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Multimediale Studienbriefe:Für alle Sinne

Illustration: Stefan Dimitrov

Manche Bildungsexperten schätzen Online-Studienbriefe, andere bevorzugen die gedruckte Version.

Wenn andere gemütlich in den Feierabend starten, geht für sie das Büffeln erst los: Circa 142 000 Frauen und Männer haben sich im Wintersemester 2017/18 laut einer Studie des Bundesinstituts für Berufsbildung (BIBB) per Fernunterricht fortgebildet, also ein Fernstudium oder auch einen Fernlehrgang absolviert - viele taten dies neben ihrem Beruf.

Auf den Briefträger, der mit dem Aufkommen der ersten Fernhochschulen in den Siebzigerjahren alle paar Wochen einen Studienbrief einwarf, müssen heute nur noch wenige Studierende warten. Mittlerweile verschicken die meisten Hochschulen zu Beginn des Semesters gedruckte Skripte oder stellen diese als PDF-Datei zur Verfügung. Einzelne Anbieter vermitteln ihre Lerninhalte auch online mit Videos und Podcasts. Alle drei Varianten werden als Studienbriefe bezeichnet.

Die Fernuniversität in Hagen (Nordrhein-Westfalen) macht seit mehr als 40 Jahren gute Erfahrungen mit gedruckten Lernmaterialien. "Viele unserer Studierenden schätzen die Studienbriefe in gedruckter Form, weil sie ohne Technik genutzt werden können und sich der Lernstoff gut einteilen lässt", sagt Stephan Düppe, Sprecher der Fernuniversität. Für die einzige staatliche und zugleich größte Fernuni Deutschlands ist das jedes Semester eine logistische Herausforderung. Mehr als 76 000 Studierende weltweit müssen vom Logistikzentrum in Hagen mit Printmaterial versorgt werden. Das entspricht pro Semester 320 000 Paketen mit Studienbriefen, die die Mitarbeiter versenden.

Sie enthalten eine Zusammenfassung der Lerninhalte, Übungsaufgaben mit Lösungen zur Selbstkontrolle, sowie Aufgaben, die die Teilnehmer später den Dozenten schicken. Die Dokumente verweisen auf weiterführende Literatur und legen fest, was man am Ende des Semesters wissen sollte. Meist sind die Lerninhalte auf die knappen zeitlichen Ressourcen Berufstätiger abgestimmt. "Ungefähr 80 Prozent unserer Studierenden arbeiten nebenher", sagt Düppe, "sie lernen abends, an Wochenenden oder im Urlaub, daher sind kompakte, in sich geschlossene Einheiten wichtig."

Auch die SRH-Fernhochschule, die an 21 Standorten in Deutschland, Österreich under Schweiz vertreten ist, setzt noch auf den gedruckten Studienbrief. Zu Beginn des Studiums kann man zwischen der Printversion des Studienbriefs und dessen elektronischem Pendant wählen. "Zwei Drittel entscheiden sich im Durchschnitt für den gedruckten Studienbrief", sagt Petra Arenberg, Professorin für Sozialwissenschaften und Kompetenzentwicklung an der SRH-Fernhochschule. Meist sind das Menschen, die zwanzig Jahre oder länger mit haptischen Medien Lernerfolge erzielt haben. Ob im Café, im Park oder am Strand - die gedruckte Variante ist überall verfügbar, auch ohne Internet oder aufgeladenen Akku. Die Fernlernenden schätzen außerdem den Überblick, den diese Form schafft, die Möglichkeit, sich Notizen zu machen, und das Gefühl, etwas erledigt zu haben, wenn sie einen bearbeiteten Studienbrief zur Seite legen können.

Manche Experten betonen die Vorzüge gedruckter Materialien, andere setzen aufs Digitale

Arenberg sieht aber auch die Vorteile, die onlinebasierte Studienbriefe mit Erklärvideos, Links oder Podcasts mit sich bringen: "Der Medienwechsel macht das Lernen spannender, erhöht die Aufmerksamkeit und verlängert dadurch die Konzentration." Allerdings lassen sich nicht alle Inhalte auf multimediale Formate übertragen. "Eine 90-minütige Präsenzvorlesung als Videodatei hochzuladen, ist wenig sinnvoll", sagt Arenberg. Das Video führe bei den Studierenden dazu, dass diese den Lernstoff unterschätzten. In diesem Fall sei es besser, die Vorlesung als Text zur Verfügung zu stellen.

Egal ob analog oder elektronisch als PDF: Wer die gedruckten Dokumente liest, lernt gleichzeitig, wie man wissenschaftlich korrekt schreibt. "Dieses beiläufige Lernen ist ein großer Vorteil der Studienbriefe", betont Arenberg. Bei Online-Versionen mit Videos hingegen bestehe das Risiko, sich nur berieseln zu lassen und komplexe Inhalte nur oberflächlich wahrzunehmen. Sie ist davon überzeugt, dass der Studienbrief in gedruckter Form nach wie vor seine Berechtigung hat.

Das sieht Friedhelm Mündemann, Geschäftsführer des Verbundes Virtuelle Fachhochschule (VFH), anders: "Der gedruckte Studienbrief ist überholt, die Hochschulen setzen immer mehr auf digitale und multimediale Formate." Der 2001 gegründete VFH-Verbund, in dem sich 13 Hochschulen aus Deutschland und der Schweiz zusammengeschlossen haben, bietet Online-Studiengänge für Berufstätige oder Studierende mit Kindern an. Einen großen Vorteil sieht Mündemann im Aktualisieren digitaler Lerninhalte: "Lernmaterial, das online zur Verfügung steht, kann schneller korrigiert und einfacher angepasst werden."

Das hat die Hochschule Fresenius schon vor längerer Zeit erkannt: Seit 2016 bietet sie Onlineplus, ein Online-Studienkonzept mit innovativen Studienbriefen in Magazinform, an. Sie enthalten Zusammenfassungen des Lernstoffs, Fallbeispiele, Grafiken und in der digitalen Version Animationen und Videos. "Der Studienbrief als Lernmaterial ist zwar noch aktuell und notwendig, aber seine Rolle hat sich verändert", resümiert Peter Weber, Dekan des Fachbereichs Onlineplus, seine Sichtweise. "Wir wollen den Lernstoff in abwechslungsreicher Form vermitteln, die Spaß macht, mehrere Sinne gleichzeitig anspricht und dadurch im Gedächtnis bleibt."

Auch durch den Trend zur Digitalisierung sind Online-Lerneinheiten im Fernunterricht wichtiger geworden. Komplett auf E-Learning sind bislang indes nur wenige Fernhochschulen umgestiegen. "Anbieter wie die Hochschule Fresenius zeigen, was online alles möglich ist", sagt Markus Jung, der das Portal Fernstudium-Infos.de betreibt und den Ratgeber "100 Fragen und Antworten zum Fernstudium" herausgegeben hat. "Aber die meisten Hochschulen nutzen die digitalen Medien nur parallel zu den gedruckten Studienbriefen."

Ob in gedruckt, elektronisch oder online - fest steht: Studienbriefe sind nur ein Bestandteil des Online-Studiums. Genauso wichtig ist die intensive Betreuung der Teilnehmer und die Vernetzung untereinander. Nur dann kann ein Fernstudium erfolgreich sein.