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Lehrer im Referendariat:"Die schlimmste Zeit meines Lebens"

Anke Ebeling aus Düsseldorf hat von ihrer Geschichts-Fachleiterin "sehr viel gelernt und gute Anstöße bekommen". Die Prüfung hat bei der soeben examinierten Geschichts- und Französischlehrerin indes ein Trauma hinterlassen: "Ich wurde nach Gutsherren-Art behandelt. Keiner begrüßte mich, niemand aus der Prüfungskommission hatte sich auf mein Thema vorbereitet, und dann griff die Vorsitzende auch noch in die Stunde ein."

Den Unterrichtsentwurf, Kernstück der Beurteilung, ließ die Prüferin in der Klasse liegen. Am Ende wurde die Referendarin in einem Fach mehr als 2,5 Punkte schlechter benotet als bei der Vornote. Ebelings Direktor zog nach dem unverschämten Auftritt der Kommission eine Konsequenz: "Wir werden keine Referendare mehr aufnehmen. Offensichtlich können wir trotz allen Einsatzes nicht für eine gute Ausbildung garantieren."

Der Unmut unter den Referendaren ist in allen Bundesländern groß, der Mut allerdings klein. Tim Engartner ist da eine Ausnahme. Der 30-jährige Englischlehrer aus Köln kritisierte in einem Zeitungsbeitrag die "veralteten Strukturen, praxisfernen Inhalte und die fehlende Transparenz bei der Notenvergabe" im Referendariat. Die Schelte zeigte Wirkung. Das nordrhein-westfälische Schulministerium ließ umgehend einheitliche Kriterien entwickeln, die künftig eine detaillierte Überprüfung der Lehrerausbildung für alle 84 Studienseminare im größten Bundesland ermöglichen sollen.

Dies könnte durchaus der Anfang einer radikalen Änderung in der Lehrerausbildung sein, den Ludwig Eckinger seit Jahren vergeblich fordert. Der Bundesvorsitzende des Verbandes Bildung und Erziehung (VBE) warnt zwar vor Pauschalkritik an den "oft sehr engagierten und motivierten Fachleitern", er kann sich für Deutschland aber vorstellen, was in der Schweiz, in Frankreich, Finnland oder England schon Realität ist: das Referendariat abzuschaffen und die praktische Ausbildung in das Studium zu integrieren. So entfiele auch der "Praxisschock", den viele Referendare beim Betreten einer Klasse erleiden.

Entsprechende Versuche in Bremen und Oldenburg hat es zwar schon gegeben, sie scheiterten jedoch. Denn den deutschen Universitäten geht es nach wie vor hauptsächlich um Theorie und Wissenschaft. Geradezu für "Schwachsinn" hält Dieter Lenzen, Präsident der Freien Universität (FU) Berlin, dass alle Schulformen über einen Leisten gezogen und so "irrelevante Studieninhalte" vermittelt werden: "Grundschullehrer müssen nicht Analysis lernen, um den Kindern die vier Grundrechenarten beizubringen." Wichtiger seien Elemente aus der Lernpsychologie: "Wie lerne ich Lernen?" In den Haupt- und Realschulen sei überdies ein großer Teil Erziehungsarbeit gefragt. Die FU geht daher längst eigene Wege, um die Lehramtsstudenten besser auf die Praxis vorzubereiten: Sechs Monate des zweijährigen Referendariats wurden in das Universitätsstudium verlagert.

Für Sabine Lafloer-Schwarz wäre das die Optimallösung: Die Deutschlehrerin aus Solingen beschreibt ihr Referendariat rückblickend als Horrortrip: "Die schlimmste Zeit meines Lebens. Ich habe Ohnmacht und Auslieferung empfunden." Nach der Tortur nahm sie sich fest vor, etwas zu verändern, und begann eine psychologische Beratungs-Ausbildung. Mittlerweile ist Lafloer-Schwarz selbst Hauptseminarleiterin und tritt auch als solche für grundlegende Reformen ein: "Die Universitäten und Studienseminare müssen ein gemeinsames Konzept für die Lehrerausbildung entwickeln. Praktische und theoretische Ausbildung dürfen nicht so stark voneinander getrennt werden, ein gegenseitiger Austausch ist nötig." Ein solches Konzept fehle völlig, sagt auch VBE-Chef Eckinger: "Theorie und Praxis sind nicht miteinander verzahnt."

Dass die Lehramtsausbildung deutlich verbessert werden muss, darin sind sich die Bildungsexperten nicht nur in Deutschland einig: Die Organisation für wirtschaftliche Entwicklung und Zusammenarbeit (OECD) fällte nach Schulbesuchen in Hamburg, Brandenburg, Nordrhein-Westfalen und Baden-Württemberg ein Urteil, das nicht vernichtender sein könnte: "Das Unterrichten vor der Klasse lernen Lehrer in Deutschland kaum."