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Kampf dem Stress:"Arbeitgeber denken nicht langfristig"

Ob Boom oder Krise: Unternehmen verlangen von ihren Beschäftigten immer mehr. Ein Projekt des Bundesbildungsministeriums kämpft dagegen an: Es soll Arbeitnehmer vor Stress schützen.

Das Arbeitsschutzgesetz schreibt den Betrieben vor, Gefährdungen zu identifizieren, die der Gesundheit ihrer Mitarbeiter schaden können. Dazu gehören auch psychische Belastungen wie Stress. Der Soziologe Nick Kratzer vom Institut für Sozialwissenschaftliche Forschung in München sucht im Rahmen des Forschungsprojekts "Pargema", das vom Bundesbildungsministerium gefördert wird, mit Beschäftigten und Firmen nach Stressauslösern. Gemeinsam wollen sie Maßnahmen entwickeln, um diese künftig auszuschalten.

Ob Boom oder Krise: Unternehmen verlangen von ihren Beschäftigten immer mehr. Ein Projekt des Bundesbildungsministeriums kämpft dagegen an: Es soll Arbeitnehmer vor Stress schützen.

K. o.? Wie wäre es mit einer kleinen Vitaminpille oder einem Nordic-Walking-Ausflug? Der Gesundheitsschutz in Unternehmen geht Experten nicht weit genug.

(Foto: Foto: iStockphoto)

SZ: Sind wir im Stress?

Kratzer: Die Belastungen der Beschäftigten haben in den vergangenen Jahren deutlich zugenommen. Zeit- und Leistungsdruck sind gestiegen. Gleichzeitig ist das Personal zurückgegangen: Weniger Beschäftigte müssen mehr leisten. Dabei spielt es inzwischen keine Rolle mehr, ob die Geschäft boomen oder das Unternehmen in einer Krise ist. In beiden Fällen wird unter krisenhaften Bedingungen gearbeitet. Man kommt nicht mehr in normales Fahrwasser.

SZ: Was genau belastet denn? Die Überstunden?

Kratzer: Die Überlastung hat vielfältige Ursachen. Lange Arbeitszeiten und neue Zeitanforderungen, weil international gearbeitet wird, gehören dazu. Außerdem personelle Unterbesetzung und die Ansage, hohe Qualität bei sinkenden Kosten zu liefern, sowie eine schlechte Arbeitsorganisation. Das alles kann zu psychosomatischen Beschwerden wie Rückenschmerzen oder Bluthochdruck führen und auf Dauer richtig krank machen.

SZ: Und was ändert sich, wenn diese Auslöser definiert sind?

Kratzer: Das Problem ist, dass sich die Ursachen schwer beseitigen lassen. Um die Strukturen zu ändern, müsste man ganz oben im Unternehmen ansetzen, bei der Zahl der Beschäftigten und bei Investitionen.

SZ: Und das geschieht nicht?

Kratzer: Für die Arbeitgeber ist der Handlungsbedarf noch nicht groß genug. Solange der Druck auf die Beschäftigten stark genug ist, haben die Belastungen für die Unternehmen keine unmittelbaren Folgen. Die Krankenstände sinken ja sogar. Dazu kommt, dass die Unternehmen zunehmend Probleme haben, langfristig zu denken. Nachhaltigkeit im Umgang mit Menschen steht in Widerspruch zu anderen Zielen wie zum Beispiel hohe Gewinne zu machen.

SZ: Aber es gibt doch Firmen, die in die Gesundheitsvorsorge investieren.

Kratzer: Natürlich gibt es Arbeitgeber, die Vitamin-Bars einrichten oder Nordic-Walking-Kurse anbieten. Aber das ist eine Privatisierung der Folgen von zu hohem Arbeitsdruck. Da wird dem Beschäftigten die Verantwortung für den Umgang mit Stress wieder zurückgespielt.

SZ: Viele können mit diesem permanenten Druck, mehr zu leisten, schlecht umgehen.

Kratzer: Und es ist auch schwer, ihnen einen guten Rat zu geben. Natürlich kann man jemandem empfehlen: Zieh' doch klare Grenzen. Aber das bedeutet auch, dass Arbeit liegenbleibt oder der Betroffene mit dem Ergebnis nicht zufrieden ist. Häufig ist es doch so: Niemand zwingt einen, länger zu arbeiten, aber die Arbeitsbedingungen lassen einem gar keine Wahl. So riskiert man scheinbar freiwillig seine Gesundheit.