Frührente Riskante Freiheit

Andreas Kruse.

(Foto: Universität Heidelberg)

Wenn Bewegung und Kontakte fehlen, kann ein frühzeitiger Renteneintritt der Gesundheit schaden, sagt Psychologie­professor Andreas Kruse.

Interview von Anne-Ev Ustorf

Andreas Kruse ist Direktor des Instituts für Gerontologie an der Universität Heidelberg und forscht über gesundes Altern und die Frage, wie der Ruhestand gelingen kann. Der Psychologieprofessor ist auch Mitglied im Deutschen Ethikrat.

SZ: Herr Kruse, schadet ein vorzeitiger Renteneintritt der Gesundheit?

Andreas Kruse: Er schadet dann, wenn er mit einem starken Rückgang der körperlichen, geistigen, sozialen und emotionalen Aktivität verbunden ist. Und wenn er unfreiwillig erfolgt, also einhergeht mit einer großen Verunsicherung. Wenn der frühe Renteneintritt aber selbstbestimmt geschieht und neue sinnerfüllte Aktivitäten folgen, kann das Wohlbefinden sogar zunehmen. Entscheidend ist immer die Frage, wie es Menschen gelingt, ein positives Selbstkonzept zu bewahren und den Alltag mit Sinn zu füllen. Wichtig ist auch das Gefühl, weiterhin gebraucht zu werden.

Welche Faktoren können nach dem Renteneintritt eine Krise auslösen?

Erst mal die fehlende gedankliche Vorbereitung auf den Renteneintritt: Wie soll die Zeit gestaltet werden, welchen Tätigkeiten und Interessen möchte der Mensch nachgehen? Wenn diese Vorbereitung nicht geleistet wird, besteht die Gefahr einer inneren und äußeren Leere. Ein weiterer Risikofaktor ist gegeben, wenn es keine Möglichkeit gibt, die Verluste zu kompensieren, die mit dem Berufsaustritt einhergehen. Beziehungen zu Partnern, Freunden und Bekannten können vor einer Krise schützen. Wenn die Beziehungen aber wenig qualitätvoll sind, können sie auch die Krise fördern.

Hat ein früher Renteneintritt Auswirkungen auf den Alternsprozess?

Auf jeden Fall. Die Rente ist für viele Menschen mit starken Einkommenskürzungen verbunden. Das ist bekannt, trotzdem kommen sie dann oft sehr überraschend. Die selbständige Lebensführung im Alter wird dadurch erheblich erschwert, übrigens auch die Teilhabe am gesellschaftlichen Leben. Damit verbunden sind häufig ein abrupter Aktivitätsrückgang und eine zunehmende Isolation, die der kognitiven Leistungsfähigkeit und dem gesundheitlichen und emotionalen Wohlbefinden schaden.

Was raten Sie jemandem, der sich mit dem Gedanken trägt, freiwillig in den Vorruhestand zu treten?

Sich dringend einen neuen Aufgabenbereich zu suchen, in dem er Erfüllung finden und sich verwirklichen kann, zum Beispiel im zivilgesellschaftlichen Engagement. Der Mensch strebt im Grunde nach Tätigkeiten, die ihm das Gefühl geben, etwas für die Welt tun, Verantwortung zu übernehmen und Sinn zu stiften.

Haben Sie den Eindruck, dass sich die gesellschaftliche Haltung zur Rente und zum Alter verändert?

Wir beobachten, dass die Zahl derjenigen Menschen, die jenseits von 65 Jahren noch arbeiten, langsam steigt. Das wird sich in Zukunft weiter fortsetzen, schon aus der Notwendigkeit, das Einkommen aufzubessern. Wenn sie ihr Arbeitsvolumen mitbestimmen und ihr Aufgabenportfolio mitdefinieren können, empfinden viele Menschen Freude an der Weiterführung der Tätigkeit. In diese Richtung wird sich die Einstellung zur Rente und zum Alter weiter verändern. Es wird nämlich auch immer deutlicher gesehen, dass ältere Menschen im Austausch mit jungen Menschen ein hohes Maß an Kreativität zeigen können.

Dank der Flexirente können Arbeitgeber nun immer unkomplizierter in den Vorruhestand gehen, auch das Arbeiten über das Renteneintrittsalter hinaus wird immer einfacher. Mit Blick auf die Rentenmodelle der Zukunft: Welche gesellschaftlichen Entwicklungen werden auf uns zukommen?

Vermutlich werden es hochgradig variable Modelle sein. Diese Variabilität im Renteneintrittsalter muss dann aber dringend begleitet werden von der Möglichkeit, auch im höheren Alter das Arbeitsvolumen und das Aufgabenportfolio zu verändern. Und natürlich von weiteren Verbesserungen der betrieblichen Gesundheitsfürsorge und Prävention.