Kulturmanagement Die Möglichmacher

Kulturmanager verstanden sich früher als reine Organisatoren, die den Kreativen die Hindernisse aus dem Weg räumten. Heute wollen sie auch die schöpferische Produktion beflügeln. Doch dabei geht es nicht nur um Kunst.

Von Miriam Hoffmeyer

Wenn die Kulturmanagerin Maren Scharpf ihren Beruf definieren soll, klingt das so: "Das Besondere und Reizvolle ist, dass man den Raum dafür schafft, dass Künstler kreativ arbeiten können." Den Beruf des Kulturmanagers gibt es zwar schon genauso lange, wie Kultur überhaupt in organisierter Form stattfindet, doch erst seit Ende der Achtzigerjahre hat sich dafür eine Berufsbezeichnung eingebürgert.

Scharpf ist stellvertretende Geschäftsführerin der Landesvereinigung Kulturelle Jugendbildung Baden-Württemberg (LKJ) und damit zuständig für viele verschiedene Aufgaben: Sie organisiert und koordiniert Veranstaltungen, kümmert sich um Werbung und PR, macht Lobbyarbeit, schreibt Projektanträge. Letzteres erfolgreich zu tun, sei "eine der wichtigsten Fähigkeiten überhaupt" von Kulturmanagern, meint Scharpf, denn Geld für Kultur gibt es nun mal häufig nur im Rahmen von zeitlich befristeten Projekten.

Die 32-Jährige arbeitet aber nicht nur im Büro, sondern geht auch als "Kulturagentin" der LKJ an Schulen und bildet Jugendliche darin aus, selbst kleine Projekte auf die Beine zu stellen: Wandgestaltung, einen Fotowettbewerb, einen Hip-Hop-Abend. "Ich kann hier meine beiden Herzensthemen miteinander vereinbaren: einerseits organisieren, andererseits Kindern und Jugendlichen Kultur nahebringen."

Scharpf hat an der Pädagogischen Hochschule (PH) Ludwigsburg "Kulturwissenschaft und Kulturmanagement" studiert und nebenher als Museumsführerin gejobbt. Über ihre Museumskontakte fand sie schon vor dem Masterabschluss ihre erste Stelle bei einem - natürlich befristeten - Kunstprojekt auf der Schwäbischen Alb. Kontakte seien gerade im Kulturbetrieb für den Berufseinstieg extrem wichtig, sagt sie: "Man sollte schon während des Studiums in einer Kultureinrichtung arbeiten und sein Netzwerk immer aktuell halten."

Grundsätzlich ist Kultur immer im Krisenmodus, ihre Finanzierung ein Dauerthema. Doch zeigt sich der Arbeitsmarkt für diejenigen, die im Hintergrund den Betrieb am Laufen halten, überraschend solide. In den letzten Jahren wurden an der Online-Stellenbörse "Kulturmanagement Network" gleichbleibend zwischen 3000 und 4000 freie Stellen angeboten.

Nach einer aktuellen Analyse der Hochschule für Musik, Theater und Medien Hannover sind die wichtigsten Arbeitgeber die öffentlich finanzierten Einrichtungen der Hochkultur, von denen einige mehr als 1000 Mitarbeiter beschäftigen: Bühnen, Orchester und Museen schalten fast die Hälfte aller Stellenanzeigen.

Wie wird man Kulturmanager?

Wie viele andere Berufe, in denen früher der Quereinstieg die Norm war, hat sich auch der des Kulturmanagers stark professionalisiert. Vorreiter in Deutschland war die Hochschule für Musik und Theater Hamburg, die 1987 den Studiengang "Kulturmanagement" einrichtete. Daraus ging im Jahr 2000 das Institut für Kultur- und Medienmanagement (KMM) hervor. Mit etwa 500 Studierenden ist es heute europaweit einer der größten Anbieter von Aus- und Weiterbildung für Kulturmanager.

Neben berufsbegleitenden Fernstudiengängen bietet das KMM einen zweijährigen Präsenzstudiengang mit Masterabschluss an, für den sich Bachelor-Absolventen aus ganz unterschiedlichen Bereichen bewerben können: neben Geisteswissenschaftlern, Kunstpädagogen und Künstlern auch viele Wirtschafts- und Verwaltungswissenschaftler. Die etwa 20 Teilnehmer pro Jahrgang erarbeiten reale Praxisprojekte im Auftrag von Partnerorganisationen und -firmen. Am bekanntesten wurde die "freiKartE", ein von Kultureinrichtungen und Stiftungen finanziertes Willkommensgeschenk, das Hamburger Erstsemester in die Theater und Museen der Stadt locken soll.

Auch die Freie Universität Berlin, die Pädagogische Hochschule Ludwigsburg und mehrere künstlerische Hochschulen führten schon früh Kulturmanagement-Studiengänge ein. Nach 2000 nahm das Angebot explosionsartig zu. Auch Fachhochschulen gründeten nun auf den regionalen Arbeitsmarkt ausgerichtete Studiengänge, in denen Kulturmanagement beispielsweise mit Medien, Kommunikation oder Tourismus verknüpft wurde. Obwohl Masterprogramme auch heute noch überwiegen, ist die Zahl der Bachelorstudiengänge in Kulturmanagement in den letzten Jahren gewachsen.

Die Namen der Studiengänge sind bunt: "Arts and Media Administration", "Communication and Cultural Management", "Event- und Kulturmanagement", "Interkulturelles Musik- und Veranstaltungsmanagement" oder "Medien Kommunikation Kultur". Selbst Experten haben Mühe, sich einen Überblick über das Angebot zu verschaffen.

Mit ihren zahlreichen Zertifikatskursen dominieren die Hochschulen auch den Weiterbildungsmarkt. Aber auch bei Bildungswerken und privaten Anbietern kann man Fernlehrgänge und Wochenendseminare in Kulturmanagement belegen. Das Bonner Institut für Kulturpolitik zählte in einer ersten (und bislang einzigen) systematischen Bestandsaufnahme 2011 mehr als 220 Aus- und Weiterbildungsangebote deutscher Hochschulen, in denen Kulturmanagement gelehrt wird. Seither dürfte diese Zahl noch gewachsen sein, meint Dirk Schütz, Gründer und Geschäftsführer von Kulturmanagement Network, der größten Online-Stellenbörse und Informationsplattform der Branche im deutschsprachigen Raum.

In vielen Stellenanzeigen - auch für Führungspositionen - werde inzwischen explizit eine Kulturmanagement-Ausbildung gefordert, sagt Schütz. Doch nicht jedes Studienangebot bereite optimal auf den Arbeitsmarkt vor: "Der Bezug zur Praxis ist häufig zu gering." Selbst wenn Praktika ins Studium integriert seien, komme der Austausch zwischen Studiengangsleitern und Vertretern des Kulturbetriebs oft zu kurz. Dieser Dialog sei aber für die Evaluation und für den Aufbau von Netzwerken unverzichtbar.

Außerdem kritisiert Schütz, dass Kenntnisse vor allem in Personalführung und -management, Verwaltung, Vertrieb und Controlling, die auf dem Arbeitsmarkt sehr gefragt seien, an vielen Hochschulen nicht ausreichend vermittelt würden. Ein weiteres Problem: "Viele Studiengänge sind sehr klein und haben kein eindeutiges Profil." Sie führten weder zu einer klaren Spezialisierung - beispielsweise auf Kunst- oder Musikmanagement -, noch bildeten sie echte Generalisten aus, sagt Schütz: "Wenn die Absolventen sich bewerben, wird es für den Arbeitgeber schwer zu beurteilen, was sie genau können." Mirh

Die Sparprogramme der öffentlichen Haushalte haben sich trotzdem ausgewirkt, denn zehn Jahre vorher waren es in dieser Sparte noch fast 60 Prozent. Der Anteil der Stellenangebote in Bildungseinrichtungen und in der öffentlichen Verwaltung ging ebenfalls deutlich zurück und liegt heute bei 14 Prozent.

An Bedeutung zugenommen haben vor allem Stiftungen und Wirtschaftsunternehmen, die zunehmend Kulturförderprogramme auflegen oder eigene Kulturabteilungen einrichten: Ihr Anteil an den Stellenangeboten stieg innerhalb von zehn Jahren von vier auf 14 Prozent. Während die großen Einrichtungen meist Spezialisten suchen - Disponenten, Personalmanager, Experten für PR und Marketing -, sind in kleineren Kulturbetrieben und Organisationen eher Allrounder wie Maren Scharpf gefragt.

Ein Blick in den aktuellen Stellenmarkt zeigt die Vielfalt der Tätigkeiten und Arbeitgeber: Ein Kultur- und Kongresszentrum sucht einen Salesmanager, eine Event-Agentur eine Projektmanagerin, eine Stiftung eine Referentin für Öffentlichkeitsarbeit, ein Ausstellungshaus einen "Art & Event Manager", ein Verlag einen Marketing-Praktikanten.

Viele Positionen könnten auch Wirtschaftswissenschaftler mit Interesse an Kultur gut ausfüllen. Da im Kulturbetrieb aber durchschnittlich wesentlich schlechtere Gehälter gezahlt werden als in der freien Wirtschaft und zudem viele Stellen befristet sind, machen Betriebswirte den ausgebildeten Kulturmanagern nicht viel Konkurrenz. Im Kulturbetrieb gibt es außerdem viele Möglichkeiten, sich selbständig zu machen. Das Spektrum reicht vom freien Mitarbeiter mit prekärer Auftragslage bis zum Geschäftsführer einer gutgehenden Konzert- oder Eventagentur.

Kulturmanagement sei ein Beruf, der große Gestaltungsspielräume eröffne, sagt Professor Martin Zierold, stellvertretender Leiter des Instituts für Kultur- und Medienmanagement, das zur Hamburger Hochschule für Musik und Theater gehört. "Es gibt wenig starre Strukturen. Und häufig haben Kultureinrichtungen eine enge Bindung an ihren Ort und ihre Region. Kulturmanager können ihrer Community Impulse geben, Räume öffnen, Möglichkeiten zeigen, das ist gesellschaftlich sehr wichtig."

Wer regionale Kultur nur mit Ausstellungen im Foyer der Volkshochschule und schwach besuchten Autorenlesungen verbindet, denkt zu kurz. Welche Dimensionen regionales Kulturmanagement annehmen kann, zeigt etwa die "WissensNacht Ruhr", die im vergangenen September mit mehr als 250 Vorträgen, Führungen und Aktionen im gesamten Ruhrgebiet etwa 13 500 Besucher anzog.

Die Organisation der Großveranstaltung lag bei der Kulturmanagerin Maria Baumeister vom Regionalverband Ruhr (RVR). Sie war unter anderem dafür verantwortlich, dass die mehr als 1000 Beteiligten koordiniert und die teilnehmenden wissenschaftlichen Institutionen auf die Veranstaltungen vorbereitet wurden. "Das erfordert, viele Dinge gleichzeitig im Blick zu behalten und auch in stressigen Situationen einen kühlen Kopf zu bewahren", sagt Baumeister.

Bei allen Projekten müssen sie und ihre Kollegen darauf achten, dass die 53 kleinen und großen Städte im RVR ihren fairen Anteil an regionaler Kultur bekommen: "Und zwar idealerweise so, dass die Kulturschaffenden vor Ort auch langfristig davon profitieren. Deshalb ist es wichtig, die lokalen Akteure von Anfang an mitzunehmen." Die Beschäftigung mit Künstlern und deren Werken ist also ein nicht unwichtiger Teil ihres Jobs. "Aber wenn man in der öffentlichen Verwaltung arbeitet, kann man sich nicht nur um schöne Inhalte kümmern", sagt Baumeister. "Auch Formalien und rechtliche Grundlagen gehören dazu, zum Beispiel müssen Dienstleistungen nach der Vergabeordnung ausgeschrieben werden."

Sind Kulturmanager bloße Diener der reinen Kunst, die den schöpferischen Genies die Hindernisse aus dem Weg räumen? Oder kann ihr Wirken auch die künstlerische Produktion beflügeln? Die meisten Kulturschaffenden hätten früher wohl ohne Zögern der ersten Definition zugestimmt. Doch diese Sichtweise sei nicht mehr zweckmäßig, sagt Christian Holst. Er ist Dozent an der Zürcher Hochschule der Künste und Blogger zu den Themen Kulturmanagement, Digitalisierung und Unternehmertum. "Kunst findet nicht im luftleeren Raum statt", sagt Holst. "Das Publikum wird anspruchsvoller und aktiver und hat durch die Digitalisierung Möglichkeiten, selbst künstlerisch tätig zu werden."

Der digitale Wandel biete Kulturmanagern deshalb weit mehr Möglichkeiten, als bloß über Social Media zu werben oder mithilfe der Auswertung riesiger Kundendatensätze maßgeschneiderte Angebote für Besucher zu entwerfen. Holst sieht das Kulturmanagement der Zukunft als "Knotenpunkt", in dem sich der digitale Austausch zwischen kreativen Künstlern und kreativem Publikum bündeln könnte. Wenn diese Vorhersage wahr werden sollte, könnten die stillen Möglichmacher noch zum Mittelpunkt der Kultur avancieren.