Manager-Fortbildung Wer Chef sein will, muss leiden

Vorgesetzte sind arme Hunde: zu Besuch in einem Führungskräfte-Seminar.

Von Karin Steinberger

Lang dauert es nicht. Sie haben sich gerade erst kennengelernt, neun Männer, drei Frauen, sie sitzen im Halbkreis, von Flipcharts eingekeilt, vor sich große, graue Ordner mit der Aufschrift: Ifme. Draußen strahlt der Bodensee. Mein Name, meine Firma, meine Stellung. Dann geht es gleich zur Sache. Als sie mit dicken Filzstiften ihre Probleme aufschreiben sollen, wird schnell klar: Führungskräfte sind arme Hunde. Von Zickenterror und Scheuklappen ist da die Rede, von chaotischen Umstrukturierungsprozessen und Akzeptanzproblemen als Seiteneinsteiger. Irgendwann sagt einer in die Stille hinein: "Es tut gut, wenn man sieht, andere leiden auch." Dann lachen sie, die Führungskräfte.

"Für was werden Führungskräfte eigentlich bezahlt?","Schizoide Kommunikation, ist das was Pathologisches?": Fragen über Fragen aus einem Führungskräfteseminar.

(Foto: Foto: iStockphoto)

Der Seminarleiter ist ein großer, runder Mann. Sein Name ist Jürgen Berger, er war selber jahrelang Führungskraft, dann wurde er Führungskräftecoach. Er hat weiche Worte für den harten Alltag. Er spricht von "Widerstandskissen" und "Sandwichpositionen", von "Scheinwerfermanagement" und der "Landkarte des Führens". Die Dinge klingen bei ihm beruhigend einfach. Dann legt er die Spielregeln für die nächsten zwei Tage fest. Es gilt: Zuckerbrot und Peitsche. Ein Sozialromantiker, wer glaubt, man könne hier oder in der Firma oder irgendwo sonst ohne Peitsche auskommen, sagt der Seminarleiter und setzt ein Lächeln drauf. "Es funktioniert nicht, wenn sich alle lieb haben, kuschel, kuschel."

Neun Männer, drei Frauen, das ist ein Team. Auch hier können Querulanten stören und Kommunikationsfallen alles lahmlegen. Auch hier muss einer Chef sein und das Ziel klar definieren. "Auch hier sollten nicht alle elf im Tor stehen." Gelächter. Draußen wandern Nonnen durch die grüne Landschaft um das Kloster Hegne. Sie schauen friedlich.

Es ist der erste Tag des "Kloster-Specials" zum Thema: "Die sieben schwierigsten Situationen für Führungskräfte - und wie Sie diese erfolgreich managen." Die Team-Spielregeln sind klar: Zeitvereinbarungen müssen eingehalten werden, man soll sich kurz fassen, die anderen ausreden lassen. Und doch muss jeder auch für sich selbst sorgen. Schweigen gilt als Zustimmung. Es herrscht Vertraulichkeit. Und es gilt das Gesetz der Schwelle. Kein Team hat Erfolg, wenn alle außerhalb der Schwelle übereinander reden anstatt im Raum miteinander. Damit fahre man ein Unternehmen genau so sicher an die Wand wie mit Verdrängung, sagt Jürgen Berger und rollt Flipcharts über den dunkelblauen Teppich.

Das Problem ist, man kann sich jede Situation schönreden. So wie der Mann, der aus dem zehnten Stock springt und im achten und im siebten, selbst im sechsten noch sagt: Bis jetzt ist alles gut gegangen. Falsch ist das nicht. Im Erdgeschoss allerdings könnte es schwierig werden.

Das ist es. Deswegen sind sie hier. Sie wollen nicht aufschlagen. Eigentlich wollen sie gar nicht springen. Aber wenn sie schon springen müssen, wollen sie zumindest wissen, wie man gut ankommt.

Fast alle im Raum sind in der mittleren Führungsebene in mittelständischen Unternehmen. Sie haben über sich einen Chef und unter sich Mitarbeiter. Sie stehen irgendwie dazwischen. "Für was werden Führungskräfte eigentlich bezahlt", fragt Berger. "Wieso benutzen Sie das Wort eigentlich?", fragt eine Führungskraft. Dann sammeln sie Gründe. Der Seminarleiter schreibt mit: Entscheidungen treffen - Verantwortung übernehmen - Erfolg haben - der Schuldige sein - Blick aus der Meta-Ebene. "Was ist das denn, Meta-Ebene?", fragt einer. "Adlerblick", sagt der Seminarleiter und schreibt es auf. "All das machen gute Mitarbeiter doch auch", sagt ein anderer. Also sammeln sie weiter: Fäden zusammenhalten - Konflikte lösen - Fokussieren - erarbeiten einer Unternehmensstrategie. Man ist sich einig, das ist Führung.

Auf einem Tisch am Rand des Raumes liegen Werbebroschüren für weitere Ifme-Führungskräfte-Seminare: "Führen & Motivieren" - "Unter Druck erfolgreich handeln" - "Schwierige Mitarbeiter erfolgreich führen". Es besteht offensichtlich Bedarf. Die Broschüren versprechen schöne Dinge. "Während des gesamten Seminars erarbeiten Sie in zahlreichen Übungen Lösungen für Ihren Führungsalltag." Oder: "Rollenspiele helfen Ihnen dabei, das Gelernte zu vertiefen und sofort anzuwenden." Keine Folienschlacht wolle man hier veranstalten, sagt Jürgen Berger. "Wir wollen Ihnen zeigen, wie Sie sich im Sandwich bewegen können." Geraune im Seminarraum, noch warten sie. Dann wieder ein Bekenntnis: "Ehrlich gesagt, ich fühle mich wie die Gurke im Sandwich."