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Management-Studium auf Distanz:Willkommen auf dem digitalen Campus

Ein besonderer Pluspunkt des Vollzeit-MBA ist die persönliche Begegnung von Angehörigen ganz verschiedener Kulturen. Der interkulturelle Austausch musste bis auf Weiteres in den virtuellen Raum verlagert werden. Nun stellt sich die Frage, ob diese Art der Kommunikation für die zahlreichen ausländischen Kunden deutscher Business-Schulen auf längere Sicht attraktiv ist.

(Foto: Aleksandr Davydov/Mauritius Images)

Wird die Präsenzlehre beim Online-MBA bald nur noch eine Nebenrolle spielen? Derzeit testen Business Schools, wie gut rein digitale Vollzeit-Programme bei den Kunden ankommen.

Von Christine Demmer

Der begehrte Abschluss Master of Business Administration (MBA) lässt sich immer öfter zu Hause erlernen. Für 2020 weist das "US News Online MBA Ranking" 321 Fernkurse auf, 36 mehr als im Vorjahr. Die Spitzenschulen freilich halten an ihren persönlich unterrichteten Vollzeit-Programmen fest. Nicht etwa, weil sie es technisch nicht hinbekämen. Längst finden die längeren MBA-Teilzeit-Programme im Netz statt. Und als die Klassenräume zu No-go-Zonen erklärt wurden, konnten die Business Schools in sämtlichen Programmen ihre Leistungsversprechungen nur online erfüllen. Die Studenten flogen nach Hause, optimierten die Internetverbindung in ihrer Wohnung am jeweiligen Studienort und trugen ihr Schicksal ansonsten mit Fassung.

Das bringt die Phalanx der Life-MBA-Bewahrer zum Bröckeln. Für dieses Wintersemester hat die WHU - Otto Beisheim School of Management mit Campus in Vallendar und Düsseldorf ein reines Online-MBA-Programm angekündigt, das erste einer der Top-Schulen in Deutschland. "Wir reagieren damit auf eine neue Nachfragesituation, die sicherlich durch die aktuelle Krise noch verstärkt wurde", begründet Rektor Markus Rudolf die Entscheidung. Die Konkurrenz schaut dem Experiment gespannt zu: Machen das die ausländischen Vollzeit-Studierenden mit? Circa 90 Prozent der im Durchschnitt 25-Jährigen kommen aus weiter Ferne, vor allem aus Asien. Verzichten sie auf Networking, auf das lustige Campusleben und deutsches Bier und bezahlen trotzdem für das Vollzeit-Studium an einer renommierten Business School fast so viel wie für einen kaum gebrauchten Tesla? Oder werden sie noch eindringlicher als schon heute nach Rabatten fragen?

Die WHU dürfte die Antwort bald kennen. Denn in diesem Herbst begannen gleich zwei MBA-Vollzeitkurse: Im September ein auf dem Campus Düsseldorf unterrichteter einjähriger Lehrgang, gewissermaßen die Kontrollgruppe, und im Oktober der "Global Online MBA", der in der Kurzfassung von 18 Monaten ebenfalls straffes Lernen fordert. Jürgen Weigand, Leiter der akademischen Programme, ist von dem zweigleisigen Konzept überzeugt. Dafür sprächen zum einen der Erfolg des Online-MBA in der Teilzeitvariante und zum anderem die ungebrochene Nachfrage nach dem Vollzeit-Programm, obwohl auch das im Frühjahr ins Netz umgezogen ist. "Obwohl wir digital gegangen sind, haben wir einen neuen Teilnehmerrekord bei den Herbst-Aufnahmen erzielt", sagt der Professor und wittert eine bisher nicht adressierte Zielgruppe: Interessenten, die aus unterschiedlichen Gründen nicht an den stationären MBA-Programmen teilnehmen können oder keinen Wert auf Campusleben legen. Anders als berufsbegleitend Studierende betrachteten Vollzeit-Teilnehmer den MBA als "Gamechanger", mit dem sie ihre Karriere auf ein ganz neues Gleis zu steuern hofften. "Dazu brauchen sie vor allem Managementwissen, didaktisch gut und in kurzer Zeit vermittelt." Corona sei jetzt der Katalysator, der den Online-MBA nach vorn bringe. Die Präsenz-Programme würden deshalb aber nicht vom Markt verschwinden. "Das eine wird das andere nicht ersetzen. Es gibt Nachfrage nach beiden."

Die HHL Graduate School of Management in Leipzig hält im Vollzeit-Programm am analogen Unterricht fest. Man weiß aber, dass es notfalls anders geht, denn auch hier wurde ab März komplett auf Fernlehre umgestellt. Und die Neuen, die im September hätten starten sollen, konnten wählen, ob sie lieber auf Distanz oder persönlich an Ort und Stelle von den Dozenten unterrichtet werden wollten - Letzteres mit der Konsequenz, erst im Januar die Klassenräume beziehen zu können. "Wir hatten mit jedem einzelnen Studierenden intensiven Online-Kontakt", sagt Rektor Stephan Stubner, "ausnahmslos alle haben für den Campus votiert." Bis man dort von Angesicht zu Angesicht miteinander sprechen kann, gibt es Online-Deutschkurse und virtuelle Treffen. Falls eine neue Welle mit Unterrichtsverboten und noch weitergehenden Reiserestriktionen heranrollen sollte, hat die HHL Plan B in der Schublade: "In diesem Fall würden wir die Teilnehmer fragen, ob sie mit einem weiteren Aufschub um drei Monate einverstanden sind oder ob wir online starten sollen." Und wenn interkontinentale Grenzen länger dicht bleiben sollten? "Dann unterrichten wir wieder ausschließlich online", sagt der Rektor. Er erkennt darin sogar einen Vorteil für die HHL mit ihren kleinen Klassen: "Wir haben es auch im ersten Lockdown geschafft, eine Interaktion mit persönlicher Note zustande zu bekommen."

Auch an der Mannheim Business School treffen die neuen Vollzeitstudenten erst im Januar ein. Bis dahin können sie online Deutsch lernen und dürfen gratis am Online-Zertifikatslehrgang "Management Analytics", Normalpreis 12 000 Euro, teilnehmen. Weil die Programmdauer von zwölf auf neun Monate verkürzt wurde, werden sie dann trotzdem im September fertig sein. "Wir holen die Zeit auf, indem wir ein paar Wochen anhängen, freie Tage streichen und einige Wahlfächer zeitlich parallel statt nacheinander anbieten", erklärt Marketingdirektor Ralf Bürkle. Auf etwaige neue Corona-Restriktionen ist man vorbereitet. Bürkle: "Unsere Erfahrungen aus dem Frühjahr und Sommer haben gezeigt, dass sich mit reinem Online-Unterricht Inhalte sehr gut vermitteln lassen." Aber auch, dass Studierende eines Vollzeit-MBA in der Gemeinschaft studieren wollten. "Wir setzen Online-Elemente dort ein, wo es Sinn macht. Aber die Präsenzlehre steht im Zentrum", so Bürkle.

Mit der Berliner Business School ESMT könnte der Online-Schrittmacher WHU bald Gesellschaft bekommen. Der weitaus größte Unterrichtsteil der Teilzeit-MBA-Programme finde schon heute im virtuellen Raum statt, sagt Kommunikationsdirektorin Martha Ihlbrock. Deshalb kann sich die gebürtige Amerikanerin gut vorstellen, auch die Teilnehmer von MBA-Vollzeit-Programmen künftig mehrheitlich oder sogar exklusiv auf diese Art zu bedienen. "Es dauert nicht mehr lange bis zum kompletten Online-MBA-Studium", sagt Ihlbrock, auch in Vollzeit. "Die Studierenden werden bald nicht mehr die ganze Zeit im Ausland verbringen, sondern digital unterrichtet und online bei ihrer Karriere unterstützt. Das ist die Zukunft."

© SZ vom 16.10.2020
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