Hochschulgalerien Schutzräume für Herzenswünsche

Die meisten Kunsthochschulen hierzulande unterhalten Galerien, in denen Studenten und Dozenten ihre Arbeiten zeigen. Dabei geht es vorwiegend darum, Projekte zu realisieren, die ihnen persönlich wichtig sind.

Von Joachim Göres

Ein großer weißer Raum, in der Mitte eine Installation. Die Besucher der Vernissage nehmen die Objekte in Betracht, lauschen den Worten des Kurators, nippen an ihren Sektgläsern und wenden sich nach der künstlerischen Einführung dem Smalltalk zu - über den Urlaub, gemeinsame Bekannte oder geschäftliche Dinge. So laufen Ausstellungseröffnungen häufig ab. Nicht so in der Galerie der Hochschule für Bildende Künste Braunschweig (HBK). Eine typische Szene: Studierende und Lehrende drängeln sich mit der Bierflasche in der Hand vor dem "Demonstrationsraum" - eine Arbeit zum "Kabinett der Abstrakten" des russischen Avantgardekünstlers El Lissitzky von 1927. Eine App ermöglichte den virtuellen Besuch des von den Nationalsozialisten zerstörten Kabinetts. Die Kunst steht im Mittelpunkt der Gespräche, man diskutiert über das Gesehene, tauscht sich über eigene aktuelle Projekte aus.

Die jungen Künstler hoffen, dass jemand ihr Talent entdeckt. Doch da braucht es viel Glück

Auch Tuğba Simşek war im Herbst vergangenen Jahres zur Ausstellungseröffnung gekommen. Die 30-Jährige hat vor Kurzem ihr Studium mit dem Schwerpunkt Bildhauerei und Zeichnung an der Braunschweiger HBK abgeschlossen. Im Jahr 2015 hat sie selbst an der Ausstellung "Nachts sind alle Katzen grau" in der Hochschulgalerie mitgewirkt, von der Konzeption über die Realisierung der eigenen Arbeiten bis hin zur Präsentation von Werken zum Thema Kunst und Design. "Wir waren eine Gruppe von Studierenden aus unterschiedlichen Fachrichtungen und haben intensiv aus verschiedenen Perspektiven diskutiert. Dadurch konnte ich eine Menge von anderen lernen. Es war viel Arbeit, denn es ging auch um praktische Sachen wie das Schreiben von Anträgen für die Finanzierung eines Minikatalogs oder die Organisation von Essen und Trinken für die Eröffnung, aber es hat mir viel gebracht. Und die Reaktionen der Besucher waren sehr positiv", erinnert sich die junge Künstlerin.

Fast alle der 21 Kunsthochschulen in Deutschland haben eigene Galerien. Einige werden von Studierenden in eigener Regie geleitet, meistens wird das Programm von Wissenschaftlern zusammengestellt. Manche Galerien stellen dort bekannte Künstler aus, als Anregung für die Studierenden und um die Öffentlichkeit in die Hochschule zu holen. Andere bieten bevorzugt ihren Professoren eine Möglichkeit, ihre Arbeiten auszustellen. In den meisten Hochschulgalerien stehen allerdings die Studierenden und Absolventen im Mittelpunkt. Die Akademie-Galerie München, die 1989 zunächst als Experiment ins Leben gerufen wurde und sich längst etabliert hat, zeigt ausschließlich Arbeiten von Studierenden der Münchner Akademie der Bildenden Künste. Dieses "Schaufenster" im Zwischengeschoss der U-Bahn-Station Universität wird permanent bespielt - mit Positionen aus Malerei, Bildhauerei, Fotografie, mit Performances, Rauminstallationen, Videoprojektionen und interaktiven Projekten.

Eine Hochschulgalerie, das sei "in gewisser Weise ein Schutzraum. Es geht nicht wie in privaten Galerien um das Verkaufen, sondern um das Entwickeln und Verwirklichen eigener künstlerischer Vorstellungen", sagt Nike Bätzner, Professorin für Kunstgeschichte an der Burg Giebichenstein Kunsthochschule Halle in Sachsen-Anhalt und Vorstandsmitglied des Bundesverbands Hochschulgalerien.

Der Verband hat sich vor gut einem Jahr gegründet und will die Zusammenarbeit zwischen den Kunsthochschulen fördern. Dazu gehört, dass im vergangenen Jahr erstmals Studierende aller Kunsthochschulen für thematische Ausstellungen in Bremen und Halle Werke einreichen konnten. "Gerade in der Endphase des Studiums ist das Präsentieren in den vergangenen Jahren wichtiger geworden. Wie organisiert man eine Ausstellung, wie vermittelt man Kunst in Führungen, wie hält man ein Kolloquium ab. Das darf aber auch nicht überhandnehmen - am Studienanfang geht es um das Schaffen von Kunst", sagt Bätzner.

Information

Die Lichtkunstwerke der Kölner Studierenden sind bis zum 6. März im Kunstmuseum Celle zu sehen. Die Burg-Galerie der Burg Giebichenstein Kunsthochschule Halle im Volkspark präsentiert vom 16. März bis 2. April studentische Arbeiten, die beleuchten, in welcher Beziehung Text und Bild zueinander stehen können. Wie erzählen Bilder ganz ohne Text? Wann ist der Text gleichzeitig Bild? Das sind zwei Kernfragen, denen die Ausstellung nachspürt. Der Künstler Herbert Nauderer, der an der Hochschule für Bildende Künste Braunschweig (HBK) unterrichtet, zeigt noch bis 10. Februar seinen Zyklus "Mausmannsland" in der Galerie der HBK. Vom 1. bis 12. Februar präsentiert die Akademie-Galerie der Akademie der Bildenden Künste München die Ausstellung "Billboard" - eine digitale Collage der Klasse Justin Lieberman zum Billboard (deutsch: Reklametafel) als Ausdrucksform des Kapitalismus.

Die Galerien der Hochschulen sind nicht der einzige Versuch, junge Künstler einer größeren Öffentlichkeit bekannt zu machen. Jährlich organisieren Kunsthochschulen Rundgänge, bei denen Studierende einzelne Werke vorstellen und teilweise zum Kauf anbieten. Außerdem werden Studienarbeiten auch gerne an anderen Hochschulorten gezeigt, in Mensen, Foyers, Bibliotheken. Die Hoffnung: Galeristen und Kunstsammler entdecken hier Talente und künftige Stars.

Trotz nach wie vor schlechter Berufsaussichten ist das Interesse am Kunststudium ungebrochen

Eine Hoffnung, die Andy Kassier nicht teilt. Er studiert im neunten Semester an der Kunsthochschule für Medien Köln (KHM) und steht kurz vor dem Abschluss. "Von außen kommen nur wenige Leute in die Hochschule, um sich Arbeiten anzusehen. Deswegen ist es wichtig, woanders auszustellen", sagt Kassier. Erstmals zeigt ein Museum - das Kunstmuseum Celle - Arbeiten von ihm und weiteren 13 Studierenden der KHM zum Thema Licht. "In einer Institution hat man mehr konzeptionelle Freiheiten als in einer privaten Galerie, wo man seine Arbeit dem Markt anpasst. Eine Ausstellung im Museum ist auch gut fürs Image", erklärt Kassier. "Ums Verkaufen geht es hier nicht, wenn es auch schön wäre, wenn etwas für eine öffentliche Sammlung angekauft würde", fügt er hinzu. Er muss meist Geld für seine Ausstellungen mitbringen: Die in Celle präsentierten Objekte, die sich ironisch mit dem Starkult auseinandersetzen, haben ihn circa 5000 Euro gekostet. Den Besuchern bietet Kassier künstlerisch verfremdete Merchandising-Artikel mit seinem Konterfei an, damit wieder etwas Geld in die Kasse kommt.

Wie Kassier arbeitet auch die Künstlerin Tuğba Simşek nebenher, um den Lebensunterhalt und die Kunst zu finanzieren. "Bei den Absolventen teilt es sich nach einigen Jahren: Entweder sie schmeißen ganz hin und machen etwas anderes oder sie schlagen sich mit Stipendien, Ausstellungen und Verkäufen und permanenten Nebenjobs durch. Allein von seiner Kunst kann kaum einer leben", sagt Nike Bätzner von der Burg-Giebichenstein-Kunsthochschule Halle. Dem Interesse am Kunststudium tut dies keinen Abbruch: In Halle gibt es jedes Jahr ungefähr 1500 Bewerber fürs Studium. 1000 von ihnen geben eine Mappe mit eigenen Arbeiten ab, 300 bis 400 von ihnen werden zur Eignungsprüfung geladen und 110 bekommen einen Studienplatz.