Hochleistungsberufe Freiheit mit Härten

Der Zirkusartist und frühere Sportakrobat Encho Keryazov hat fast 365 Wettkampftage im Jahr.

Von Thomas Hahn

Viele Hochleistungssportler weisen in ihrer Berufsbezeichung nicht darauf hin, dass sie welche sind. Die SZ hat Menschen besucht, deren Berufsalltag vom Sport bestimmt wird, ohne dass es auf den ersten Blick auffällt.

Der nächste Traum ist aufgegangen über der Manege des Circus Roncalli. Die Menschen haben ihre Köpfe in den Nacken gelegt und schauen gebannt in den Lichtkegel, der von der Kuppel herab in die Dunkelheit sticht. Da steht Encho Keryazov auf seinen Händen, meterhoch über der Erde, still und hell wie eine Marmorstatue im Mondenschein.

Zwei schmale Metallstangen auf einem Sockel und zwei Mal sieben weiße Backsteine, die er auf die Stangen geschlichtet hat, sind sein ganzer Unterstand. Erst wackelten die Steine bedenklich, als er seinen Körper langsam dem Zelthimmel entgegenstreckte. Er korrigierte. Er setzte neu an. Jetzt verharrt er in der Höhe. Die Zuschauer staunen. Dann drückt sich Encho Keryazov ab, die Steine fallen zur Seite, er macht einen Salto, landet sicher. Und dankbar nimmt er den Applaus von den Rängen entgegen.

Wenig später sitzt Encho Keryazov aus Bulgarien, 33, vor seinem Wohnwagen auf der Theresienwiese, etwas abseits des Zeltes. Er hat noch den Goldstaub auf der Brust und von seinem Kahlschädel glänzt eine goldene Verzierung. Es hätte wohl auch keinen Sinn, sich jetzt schon umzuziehen und abzuschminken. Die Abendvorstellung beginnt in weniger als drei Stunden, er hat also nur eine etwas längere Halbzeitpause. Oder soll man sagen: Den zweiten Wettkampf nach kurzem Verschnaufen?

Encho Keryazov kommt aus dem Sport. Er war in Bulgarien auf einer Sportschule. Er startete für das bulgarische Sportakrobatik-Nationalteam, aber mit 16 hatte er genug von den Konventionen der Wettkampfszene. Es hatte Probleme gegeben, "eine schlechte Erfahrung", wie er sagt, es ging um eine interne Qualifikation. Er und sein Partner gewannen, die Trainer nominierten ein anderes Paar, und weil er den Zirkus ohnehin liebte, fing er dieses andere Akrobatenleben an.

Die Grenzen zwischen Sport und Zirkus sind fließend. Manchmal scheint es sogar, als gäbe es gar keinen Unterschied. Im Zirkus kann man Clowns sehen, die Athleten sind, im Sport Athleten, die sich zu Clowns machen, wobei der Sport sich selten geschmeichelt fühlt, wenn seine Beobachter ihn einen Zirkus nennen, weil sie ihn damit meist als seelenlose Kommerzshow kritisieren. Oder tut man damit dem Zirkus unrecht? Encho Keryazov sagt, dass nicht jeder Sportler ein guter Artist werden kann, weil Leistung im Zirkus nicht nur nach Zahlen bemessen wird. "Im Sport machst du das, das, das - und das gibt dann Punkte. Im Zirkus geht es auch darum, wie du etwas machst. Im Sport ist es egal, ob du lächelst, da ist wichtig, wie viele Saltos du machst. Im Zirkus ist es anders."

Encho Keryazov denkt noch ein bisschen wie ein Sportler. Er mag den Wettkampf, er geht gerne auf Zirkus-Festivals, bei denen es Preise für die beste Vorführung gibt. Er tritt dort gegen Elefantendompteure oder Clowns an, und zuletzt war er dabei sehr erfolgreich. In Monte Carlo hat er für seine Handstandübung den silbernen Clown gewonnen und den Publikumspreis.

Der Zirkus bedeutet für ihn künstlerische Freiheit, aber der Zirkus auferlegt ihm auch Härten, denen er sich im Sport nicht aussetzen musste: "Im Sport bereitest du dich das ganze Jahr auf einen Wettkampf vor. Hier musst du zwölf Monate lang fit sein." Auftritte und Training prägen seinen Alltag, vormittags feilt er an seiner Handstandübung, nachts nach der Vorstellung stemmt er fünf Mal pro Woche Gewichte, entweder in einem Fitnessstudio wie in München, oder er packt die eigenen Hanteln aus. Und dazwischen muss er so beseelt vor das Publikum treten, als sei jeder Auftritt etwas Besonderes und egal, ob 50 Zuschauer da sind oder 1000, ob ein Sturm an den Planen rüttelt oder es im Zelt stickig ist vor Hitze.

Im Zirkus wirkt alles so spielerisch, und doch könnte es sein, dass das Leben für einen Artisten bisweilen viel anstrengender ist als für einen behüteten Sportprofi. Encho Keryazov hat es ja jetzt geschafft, nachdem er jahrelang mit kleinen Zirkussen herumtingelte, die schlecht zahlten und ärmlich ausgestattet waren. "Im Zirkus ist es wie im Fußball", sagt er, "du kannst bei Manchester United spielen oder . . . ." Er überlegt. In Wehen oder Unterhaching. Jetzt spielt er bei Manchester. Roncalli gehört zu den großen Zirkussen Europas. Verschnaufen kann er trotzdem nicht. "Manchmal fühlst du dich nicht gut oder du hast Schmerzen in der Schulter. Trotzdem musst du raus." - "The show must go on", sagt seine Frau Dimitrinka und lächelt. Urlaub wird er sich wohl auch nicht gönnen, jetzt, da seine Preise seinen Marktwert so deutlich angehoben haben.

Diesen Samstag hat Roncalli seine vorerst letzte Vorstellung in München, danach zieht der Tross weiter nach Luxemburg. Es wird ein Abschied mehr sein, Zirkusartisten sind Nomaden. Aber Encho Keryazov sieht zufrieden aus. Er ist froh, dass er seinen Sport in den Zirkus gerettet hat.