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#endlichfreitag zu Streit im Büro:Stirb langsam, Kollege

Kolumne #endlichfreitag

Wenn schon Streit im Büro, dann bitte wie damals in der Turnhalle: hart, ehrlich, vorbei.

(Foto: SZ.de/Katharina Bitzl)

"Ich will mich raushalten", sagt der Kollege - und ist schon mitten drin. Denn im Büro wird nicht weniger gestritten als in der Kindheit, nur weniger offen. Da wäre manchem der konfrontative Tritt gegen das Schienbein lieber.

Job-Kolumne #endlichfreitag

Endlich Freitag. Hochgefühl! Ein letzter Gedanke an die verpatzte Präsentation am Montag, ein Erschauern im Rückblick auf das Get-together am Mittwochabend, schnell noch ein Papierkügelchen in Richtung des Kollegen im Polohemd geschnippt: Was Arbeitnehmer im Büro erleben und warum es immer wieder schön ist, wenn die Arbeitswoche rum ist - darum geht es in der Kolumne #endlichfreitag.

Nein, früher war nicht alles besser. Nur ein bisschen einfacher vielleicht, wie die Sache mit dem Streiten. Bestes Beispiel ist der Schienbein-Vorfall. Gehen wir dazu 20 Jahre zurück, in eine schlecht belüftete Dorfturnhalle im Schwäbischen, Mädchenturnen II. Auf dem Bewegungsplan stand: "Wer hat Angst vor dem schwarzen Mann?" Böse Zungen mögen an dieser Stelle behaupten, Correctness kenne der Schwabe nur in Verbindung mit der Kehrwoche. Von jedem Ende der Turnhalle rannte dann jedenfalls eine Horde Neun- bis Elfjähriger los, an der Mittellinie trafen die Lager aufeinander, mitunter kam es auch zur Kollision. Da lag dann ein Mädchen weinend am Boden, hielt sich das Knie, die Umschubserin stand daneben, ebenfalls den Tränen nahe.

"Das war keine Absicht! Tut's arg weh?", fragte die Remplerin reumütig. Daraufhin rappelte sich die Gefallene auf, zog ihr T-Shirt mit Pferdekopf zurecht, sagte mit süßem Lächeln: "Nein, nur so wie das hier." Und kickte ihr mit voller Wucht gegen das Schienbein.

Nun könnte man diesen Vorfall als Beleg für die Grausamkeit der Jugend nehmen. Oder man sieht darin eine Art und Weise der Auseinandersetzung, wie man sie sich auch im Job manchmal wünschen würde: hart, ehrlich, vorbei. Klar, die Mädchenturngruppe war erst einmal zweigeteilt - auch ohne Schwarzer-Mann-Spiel. Und der Mutter wurde zuhause eindringlich prophezeit: "Ich mach' fei nie mehr was mit der Steffi!" Aber "nie" hatte sich nach drei Wochen überholt und Steffi firmierte als "allerbeste Freundin für immer".

Das Unausgesprochene wirkt eine Ewigkeit länger

Erwachsene sind mit derlei Herzensbekundungen vorsichtiger. Doch gerade das Unausgesprochene wirkt mitunter sehr viel länger. Und während der unbeteiligte Kollege noch sagt "Du, eigentlich möchte ich mich da raushalten", ist er schon auf einen unsichtbaren Kriegsschauplatz gestolpert. Weil er mit diesem Satz dem Streitbeteiligten die ersehnte Bestätigung verwehrt, was dieser umgehend als Parteinahme wertet.

Nicht der erste Fauxpas: Neulich hat er ausgerechnet die Kollegin mit zum Mittagessen gebracht hat, die beim Rest der Lunch-Gruppe als persona non grata gilt. Seit der Sache in der Teeküche. Dort nämlich hatte sich besagte Kollegin beim Lästern über ihre Büronebensitzerin belauschen lassen, ohne es selbst zu bemerken. Worum es ging? Eine Lappalie, die Atemtechnik der Nebensitzerin war an jenem Tag nervig oder deren Hose. Doch mit Feinheiten wie "heute" oder "diese Hose" hält sich der Flurfunk nicht auf. Am Ende kommt bei der Geschmähten an: "Die Schneider ist ja für mich gestorben! Weißt du, was die über dich rumerzählt? Du schnaufst wie ein Pferd und den passenden Hintern hättest auch."

Noch explosiver als Lästereien sind Liebeswirren im Büro. "Never fuck the company", heißt es im englischen Raum treffend - ob es nun der Unwiderstehlichkeit der Kollegen/Chefs oder einem simplen Übersetzungsfehler geschuldet ist: Mancher schlägt diesen Rat in den Wind und bereitet damit den Boden für ein zwischenmenschliches Minenfeld.

Im besten Fall sind dabei nur zwei Personen involviert. Kompliziert - und richtig schmutzig - kann es werden, wenn eine dritte oder gar vierte Person hinzukommt. Kollege P. flirtet heftig mit Kollegin U., das Großraumbüro buhlt hinter vorgehaltener Hand schon um die Trauzeugenplätze, da stößt die Kollegin Z. zum Team. Nicht mal ein halbes Jahr später verschicken P. und Z. die Hochzeitseinladungen. Und U.? Denkt schon weiter: "Wenn das in dem Tempo weiter geht, ist die doch bald schwanger. Ob ich das mal gegenüber dem Chef erwähne? Ist ja auch in seinem Sinne, zu wissen, mit wem er die nächsten Jahre planen kann ..."

"Ich kann auf keinen Fall neben der sitzen"

Apropos Planen: Wie praktisch, wenn der Chef über Mitarbeiterstreits informiert ist - und sich bei der Teambildung nicht in die Nesseln setzt. Wenn in einem Großraumbüro die Kollegin, ihr Ex-Freund (hofft immer noch auf Versöhnung), ihre Ex-Affäre (hatte sich mehr versprochen) sowie ihr neuer Partner (weiß von alledem nichts) versammelt sind, ist das bestenfalls für die Beobachter amüsant. Und das auch nur kurz. Denn sie sitzen im Zweifelsfall im wahrsten Sinne des Wortes zwischen den Stühlen - als Puffer im gemeinsamen Meeting ("Ich kann auf keinen Fall neben der sitzen!").

Der erste Film der Stirb langsam-Reihe spielt wohl nicht umsonst in einem Bürogebäude. Zwar sind hier nicht verletzte Gefühle, sondern Wertpapiere Auslöser für das grandiose Geballere. Aber gerade das Thema Geld sorgt oft für stille Gewalt im Job. Verdient der Kollege auf gleicher Hierarchieebene deutlich mehr oder wird er - aus der subjektiven Wahrnehmung heraus unfairerweise - befördert, werden schon mal die Waffen scharf gemacht. Relevante Mails gehen verloren, vor einem wichtigen Vortrag wird der Beamer sabotiert, und selbstredend erfährt der Vorgesetzte umgehend von jedem noch so kleinen Fehler. Da wünscht sich so mancher zurück in die Dorfturnhalle.

Am Ende steht die Erkenntnis: Stete Stichelei bringt jeden irgendwann zu Fall. Oder wie Polizist John McClane sagen würde: "Jippie-Ya-Yeah, Schweinebacke!"

Typologie der Kollegen

"Wärst du so lieb?"