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Erzieher mit Studium:Fix in Führung

Pre school teacher talking to father with toddler in kindergarten model released Symbolfoto propert

Auf der Durchreise: Kindheitspädagoginnen arbeiten häufig zunächst in einer Kita, wechseln dann allerdings an Schulen oder in die Familienbildung.

(Foto: imago images)

Die Studienangebote für Kindheitspädagogen nehmen zu. Die Absolventinnen bleiben oft nur kurze Zeit in Kitas.

Als zu Beginn des Jahrtausends der Pisa-Schock über Deutschland zog, machte er vor Kitas nicht Halt: Kurz nach dem ersten großen Bildungsvergleich der Kompetenzen von 15-Jährigen stellte ein sogenanntes "Baby-Pisa" der frühkindlichen Bildung ein schlechtes Zeugnis aus. In vielen anderen Industriestaaten, stellte die Organisation für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung (OECD) fest, sei Erzieher ein akademischer Beruf. Wer damals einen Bachelor in Frühpädagogik in deutscher Sprache anstrebte, zog zumeist an die Freie Universität Bozen in Südtirol.

Die Zeiten sind vorbei. Im Jahr 2004 startete der erste Studiengang für Kindheitspädagogik an der Alice-Salomon-Hochschule (ASH) in Berlin. Kritisch beäugt von der Öffentlichkeit, aber mit Zugkraft; noch im selben Jahr sichtete man dort 250 Bewerbungen für 40 Plätze. Die Akademisierung sozialer Berufe schritt voran: Inzwischen gibt es mehr als 100 Studiengänge, die "Angewandte Kindheitswissenschaften", "Bildung und Erziehung im Kindesalter" oder "Kindheitspädagogik" heißen.

Die Studiengänge sind auch geeignet für Quereinsteiger, die aus dem Theaterbereich kommen

In Zeiten des Fachkräftemangels steigt auch die Anzahl der Studienplätze: "Seit diesem Semester nehmen wir ein Drittel mehr Studierende auf", sagt Rahel Dreyer, Leiterin des ASH-Studiengangs Erziehung und Bildung in der Kindheit. Wie bisher gibt es dann pro Jahr 40 berufsbegleitende Plätze, und 80 - statt 40 - in einem Vollzeit-Studiengang. Das bedeutet auch: Mehr Studenten kommen gleich nach der Schule oder aus einem anderen Beruf - und nach dem obligatorischen Vorpraktikum. "Es gibt Studierende, die zuvor im Theater gearbeitet haben, oder auch in einem kaufmännischen Beruf", erzählt Dreyer. Die überwiegende Mehrheit, daran hat die Akademisierung bisher wenig geändert, sind Frauen.

Und was wird aus den Absolventinnen? "Die kommen sehr gut unter", erklärt Dreyer. Im Kita-Bereich gelte das ohnehin, nicht nur wegen des Fachkräftemangels, sondern auch wegen der Qualifikation der Bachelor-Absolventinnen, die außer pädagogischen auch organisatorische und betriebswirtschaftliche Kenntnisse mitbringen und in Selbstreflexion und Analyse geschult sind. "Es gibt Studierende", berichtet Dreyer, "die bereits im Studium ein Job-Angebot bekommen." Andere Arbeitsfelder seien die pädagogische Arbeit an Schulen, die Fort- und Weiterbildung von Erzieherinnen, Kita-Fachberatung sowie Eltern- und Familienbildung. Für jene, die noch einen Master anhängen, empfehle sich unter Umständen auch eine wissenschaftliche Laufbahn - in einem immer noch wachsenden Feld.

Der Anteil der Akademiker in Kitas liegt allerdings bei nur etwa fünf Prozent. "Die erhoffte Akademisierung ist in dem gewünschten Ausmaß bisher nicht geglückt", sagt Dreyer. Es liegt zum einen an dem massiven Ausbau der Kinderbetreuung, dass die Akademisierung stagniert. Denn allerorten wird Personal gesucht, und es entstanden neue Ausbildungswege auch für Quereinsteiger. Zum anderen werden Kindheitspädagogen meist kaum besser entlohnt als Erzieher, die eine Fachschule besucht haben. "Der Unterschied bei den Gehältern ist häufig eher symbolisch", sagt Dreyer.

Laut einer Untersuchung hat jede dritte bis vierte Kindheitspädagogin, die es nach dem Abschluss in die Kita zog, diese fünf Jahre nach dem Bachelor wieder verlassen. "Auch Erzieherinnen verlassen das Arbeitsfeld Kita häufig", sagt die Erziehungswissenschaftlerin Kirsten Fuchs-Rechlin, "doch Hochschulabsolventinnen verlassen es noch häufiger." Die Düsseldorfer Professorin, die heute die Weiterbildungsinitiative Frühpädagogische Fachkräfte (WIFF) des Bundesministeriums für Bildung und Forschung (BMBF), der Robert Bosch Stiftung und des Deutschen Jugendinstituts leitet, hat von 2012 bis 2016 circa 1900 Kindheitspädagogen und Erzieher vor dem Abschluss und nach dem Start in den Beruf befragt. Dabei kam sie noch zu einem weiteren Schluss: Weit mehr angehende Kindheitspädagoginnen, als sie es im fünften Semester vorhatten, arbeiten später - zunächst - in der Kinderbetreuung. Zusammenhängen dürfte das, so Fuchs-Rechlin, mit den "hervorragenden Berufsaussichten und damit, dass es oft der schnellste Weg in die berufliche Sicherheit ist. Das erklärt zum Teil auch, warum so viele abwandern - wer ohnehin nicht vorhatte, dort zu bleiben, bewirbt sich vermutlich auch schneller wieder weg."

Allerdings fiel bei der Befragung auch auf, dass Hochschulabsolventen nicht selten auch ohne viel Kita-Erfahrung eine Leitungsstelle bekommen. "Finanziell lohnt sich das natürlich", sagt Fuchs-Rechlin, "ohnehin geht der Trend ein wenig dorthin, spezielle Aufgaben in der Kita - von Sprachförderung über Qualitätsmanagement bis zur Elternarbeit - mit Funktionszulagen zu versehen. Auch davon profitieren manche Absolventinnen." Andererseits seien Konflikte zwischen neuem und alteingesessenem Personal nicht selten - weil die Frauen, die hinzukommen, schnell als Erzieherinnen wahrgenommen würden, die sich in der Praxis nicht auskennen, aber auf dem Gebiet der Theorie alles besser wissen oder glauben, es besser zu wissen. Fuchs-Rechlin: "Das gilt für alle neuen Fachkräfte - aber für Hochschulabsolventinnen gilt es in besonderem Maße."