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Führungsspitzen:Das Multitasking-Fiasko

Ein Kollege, der gleichzeitig telefonieren, mailen, seinen Fruchtjoghurt löffeln und der Sekretärin ein Kompliment machen kann, gilt als außerordentlich fähig - ein fataler Irrtum.

Wenn die Leute am Stammtisch wieder mal auf Napoleon kommen, arbeiten sie sich nicht lange mit dessen historischer Bedeutung ab. Viel lieber erörtern sie einen Punkt, der so unverfänglich erscheint wie die Frage, ob Hitler blaue oder braune Augen hatte, und das ist Napoleons Talent, vieles auf einmal zu erledigen. Solche Gespräche beginnen in aller Regel mit dem Satz: "Also, man kann über ihn ja sagen, was man will, aaaber . . ." - und dann überschlagen die Hobbyhistoriker sich mit Kenntnissen darüber, was dieser Mann alles gleichzeitig habe machen können.

Multitasking: Das ständige Hin-und-her-Springen produziert eine Masse "Zeitlöcher".

(Foto: Foto: iStock)

Die einen wissen, dass er in der Lage gewesen sei, einen Brief zu diktieren und nebenher einen Schlachtplan zu entwerfen, die anderen haben aufgeschnappt, dass er dabei auch in seinem geliebten Plutarch gelesen und ein paar Artikel des Code civil niedergeschrieben habe, und wieder andere behaupten, bei all dem habe er sich auch noch ausgiebig mit Joséphine Beauharnais beschäftigt.

Fruchtjoghurt, Komplimente und eine gesicherte Zukunft

Man nennt derlei heute Multitasking, und wer bei den Napoleonsrunden genau zuhört, dem entgeht nicht, dass diese Fähigkeit als Facette besonderer Genialität gewertet wird, wenn nicht gar als deren eigentliches Charakteristikum. In genau dem Sinn gilt Multitasking auch im Betrieb als feine Sache. Ein Kollege, der zur gleichen Zeit telefonieren, eine E-Mail schreiben, seinen Fruchtjoghurt auslöffeln und der Sekretärin ein Kompliment für ihre neue Frisur machen kann, wird allgemein als einer eingeschätzt, dessen Zukunft gesichert ist.

Man soll dem Volksmund nicht mehr Weisheit zuschreiben, als er verkraften kann. Wenn er jedoch "Immer schön der Reihe nach" sagt, dann hat er sich wahrscheinlich was dabei gedacht, und sei es nur dies: dass man sich, wenn man seine Sekretärin zu enthusiastisch hofiert, mit dem Fruchtjoghurt leicht die Hose versaut und für den Rest des Tages allerlei Peinlichkeiten erleben muss. Die Wissenschaft hat sich des Multitaskings auf ihre Weise angenommen und dazu in jüngster Zeit ein paar Fakten veröffentlicht, die je nach Einstellung als alarmierend oder befreiend wahrgenommen werden dürften. Der Napoleon-Fan ärgert sich, der Skeptiker lacht sich ins Fäustchen.

Begrenzte Ressource

In lockerer Bündelung sehen die Forschungsergebnisse folgendermaßen aus. Die Aufmerksamkeit ist eine begrenzte Ressource, und im Grund ist das menschliche Gehirn zu echtem Multitasking gar nicht in der Lage - allenfalls zu einer Art geistigen Zappings, das als Intelligenz ausgelegt wird, während es in Wirklichkeit nur durch Tempo besticht. Das ständige Hin-und-her-Springen produziert eine Masse "Zeitlöcher", die ihrerseits bewirken, dass die Aktionen, zwischen denen man zappt, beide an Qualität einbüßen. Dass das wirtschaftliche Auswirkungen hat, liegt auf der Hand und ist von der New Yorker Beratungsfirma Basex auch beeindruckend berechnet worden. Demnach gehen durch solche Unterbrechungen bei amerikanischen Managern jährlich 28 Milliarden Arbeitsstunden verloren, ein Luxus, der die Wirtschaft 588 Milliarden Dollar kostet.

Wie es mit dem großen Multitasker Napoleon ausging, weiß man. Der Russlandfeldzug wurde zum Fiasko, die Völkerschlacht ging verloren, Wellington siegte bei Vitoria, und in Waterloo war dann der Ofen endgültig aus. Wäre das alles heute passiert, hätte es wohl spöttisch geheißen: Weil er auch dauernd nebenher hat telefonieren und mailen müssen!

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