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Kreationismus im Schulunterricht:Pädagogischer Sündenfall

Steigender Einfluss im Klassenzimmer

Seine Ergebnisse sind überraschend: Lehramtsstudenten, die einen Biologie-Leistungskurs in der Oberstufe besucht hatten, lehnten zu fast acht Prozent die Evolution ab. Von denjenigen, die einen Grundkurs absolviert hatten, waren es 17 Prozent, von denjenigen ohne Biologieunterricht sogar über 20 Prozent.

Die 1228 befragten Lehramtsstudenten waren allesamt Studienanfänger. "Wir hoffen natürlich, dass sich ihre Einstellung zur Evolution im Laufe des Studiums ändert", sagt Dittmar Graf. "Doch überprüfen können wir das nicht. Was sich später im Klassenzimmer hinter der verschlossenen Tür abspielt, davon haben wir leider keine Ahnung."

Mythische Schöpfungsgeschichte als echte Alternative

Graf vermutet, dass der Einfluss der Kreationisten auf deutsche Schüler steigt. "Die Anhänger präsentieren sich im Unterricht vordergründig ganz liberal und offen", erklärt er. Sie fordern, kreationistische Ideen im Biologieunterricht gleichberechtigt neben der Evolutionstheorie zu behandeln - um den Schülern angeblich die Bandbreite der Erklärungsmöglichkeiten vor Augen zu führen. Das Problem dabei: Die uralte mythische Schöpfungsgeschichte wird den Schülern als echte Alternative zu den Erkenntnissen der Naturwissenschaft präsentiert, die sich ständig weiterentwickeln.

Mittlerweile gibt es in Deutschland tatsächlich Schulen und Lehrer, die sich relativ offen dazu bekennen, Kreationismus zu lehren. Dazu gehören die etwa 100 Einrichtungen, die im Verband evangelischer Bekenntnisschulen (VEBS) organisiert sind. Fast alle der Schulen sind staatlich anerkannt und erhalten damit finanzielle Unterstützung vom jeweiligen Bundesland, das etwa die Kosten für das Lehrpersonal übernimmt.

Lehrer werden auf Glaubensfestigkeit geprüft

Die evangelischen Bekenntnisschulen sind auch bei nichtreligiösen Familien aus der Mittelschicht äußert beliebt - stehen sie doch in dem Ruf, keine Disziplinprobleme zu haben, gewalt- und drogenfrei zu sein. Die Lehrerschaft dagegen wird von den Privatschulen auf Glaubensfestigkeit geprüft. "Unsere Lehrer besitzen eine persönliche, christliche Identität", bestätigt Berthold Meier, Generalsekretär des VEBS und selbst Lehrer an einer der Schulen des Verbandes. "Sie sollen sich als Nachfolger Christi sehen und seine Liebe an die Kinder weitergeben."

Auf der Homepage des VEBS wird das Schulprogramm umrissen: Die Unterrichtsinhalte "orientieren sich ganzheitlich am Deutungsrahmen der Bibel", die Schule sei konzeptionell an die Heilige Schrift gebunden. Bittet man Meier, die Sätze mit Inhalt zu füllen, beschreibt er zunächst das besondere Verhältnis zwischen Lehrern und Schülern. "Wir bemühen uns, Liebe und Linie - also Zuwendung und Ernstnehmen auf der einen Seite und Verbindlichkeit und Konsequenz auf der anderen - in Übereinstimmung zu bringen. An den christlichen Schulen ist der Schüler keine Nummer. Es gibt keine Herabwürdigungen oder Demütigungen, keine Polemik."

Auf der nächsten Seite: "Die Entwicklung, so wie die Menschen sie beobachten können, wird von der Bibel gestützt." - Warum Berthold Meier im Biologieunterricht Spielraum für die Schöpfungsgeschichte sieht.