Mein Kollege sagt ... "Ich hab' so viel zu tun"

Stress zu haben, gehört zum guten Ton. Wer keinen hat, wirkt verdächtig. Ist es wirklich besser in Arbeit zu ertrinken, als pünktlich nach Hause zu gehen?

Von Nicola Holzapfel

Es ist eine einfache Frage um die Mittagszeit, freundlich gestellt, fast beiläufig: "Kommst du mit zum Essen?": Doch wer an den Falschen gerät, liegt damit total daneben. Statt das erwartete "Ja, gern" zu hören, erntet er nur einen gehetzten Blick. Statt zu antworten, greift der Kollege mit der rechten Hand zum Telefonhörer, mit der linken fuhrwerkt er in seinen Unterlagen herum. Immerhin presst er gerade noch ein "Nein, ich hab so viel zu tun!" hervor. Aha, da ist also einer gestresst.

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Damit ist er nicht allein. Die Standardantwort auf die Frage "Wie geht's?" im Job und überhaupt lautet: "Gut, wenn nur der Stress nicht wäre ..." Alle haben offenbar zu viel zu tun. Dabei ist es egal, ob sie als Projektmanager oder Berater oder Wissenschaftler oder Redakteur oder sonst was arbeiten.

Der Stress im Job ist zur Statusfrage geworden. Wer keinen Stress hat, gehört nicht dazu. Auf die Spitze hat das die Unternehmensberatung Kienbaum getrieben. Sie jubelte anlässlich einer Studie, die im Sommer vorgestellt wurde, Deutsche Manager seien "fleißiger" als Amerikaner. Diesen zweifelhaften Ruhm haben sich die Deutschen erworben, weil sie überdurchschnittliche Arbeitszeiten vorweisen können. Sie sind 60, 70 Stunden die Woche im Einsatz und geben sogar am Wochenende ganz selbstverständlich alles für ihr Unternehmen.

Wenn hier eine hohe Arbeitszeit mit Fleiß gleichgesetzt wird, müsste die Schlussfolgerung lauten: Alle anderen, die weniger Zeit im Job verbringen, seien faul. Wie wäre es mit der Gegenthese: Sie sind nicht faul, sie arbeiten nur effizienter.

Wer kann am längsten?

Wer die Gestressten nämlich mal genauer beobachtet, erkennt schnell: Da wird gar nicht ständig unter Dauerhochdruck gearbeitet. Stattdessen ist oft genug Zeit für ein Zigarettenpäuschen, der Kollegenplausch kommt nicht zu kurz und wenn auch auf die Pause verzichtet wird, so wird doch zwischendurch im Internet gesurft.

Das ist alles völlig normal und dagegen ist auch überhaupt nichts einzuwenden, aber was wirft es doch für ein Licht auf den täglichen Bürokampf des "Wer kann am längsten?" Um sechs, um halb sechs, gar um fünf oder womöglich noch früher den PC herunterzufahren, ist für viele schlicht nicht drin. Sicher kann man mal früher gehen. (Am besten so wie der Chef, der den "halben Tag" freinimmt und daher "schon" um vier Uhr nachmittags sein Büro verlässt.) Aber regelmäßig? Das wirkt schnell so, also könne da mit dem Mitarbeiter etwas nicht stimmen. Und wehe ihm, der Vorwurf der Beamtenmentalität kommt über ihn. Ein Sesselpupser, der pünktlich nach Hause will, das passt ja nun gar nicht in die moderne Arbeitswelt. Da sind Leute gefragt, die sich einsetzen, abends sowieso und natürlich auch sonntags, wenn's mal sein muss.

Der ideale Mitarbeiter aus Unternehmenssicht trennt nicht mehr zwischen Beruf und Privatem. Und dank der modernen Kommunikationsmittel ist er auch immer erreichbar. Handy, Blackberry und Co. machen den Rundum-Einsatz zur Selbstverständlichkeit.

Dass das häufig gar nicht nötig ist, spielt dabei keine Rolle. Der Kollege sitzt gerade in Spanien am Strand? Ach, da kann man ihn doch mal schnell anrufen. Die Kollegin ist krank? Ihre E-Mails liest sie aber bestimmt! Dabei hätte der Grund der Nachfrage mit ein bisschen Überlegung sicher auch anderweitig geregelt werden können. Auch im Job-Alltag sind viele Überstunden dem Projektchaos, Terminwirrwarr und Meeting-Wahnsinn geschuldet. Wirklich nötig sind sie selten.

Damit ist die Pflicht zur Überstunde in vielen Fällen nichts als eine Ressourcen-Verschwendung. Was könnte der Mensch stattdessen alles auf die Beine stellen. Er könnte mal wieder spontan bei Freunden vorbeischauen, statt sich erst nach komplizierter Übereinstimmung mehrerer Terminkalender zu verabreden. Er könnte endlich mal umsetzen, was er schon so lange vorhat - in die Ausstellung gehen, die ihn so sehr interessiert, Büchernachschub kaufen, klettern gehen oder auch einfach gar nichts tun, die Gedanken fließen lassen, auf neue Ideen kommen. Und er könnte mittags einfach mit den Kollegen essen gehen statt trockene Brezn zu kauen.

Das Leben, es könnte so angenehm stressfrei sein. Eigentlich schade, dass keiner Zeit dafür hat.