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Pro Gap Year:Andere Kulturen entdecken

Beilage Lernen

Illustration: Stefan Dimitrov

Das Gap Year eignet sich gut dafür, Auslandserfahrung zu sammeln.

Von Theresa Tröndle

Die letzten Prüfungen sind geschafft, das Zeugnis ist noch druckfrisch, das Abitur ist bestanden. Endlich fällt der Druck der vergangenen Monate von einem ab. Und nun? Vom Klassenzimmer direkt in den Hörsaal? Eine Berufsausbildung beginnen? Immer mehr Jugendliche entscheiden sich nach dem Abschluss für eine Auszeit, für ein sogenanntes Gap Year. Das zeigen Ergebnisse des Studienberechtigtenpanels des Deutschen Zentrums für Hochschul- und Wissenschaftsforschung (DZHW).

Alle drei Jahre untersucht das DZHW in mehreren Etappen einen Abschlussjahrgang. Die neuesten Ergebnisse beziehen sich auf den Jahrgang 2015, die Ergebnisse für 2018 werden voraussichtlich in diesem Sommer veröffentlicht. 2015 nahm demnach ungefähr die Hälfte der Abiturienten ein Studium auf, 16 Prozent entschieden sich für eine Ausbildung und 30 Prozent für eine Übergangstätigkeit. Zum Vergleich: 2012 waren es nur 25 Prozent, die nach dem Abschluss ein Gap Year einlegten. "Die größte Motivation der Schulabgänger sind der Wunsch nach einer Auszeit und die Unschlüssigkeit über den weiteren Werdegang", sagt Andreas Woisch vom DZHW. Die Gründe sind nachvollziehbar. Seit der Einführung des achtjährigen Gymnasiums sind die Stundenpläne vollgepackt. Viele Schüler sehnen sich nach einer Pause, bevor der Lernstress im Studium weitergeht. Dazu kommt, dass sich Schüler in Deutschland laut dem Portal Studienwahl.de zwischen 9000 Bachelor-Studiengängen entscheiden müssen. Zahlreiche Abiturienten fühlen sich von dieser Vielzahl an Möglichkeiten überfordert. "Wer nach dem Schulabschluss noch unschlüssig ist und sich ein Jahr Zeit nimmt, hat bessere Chancen, den richtigen Weg zu finden", sagt Woisch.

"Ein Gap Year macht den Kopf frei, stärkt das Selbstbewusstsein und die Unabhängigkeit."

Die Möglichkeiten sind vielfältig: Ein freiwilliges soziales Jahr (FSJ) beim Deutschen Roten Kreuz, als Au-pair nach Sydney, auf einer Farm in Schweden mitanpacken oder für eine Nichtregierungsorganisation in einem ghanaischen Dorf bei der Prävention von HIV-Erkrankungen mitwirken. Am stärksten nachgefragt ist "Work and Travel", eine Kombination des Reisens mit Jobs, sagt Jane Jordan von der Initiative Auslandszeit. Das Fachportal betreibt mehrere Webseiten zu verschiedenen Arten von Auslandsaufenthalten. Auch Freiwilligenarbeit sei beliebt. Jordan legt jungen Erwachsenen jedenfalls nahe, sich für ein Gap Year zu entscheiden: "Die Zeit nach dem Abitur bringt einen großen Vorteil mit sich: Ungebundenheit. Im späteren Leben wird man nie wieder so viel Zeit haben, länger ins Ausland zu gehen."

Wer seine Komfortzone verlässt, erweitert seinen kulturellen Horizont, lernt mit Geld umzugehen und verbessert seine Sprachkenntnisse. "Ein Gap Year macht den Kopf frei, stärkt das Selbstbewusstsein und die Unabhängigkeit. Das fördert die persönliche Entwicklung", betont Jordan. Manchmal entwickeln sich aus den Beziehungen, die man in dem jeweiligen Land zu Einheimischen oder anderen Jugendlichen aufbaut, sogar lebenslange Freundschaften. In Praktika während des Gap Years können Abiturienten erste Einblicke in die Arbeitswelt erhalten und Kompetenzen erwerben, die man auch dann gut brauchen kann, wenn man einmal fest ins Berufsleben integriert ist. Das schätzen Jordan zufolge viele Universitäten und Arbeitgeber: "Wer im Ausland gelebt und gearbeitet hat, ist offener, kommunikativer und bringt andere Sichtweisen mit."

In den vergangenen Jahren stieg das Interesse an der Kombination verschiedener Angebote. Ging man vor zehn Jahren noch ein komplettes Jahr nach Australien, um dort zu arbeiten und zu reisen, reizen junge Menschen heute kürzere Angebote. Zum Beispiel zwei Monate in einem Projekt arbeiten und anschließend noch ein paar Monate die Nachbarländer erkunden. Beliebt ist Jordan zufolge auch ein halbes Jahr "Work and Travel" in Australien und anschließen eine Reise durch Südostasien. Über Möglichkeiten, das Gap Year zu gestalten, kann man sich auf verschiedenen Internetseiten schlaumachen. Dazu kommen Reiseblogs, Youtube-Kanäle und Instagram. "Jugendliche informieren sich immer mehr über Videos und Fotos, als über Texte", sagt Jordan. Die Fokussierung auf das Optische habe Auswirkungen auf die Wahl der Zielländer, die immer exotischer werden: Neben Klassikern wie Australien, Neuseeland oder Kanada, werden Südafrika, Indonesien, Costa Rica und Peru immer beliebter. Gleichzeitig beobachtet Jordan erste Auswirkungen des Einsatzes der Umweltaktivistin Greta Thunberg und der Bewegung "Fridays for Future": "Manche Jugendliche sagen sich: ,Wenn ich in Europa an einem ähnlichen Projekt wie in Australien teilnehmen kann, verzichte ich auf den Langstreckenflug'."

Wer sich unsicher ist, wie er sein Gap Year gestalten will, kann auf dem Portal Auslandszeit.de einen Test machen. Am Ende erhält man eine Liste mit passenden Vorschlägen. Um anschließend einen vertrauenswürdigen Anbieter zu finden, gibt es mehrere Möglichkeiten. Zu den gesetzlich geregelten Freiwilligendiensten gehören die Internationalen Jugendfreiwilligendienste (IJFD), das freiwillige soziale Jahr (FSJ) sowie die Freiwilligendienste "Weltwärts" und "Kulturweit". Sie werden staatlich gefördert. Vorteil: Man wird vorbereitet und während des Aufenthalts sowie danach betreut. Nachteil: Die Programme dauern meist zwölf Monate, und man muss sich oft bis zu ein Jahr im Voraus bewerben. Bei gewerblichen Anbietern sollte man darauf achten, ob sie Mitglied in einem Dachverband sind oder ein Gütesiegel tragen, und frühzeitig Information zu den anfallenden Kosten und Aufgaben einholen. Jordan rät: "Man sollte so konkret wie möglich fragen und die Antworten in Schriftform verlangen, dann steht einer aufregenden Zeit im Ausland nichts mehr im Weg."

© SZ vom 13.03.2020
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