehalten. Die Lehrkräfte stehen ihnen als Lernbegleiter zu Seite. Zu Beginn führen sie in neue Themen ein; anschließend schauen sie gemeinsam mit den Schülern, wo sie stehen.

Nun mussten sich die Lehrer selbst erst einmal schlau machen, wie das geht. So fuhr ein großer Teil des Kollegiums der Berliner Schule eines Morgens mit dem ICE nach Hamburg. In Altona steht mit der Max-Brauer-Schule eine der anerkanntesten Bildungsstätten in Sachen Lernbüro und gemeinsames Lernen. Die Berliner besuchten den Unterricht, sprachen mit der Schulleitung, Lehrkräften, Schülern. Weil keine Ressource so knapp ist wie Zeit, wurde schon auf der Rückfahrt in Gruppen viel über die neuen Eindrücke diskutiert. "Wir haben extra separate Abteile gebucht", erinnert sich Becker, "der Eindruck war frisch, die Reflexion wertvoll." Und warum informierten sich die Pädagogen nicht in Büchern, Videos, Vorträgen? "Wer Schule verändern will, muss erleben, wie sich so etwas anfühlt. Das geht nur vor Ort", sagt Becker. Finanziert wurde die Reise mit Mitteln des School-Turnaround-Programms der Robert-Bosch-Stiftung, das bis 2017 zehn sogenannte Brennpunktschulen in Berlin bei ihrem Neustart begleitete.

Meist geht es um ein spezielles Thema wie Flüchtlingsklassen oder die Schülerversammlung

Noch vor zehn Jahren waren gegenseitige Schulbesuche große Ausnahmen. Heute ist das anders. "Wir bieten jedes Jahr 150 Hospitationen an. Immer gibt es mehr Bewerber als Plätze", sagt Claudia Dikmans, Leiterin Programmentwicklung der Deutschen Schulakademie. Die 2015 gegründete Akademie bietet ein richtiges Hospitationsprogramm an: Je zwei Lehrer sind eine Woche lang in einer der 76 Preisträgerschulen des Deutschen Schulpreises zu Gast. Die Themen sind unterschiedlich: Neben verschiedenen Formen des selbstorganisierten Lernens kann es auch darum gehen, wie man Vorbereitungsklassen, etwa für Flüchtlinge, konzipiert, was bei der Einführung einer Schülerversammlung zu beachten ist, wie man Schülern und Lehrern im Schulleben mehr Partizipation ermöglicht. Speziell die Schulleiter können sich Anregungen holen, wie sie das Lehrerkollegium motivieren.

Bedingung für die Schnupperbesuche ist, dass die Schulleitung mitmacht - und entweder selbst hospitiert oder zumindest bei einem Treffen dabei ist. "Unser Ziel ist nicht nur, dass Lehrkräfte etwas für ihren Unterricht mitnehmen. Uns geht es um Schulentwicklung und darum, erfolgreiche Modelle in die Breite zu tragen", erklärt Dikmans. Damit die Bewerber mit einem bestimmten Fokus kommen, müssen sie ein Motivationsschreiben einreichen. Wer angenommen wird, erhält Materialien zur Vor- und Nachbereitung.

"Vorab zu klären, was man wissen will, ist wichtig. Sonst droht eine Überfrachtung mit Eindrücken", ergänzt Cornelia von Ilsemann, Mitglied im Programmteam der Schulakademie. Worum es bei Schulbesuchen nicht geht, sagt sie auch: um schlichtes Nachmachen, Kopieren, Abschauen. "Jede Schule ist anders." Jedes Modell müsse für die eigene Schule erst einmal passend gemacht werden. "Nacherfinden" nennt Ilsemann das. Zudem rät sie dazu, auch auf das Gegenteil zu schauen - auf Eigenheiten und Prozesse, die für die eigene Schule unpassend erscheinen. Im Grunde sollten Lehrkräfte sich durch drei Fragen leiten lassen: Was nehme ich mit? Was lasse ich hier? Was irritiert mich?

Für Hospitationen von Lehrern gibt es professionelle Programme, die Standards festschreiben

Die Mitglieder des Bündnisses "Blick über den Zaun", zu dessen Sprecherteam Ilsemann gehört, sind Pioniere der gegenseitigen Besuche. Seit der Gründung 1989 ist der Name des Zusammenschlusses der heute mehr als 100 reformfreudigen Schulen Programm: Je zwei Lehrkräfte von etwa acht Schulen bilden einen Arbeitskreis, der sich alle sechs Monate an einer der Schulen trifft. "Die Schulen sind bunt gemischt", erzählt Ilsemann, "kleine und große Schulen treffen ebenso aufeinander wie Grund- und Gesamtschulen auf Gymnasien und private auf öffentliche Schulen." Zwei Tage nehmen die Besucher die Arbeit der Gastgeber unter die Lupe. Idealerweise steht auch hier ein Schwerpunkt im Fokus - etwa weil inklusiver Unterricht oder ein neues Prinzip der Leistungsbeurteilung eingeführt wurde. Die Besucher beobachten auf Grundlage gemeinsam entwickelter Standards und bieten im Anschluss an jedes Treffen ein "perspektivenreiches Feedback" - meist erst im Gespräch mit der Schulleitung, dann mit dem Kollegium. Wichtig, so Ilsemann, sei ein Austausch unter Gleichen, getragen durch eine Basis gegenseitigen Vertrauens: "Das erhöht auch die Chance, dass die Rückmeldung für Verbesserungen genutzt wird."

In den weltweit 140 deutschen Auslandsschulen sind gegenseitige Besuche sogar verpflichtend. "Peer Reviews sind fester Bestandteil der Schulentwicklung", erzählt der Bildungswissenschaftler HansGünter Rolff, der das Qualitätsmanagement für die auf der ganzen Welt verstreuten Schulen, die nach deutschen Lehrplänen unterrichten, entwickelt hat. In einem strukturierten Verfahren kommen in der Regel drei "kritische Freunde" an die Schule - meist Schulleiter, aber auch Lehrer von Auslandsschulen, die in derselben Region arbeiten. Schon ein Jahr zuvor tauscht man sich darüber aus, worauf der Schwerpunkt liegen soll. Rolff erklärt, die Besuche seien ein ganz wesentliches Instrument, um Schulen voranzubringen: "Die Kooperation von Lehrkräften ist ein entscheidender Treiber von Qualitätsentwicklung," so der emeritierte Schulexperte.

An der Kreuzberger Refik-Veseli-Schule ist seit dem Ausflug von Lehrern nach Hamburg - und einer Reihe weiterer Initiativen - tatsächlich fast alles anders geworden. Das hat dazu geführt, dass es in jedem Jahr mehr Anmeldungen als Plätze gibt. Im Gegenzug empfangen inzwischen Schulleiterin Becker und ihre Kollegen regelmäßig Lehrkräfte für einen Schulbesuch. Ulrike Becker öffnet die Schule gern für Gäste. Sie sagt: "Besuche sind ein Zeichen der Anerkennung. Und Wertschätzung tut Lehrkräften wie Schülern gut."

Nähere Informationen zu Hospitations-Möglichkeiten für Lehrer und Lehramtsstudenten: www.deutsche-schulakademie.de