Deutsch-türkische Universität Lerngemeinschaft am Bosporus

In Istanbul soll eine Hochschule entstehen, in der in der Sprache Goethes gelehrt werden soll: Deutsch. Das Projekt soll innerhalb von zwei Jahren starten.

Von Christiane Schlötzer

Deutsche Professoren haben zu einer Zeit, als sie in Berlin und München nicht erwünscht waren, in Istanbul und Ankara türkische Universitäten auf europäischen Standard gebracht. 1933 bis 1945 war das. Die Deutschen, darunter Ernst Reuter, später Berliner Bürgermeister, flüchteten vor den Nazis, die Türkei nahm sie auf.

Die deutsche und die türkische Fahne vor einem Minarett in Gelsenkirchen

(Foto: Foto: AP)

Deutsch ist in der Türkei heute nicht allein die Sprache Goethes, sondern auch die Fatih Akins, und schon deshalb immer begehrter. Nach Prognosen werden in der Türkei bald mehr als eine Viertelmillion junger Menschen Deutsch als Fremdsprache lernen, aber wenn sie eine der 79 türkischen Universitäten besuchen, dann finden sie dort Professoren, die (neben Türkisch) Englisch sprechen. Fast zwei Dutzend anglophone Colleges werben um die besten Studenten, und die Begabtesten gehen zum Studium gleich nach Amerika.

Deutschland ist als Bildungsstandort in der Türkei nicht präsent und vergibt damit eine große Chance. 2500 deutsche Unternehmen haben in der Türkei investiert, sie profitieren derzeit vom wirtschaftlichen Aufschwung am Bosporus und suchen qualifiziertes Personal. Am Donnerstag traf im Berliner Außenministerium ein Brief aus Ankara ein.

Die Idee scheiterte unter Kohl

Die türkische Regierung lud zu deutsch-türkischen Expertengesprächen für Ende März. Grundlage ist eine Machbarkeitsstudie des Deutschen Akademischen Austauschdienstes und des Auswärtigen Amtes für eine Campusuniversität mit Studiengängen für Ingenieurwesen, Wirtschaft, Sozial-, Rechts- und Kulturwissenschaften für bis zu 500 Studenten. Unterrichtssprache: Deutsch. Das Projekt soll innerhalb von zwei Jahren starten.

Außenminister Frank-Walter Steinmeier hat im September in Istanbul das Vorhaben mit seinem türkischen Kollegen Abdullah Gül grundsätzlich verabredet. Zuvor hatte bereits Ex-Bundestagspräsidentin Rita Süssmuth den türkischen Premier Tayyip Erdogan für die Idee begeistert und danach auch die Kanzlerin dafür gewonnen.

Für Privatuniversitäten gibt es in der Türkei Förderungen. Das Land plant derzeit mehr als ein Dutzend neue Hochschulen, weil es bislang nur einem Drittel seiner Schulabsolventen Studienplätze anbieten kann.

So umkämpft ist der Bildungsmarkt, dass nicht nur Berlin Interesse zeigt. Das Land Nordrhein-Westfalen und Faruk Sen, der umtriebige Chef des Zentrums für Türkeistudien in Essen, werben ebenfalls für eine Stiftungshochschule. An Gezänk und den Kosten scheiterte unter der Regierung Kohl schon einmal die Idee einer deutschen Universität in Istanbul. Das sollte nicht wieder passieren.