Die Schule der Arbeitslosen Zum Bewerber abgerichtet

Wie aus schlaffen Arbeitslosen dynamische Bewerber werden: Ein Roman von Joachim Zelter über die Arbeitsagenturen im Jahr 2016.

Von Jens-Christian Rabe

2016. Einerseits ist das noch ein gute Weile hin. Zehn Jahre. Mindestens zwei Bundeskanzler werden noch gewählt bis dahin, zwei Fußballweltmeisterschaften wegspektakelt. Andererseits: Eine Dekade, was ist das schon inzwischen? Ein Neuntel eines Menschenlebens. Und vielleicht eine CD mehr neben denen mit den Hits der 70er, 80er und 90er. 2016, das ist also zu weit weg, um zu wissen, wer dann die entscheidenden Chancen versieben wird - aber immer noch nah genug, um ziemlich sicher sein zu können, dass es so weit kommt.

Attacke auf den Mythos Vollbeschäftigung: Joachim Zelter lässt seine Figuren "nach einem kostbaren Rohstoff" suchen.

(Foto: Foto: AP)

In eben dieses Jahr 2016 hat der 1962 geborene Anglist und Schriftsteller Joachim Zelter sein sechstes Buch, "Schule der Arbeitslosen", verlegt. Und es geht genau darum: eine provisorisch renovierte private Schule für Arbeitslose namens Sphericon in einer "stillgelegten Fabrik in einem niedergegangenen Industriegebiet". Dorthin, in die "School of Life", verfrachtet die staatliche "Bundesagentur" bei Zelter ihre Arbeitslosen per Bus zur "Lebensschulung". Sphericon ist freiwillig. Für die Arbeitslosen allerdings, die das "Angebot" nicht annehmen, gibt es auch nicht den bei der späteren Arbeitssuche hilfreichen, vorteilhaften Status in den Dossiers der Agentur.

"Absolut freiwillig"

Als Anstaltsroman, als Anstaltsreportage nimmt die Sache ihren Lauf. Fast unmerklich, irritierend zart nur zeigt sich der utopische Überschuss: "SPHERICON liegt in der Düsseldorfer Straße. Sie ist noch nicht geschlossen. Ihre Gebäude wurden notdürftig umfunktioniert, in Bowling Centers, Ersatzteillager und sektiererische Gotteshäuser." Zelter seziert sein Thema, treibt den Leser von einer Seite zur nächsten, in dem er ganz nüchtern die Details einspielt. Die Diktion ist karg, fast kühl, während sich der ungeheuerliche Raum des Buchs entfaltet. Hartnäckig bleibt der frühe Satz im Ohr: "SPHERICON ist absolut freiwillig."

Die großen Dystopien des vergangenen Jahrhunderts klingen an. Aber in Huxleys schöner neuer Welt donnert gleich im ersten Absatz der "Wahlspruch des Weltstaats", und Orwell lässt in "1984" schon im zweiten Absatz die "Hass-Woche" planen und den "Großen Bruder" grüßen. Zelters Buch dagegen erhält seine Wucht, weil es die auf die Verwaltung schwer Vermittelbarer abgerichtete und abrichtende Ideologie der echten Bundesagentur beim Wort nimmt: "Wenn überhaupt, dann produziert SPHERICON Möglichkeiten. . . SPHERICON ist ein Maßnahmen-Center."

In diesem Maßnahmen-Center sollen innerhalb von drei Monaten aus schlaffen Arbeitslosen dynamische "Bewerber" werden, besser noch: furchtlose Bewerbungsprofis. "Work is Freedom" oder "Just do it" lauten die Merksätze. Es hätte dieser dunklen Anspielungen vielleicht gar nicht bedurft, sie fügen der Sache kaum etwas hinzu. Der brutale, lebensfeindliche Unterton der Rhetorik der in unserer Gegenwart große Hallen füllenden Motivationstrainer wird so aber vielleicht auch nur mit der gebührenden Härte demaskiert.

"Die Arbeit verfolgt uns nicht mehr. Wir verfolgen sie. Wir fahnden nach ihr. Mit allen Mitteln. Wie nach einem kostbaren Rohstoff. Oder wie ein Jäger nach Beute. Die eigentliche Arbeit ist heute nicht mehr die Arbeit selbst, sondern die Suche nach Arbeit", erklärt der Sphericon-Schulleiter zackig zur Begrüßung seiner neuen Eleven.

Das Panorama der möglichst marktkonformen Zurichtung der Schüler, das Zelter nach und nach entfaltet, reicht vom Studium der Todesanzeigen - denn die sind schließlich auch nichts anderes als Hinweise auf freie, weil gerade freigewordene Stellen - bis zum "¸biographischen Arbeiten", der vollkommen willkürlichen Erfindung eines Erfolg versprechenden Lebenslaufs, der dann der eigene sein soll, obwohl gerade noch Name, Alter und Geburtsort der Wahrheit entsprechen. "Ein Jahr nicht in der Schule. Was kann man daraus machen?", fragt ein Ausbilder. Die Klasse einigt sich für Karla auf eine Tätigkeit als Reiseleiterin in Patagonien.

"Bonus Coins", die Währung Sphericons für die Nahrungsautomaten, gibt es, wenn ein Schüler in der Lage ist, in oft stundenlangen, simulierten Vorstellungsgesprächen das neue Leben überzeugend als das eigene zu präsentieren - nachdem er nachts um drei aus dem Bett geholt wurde.

Dass bald zwei Schüler versuchen, das System zu unterlaufen, ist natürlich der unvermeidliche Tribut ans Genre. Das Szenario jedoch, innerhalb dessen dies geschieht, entwickelt einen ganz eigenen Sog, denn Zelter spielt den Ernstfall ein: den Kampf um eine Trainerstelle an der Schule, die der beste Absolvent, der fleißigste biografische Arbeiter bekommen soll.

Zur denkbar kältesten Attacke auf den Mythos Vollbeschäftigung macht das Buch allerdings sein Schluss, eine Art stille Eskalation des Szenarios. Die Kür des einen neuen Trainers ist darin nur der Auftakt. Zur bitteren Pointe, die natürlich nicht verraten werden soll, sei bloß gesagt: Konsequenter ist die Frage, was denn nun zu tun ist mit dem menschlichen Strandgut, das die strukturelle Arbeitslosigkeit im späten Informationskapitalismus massenhaft produziert - konsequenter ist diese Frage literarisch zuletzt nicht beantwortet worden.

JOACHIM ZELTER: Schule der Arbeitslosen. Roman. Klöpfer & Meyer, Tübingen 2006. 207 Seiten, 19,90 Euro.