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Internate in Corona-Zeiten:Chemielabor in der Cloud

Während der Krise sammeln auch Internate jede Menge Erfahrung mit E-Learning und virtuellen Klassenräumen. Aber was ist mit den Schul- und Betreuungsgebühren?

Von Christine Demmer

Sechs Monate lang waren Schüler und Lehrer der Hermann-Lietz-Schule Spiekeroog mit dem internatseigenen Segelschiff Roald Amundsen auf hoher See. Für jede elfte Klasse des Inselinternats zählt der alljährliche Wintertörn über den Atlantik zu den Höhepunkten des Schülerlebens. Doch als der Segler am 2. Mai wieder im Kieler Hafen einlief, wartete am Kai statt einer jubelnden Menschenmenge die Furcht vor dem Coronavirus. Einzeln und nach einem festen Zeitplan verließen die Schülerinnen und Schüler die "schwimmende High School", wie das Internat sein Schiff nennt, und fuhren sofort nach Hause. "Das große Event bei der Ankunft fiel in diesem Jahr ins Wasser", sagt Florian Fock, Leiter der Hermann-Lietz-Schule. Statt einer Welcome-back-Party erwartete die jungen Menschen ein Begrüßungsvideo aus dem Internat.

"Das Ganze bringt natürlich einen gewissen Digitalisierungsschub mit sich"

Sämtliche Internatsleiter haben Notfallpläne für von Mensch oder Natur ausgelöste Krisen in der Schublade. In diesen Dokumenten ist festgelegt, wie bei Bränden, Hochwasser, Amokläufen oder Missbrauchsdelikten zu verfahren ist. "Alle Internate haben Konzepte, wie wir unsere Kinder und Jugendlichen schützen", bestätigt Heike Elz. Die Deutsch- und Englischlehrerin steht in diesem Jahr dem Netzwerk "Die Internate Vereinigung" vor und leitet selbst die Internatsschule Marienau unweit von Lüneburg. Doch niemand konnte damit rechnen, dass eine Pandemie das Internatsleben derartig auf den Kopf stellen würde.

Von März bis Mai hätten in Marienau circa 140 Mädchen und Jungen in enger Gemeinschaft leben und lernen sollen. Doch die Pandemie ließ das nicht zu. "Von heute auf morgen hat das Online-Lernen den Unterricht im Klassenzimmer ersetzt", sagt die Schulleiterin. Bereits seit drei Jahren nutzt Marienau als Kommunikationstool eine Lernplattform, die Schulleitung, Lehrer, Schüler und Eltern online betreten können. Nun wurden die Aufgaben eben auf diesem Weg gestellt, von den Schülern bearbeitet und von den Lehrern am Rechner korrigiert. "Das ging ganz gut", sagt Elz im Rückblick. "Aber wenn wir gewusst hätten, dass so etwas auf uns zukommt, hätten wir zwei Monate vorher noch mal geschult." Und dafür gesorgt, dass die Betreiber von Lernplattformen entsprechende Serverkapazitäten zur Verfügung stellen.

Wochenlang auf eine Online-Lernplattform ausweichen mussten auch Pädagogen und Eleven am Kolleg St. Blasien im Südschwarzwald. "Der Schulbetrieb wurde von Mitte März bis Anfang Mai ausgesetzt", erklärt Geschäftsführer Daniel Poznanski. Mittendrin lagen zwei Wochen Osterferien, in denen die Schüler zu Hause waren oder bei Gasteltern untergebracht wurden. Die Lehrer blieben überwiegend in ihren eigenen vier Wänden und machten Homeschooling. "Manche boten auch ein digitales Klassenzimmer an", sagt der kaufmännische Schulleiter. "Das Ganze bringt natürlich einen gewissen Digitalisierungsschub mit sich."

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Die Lehrerin auf dem Tablet. Für viele Internats- und Privatschüler war Online-Unterricht während der Corona-Krise völlig neu. Aber auch die Pädagogen hatten damit kaum Erfahrungen. Internatsschulen mussten über Nacht komplett auf Distance-Learning umstellen.

(Foto: Andrey Popov/imago)

Am 20. April wurde der Internatsbetrieb in St. Blasien wieder aufgenommen. Das dürfte besonders im Interesse der jungen Leute gelegen haben, die zwischenzeitlich nicht nach Hause fliegen konnten. Rund ein Sechstel der insgesamt 800 Schülerinnen und Schüler, zu denen auch Tagesschüler gehören, kommt aus dem Ausland, darunter etwa zwei Dutzend aus China. Auch die Eltern in Fernost erkundigten sich nach dem Krisenmanagement. "Als die Maskenpflicht kam, haben wir die Schutzmasken zum Teil in unserer eigenen Näherei hergestellt", sagt Poznanski, "man konnte sie ja zeitweise nirgendwo in ausreichender Stückzahl kaufen." Die chinesischen Schüler hatten hier einen Vorteil: In ihren Paketen von zu Hause steckten oftmals Masken.

Noch offen ist die Frage, ob ein Internat die Schul- und Unterbringungsgebühren für die Zeiten zurückerstatten muss, in denen die Kinder und Jugendlichen auf behördliche Anweisung zu Hause bleiben mussten. "Die Situation ist völlig neu", stellt Diplom-Jurist Poznanski fest. "Man wird sehen, ob ein Schaden entstanden ist und wie wir darauf reagieren werden." Über die Höhe und die Modalitäten der Rückzahlung kann er aus diesem Grund im Moment noch nichts sagen.

Das Thema dürfte auch auf andere Internate zukommen. Acht Wochen lang konnte das Landschulheim Grovesmühle im Nordharz die mit den Eltern vereinbarten Leistung nicht erbringen. "Bis 13. März hatten wir Regelunterricht, dann kam der Shutdown", sagt Internatsleiter Thomas Riedel. Mit Unterrichtsmaterial im Koffer reisten die Schüler nach Hause und wurden fortan per E-Mail mit Lernstoff versorgt. Als hätte man die Schulsperrung vorhergesehen, war just Ende 2019 eine Schulcloud eingeführt worden, eine virtuelle Kommunikationsumgebung für Internatszugehörige.

Hilfen für Eltern

Viele Mütter und Väter haben in der Corona-Krise bereits ihren Job verloren oder mussten ihre Selbständigkeit aufgeben. Die Folge: Auf einmal sprengen die Internatsgebühren für die Tochter oder den Sohn das Budget, und das Kind ist unglücklich, weil es bei seinen Freunden bleiben will. In solchen Fällen sollten die Eltern so schnell wie möglich Kontakt zur Schule aufnehmen. "Wir wollen nicht, dass unsere Schüler das Internat verlassen müssen", erklärt Daniel Poznanski, Geschäftsführer des internationalen Jesuiten-Gymnasiums St. Blasien im Südschwarzwald. Er spricht dabei auch für seine Kollegen. "Wir werden den Verbleib am Kolleg zum Beispiel mit Stipendien unterstützen." Fast alle Internate verfügen über hausinterne Fördermöglichkeiten. Zumindest helfen sie bei der Bewerbung für externe Stipendienprogramme. Christine Demmer

"Alle Schüler sind dort eingebunden und profitieren von der schnellen Kommunikation", so der Internatsleiter. Auch die Eltern können darüber angesprochen und auf dem Laufenden gehalten werden, was, wie die Corona-Krise gezeigt habe, außerordentlich wichtig gewesen sei. "Nur in den Fächern Chemie und Physik haben wir virtuelle Klassenzimmer eingerichtet", sagt Riedel. Das ist wichtig, um die entsprechenden Versuche durchführen zu können. Fürs virtuelle Klassenzimmer wird im Grunde dieselbe Technik wie bei Videokonferenzen verwendet, und die gehören für viele Arbeitnehmer seit diesem Frühling zum Alltag.

In den meisten Internaten wird mit dem virtuellen Klassenzimmer noch experimentiert - es besteht Nachholbedarf in Sachen Technologie. "Als alle Internate schlagartig auf Online-Unterricht umstiegen, waren einige Anbieter schlichtweg überrollt", gibt Heike Elz, die Vorsitzende der Internate-Vereinigung wieder, was ihr aus dem Kollegenkreis zugetragen wurde. So manche Plattform, auf der sich Lehrer und Schüler live zum Unterricht zusammenfanden, sei wegen Serverüberlastung zusammengebrochen und sei nur dank blitzschneller Nachrüstung wieder funktionsfähig geworden. Diese Klippe haben die beiden norddeutschen Internate Marienau und Grovesmühle geschickt umschifft: Das virtuelle Klassenzimmer wurde nur nachmittags und nur in einigen Kursen genutzt.

Seit dem 8. Mai sind die Internatsschüler zurück im Landschulheim Grovesmühle und lernen bei eingeschränkter Bestuhlung im Klassenraum - allerdings im Schichtbetrieb. "Wir haben höchstens zwölf Schüler im Raum, daher sind die Klassen geteilt. Sie haben an unterschiedlichen Tagen Unterricht", sagt Internatsleiter Thomas Riedel. In der Hermann-Lietz-Schule auf der Nordseeinsel Spiekeroog sind die Abiturklassen am 11. Mai in die Klassenräume zurückgekehrt, bei den Jüngeren dauerte es länger.

Eine gute Gelegenheit für Florian Fock, den zurückliegenden virtuellen Unterricht und die Schülerbetreuung über Internet und Telefon Revue passieren zu lassen. Was nimmt er daraus mit? "Dass es gut war, alle Schritte sorgfältig mit den Kolleginnen und Kollegen abzustimmen", stellt der Schulleiter fest. "Immer mit dem Gesamtkollegium in der Turnhalle, mit viel Abstand. Und dass es gut war, regelmäßig mit den Eltern zu kommunizieren." Auch mit den Schülern auf dem Internatssegler im Atlantik habe man ständig in Verbindung gestanden. Die Pandemie spielte auf dem Schiff noch eine Nebenrolle. Viel wichtiger war die Frage, ob man sich vor der Rückkehr nach Kiel auf den Bermudas oder besser auf den Azoren noch mal verproviantieren sollte.

© SZ vom 05.06.2020
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