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Coaching-Expertin:Respekt spielt eine tragende Rolle

Coach und Coachee sollte auf Augenhöhe miteinander kommunizieren – das hält Christine Kranz für besonders wichtig.

(Foto: Sabine Klimpt)

Wege, Coach zu werden, gibt es viele. Woran man erkennt, ob eine Ausbildung etwas taugt.

Interview von C. Bertelsmann

Coaching-Verbände bemühen sich nach Kräften um einheitliche Standards. Denn wer sich als Coachin oder als Coach ausbilden lassen möchte, hat nach wie vor schier zahllose Möglichkeiten - vom schnellen Wochenendkurs bis zur mehrmonatigen und damit auch intensiven Weiterbildung. Wie gut und seriös die jeweilige Variante des Dazulernens ist, lässt sich oft nicht ohne Weiteres erkennen. Zertifizierungen sollen dabei helfen, die Professionalisierung des Berufs voranzutreiben. Christine Kranz, Präsidentin der International Coach Federation (ICF) Deutschland, ist bereits seit 30 Jahren als Coachin tätig und bildet Fachkräfte aus. Bereits im Jahr 2000 entwickelte sie ihre eigene Coaching-Methode. Kranz erklärt, welche Rolle Zertifizierungen bei der Coaching-Ausbildung spielen, welche Trends sie beobachtet und warum man als Coach eine gewisse Demut mitbringen sollte.

SZ: Zu den Richtlinien des ICF, dem Sie für Deutschland vorstehen, gehört Integrität. Woran erkenne ich, welcher Anbieter integer ist?

Christine Kranz: Wer sich für Coaching interessiert, hat ziemlich sicher vorher schon einmal andere Ausbildungen gemacht. Dementsprechend gilt es zu wählen: Brauche ich eine Ausbildung, die beim Abc der Gesprächsführung anfängt oder brauche ich eine, die schon komplexere Themen bearbeitet. Wichtig ist es, sich die Ausbilder selbst genau anzuschauen: Welche Erfahrungen haben sie, welche Ausbildungen und Zertifizierungen können sie vorweisen? Ist in der Ausbildung auch genug Möglichkeit für Eigenentwicklung? Das bedeutet, dass die Teilnehmer nicht nur den theoretischen Hintergrund bekommen, sondern auch individuell-persönlich gesehen und betreut werden.

Worauf sollte man bei der Auswahl einer Coaching-Ausbildung noch achten? Ausbildung braucht immer individuelle Begleitung. Da kann man nicht einfach 20, 30 Personen mit ein, zwei Trainern zusammentun. Sondern man muss schauen, dass der Kunde dort abgeholt wird, wo er ist. Das gilt für das Coaching selbst genauso wie für die Coaching-Ausbildung. Ich würde außerdem abraten von Ausbildungen, bei denen man das Gefühl hat, man ist lediglich eine Nummer, es geht um unrealistische Versprechungen, es ist ständig von "Top-Coach" und "Motivation" und "schnell" und "Lösung" die Rede. In unserem Beruf geht es sehr stark um Respekt. Man braucht dafür eine gewisse Demut. Wenn ich den Kunden eher für mich brauche, für meine Selbstbestätigung oder wenn ein Ausbilder die Teilnehmenden für Applaus braucht, dann ist das der völlig falsche Ansatz.

Welche Rolle spielen Zertifizierungen beim Coaching?

Zertifizierung und eine zertifizierte Ausbildung sind wichtig, um die Professionalisierung von Coaches voranzutreiben. Der Ursprung des Coachings liegt ja in den USA, wo der ICF beheimatet ist. Unser Verband in Deutschland hat Entwicklungen und Innovation von dort übernommen. Er hat Studien, die es schon zum Coaching gab, adaptiert und weiterentwickelt. Dabei haben wir festgestellt, dass Zertifizierungen ein wichtiges Instrument zur Qualitätssicherung sind.

Viele Coaching-Institute werben mit der Vergabe von Zertifikaten. Woran erkennt man, ob das Zertifikat wirklich ein Qualitätssiegel ist?

Meistens kann man davon ausgehen: So viel wie die Ausbildung taugt, so viel taugt das Zertifikat. Wenn ich schon während der Ausbildung darin keinen Mehrwert gesehen habe, nutzt auch ein Zertifikat nichts. Wir als Verband plädieren für eine zusätzliche individuelle Zertifizierung. Das heißt: Nicht allein die Teilnahme an der Ausbildung führt zu einer Zertifizierung. Sondern zum Beispiel auch ein eigenes Coaching-Gespräch, das man mit einem realen Kunden führt, es aufzeichnet und dann beim Zertifizierer einreicht. Damit kann man die individuellen Entwicklung des auszubildenden Coachs verbessern und prüfen: Sind die Ziele erreicht, wurden die ethischen Standards eingehalten, wurde die Methodik richtig angewendet? Das kann man in der Gruppe nicht.

Wir im ICF führen die Zertifizierung unabhängig vom Coaching-Institut durch. Das heißt, auch wer nicht bei uns Mitglied ist, kann an diesem Prozess teilnehmen. Zu ihm gehören Themen wie Gesprächsführung, fundierte Theorie, Praxiseinheiten und das Einhalten von Kernkompetenzen und Ethikstandards. Die von ICF anerkannten Ausbildungen müssen alle drei Jahre neu akkreditiert werden. Das gewährleistet, dass sie auf dem aktuellsten Stand sind.

Was verstehen Sie unter Kernkompetenzen und Ethikstandards?

Sie definieren die Beziehung zwischen Coach und Coachee. Das fängt beim Vertrag zwischen Coach und Coachee an, bei den genauen Absprachen, die man vorher treffen sollte. Der Umgang mit dem Coachee muss in einer hochethischen Weise gehandhabt werden. Im Coaching wird der Coachee befähigt, selbst erweiterte Sichtweisen und Lösungen zu finden; anders als in einer Beratung, da bringt der Berater sehr aktiv seine Meinung und seine Erfahrungen ein. Zu den Kernkompetenzen eines Coaches gehört, die Gesprächsführung mit dem Coachee auf Augenhöhe zu halten. Also nicht: Ich als Coach leite den Prozess, und der Coachee ist von mir abhängig, weil er mich braucht. Mein Ansatz ist: Wie kann ich dem Kunden am meisten dienen? Ein Coach muss immer darauf achten, dass er dem Coachee nicht ins Wort fällt, dass er nicht versucht, die eigenen Motivationen oder Wünsche oder das, was er ablehnt, auf den Kunden zu projizieren. Ein guter Coach wird laufend darauf achten, dass er den Kunden spiegelt und ihm Sicherheit gibt.

Was genau beinhalten die Einzelzertifizierungen, die Ihr Verband ausstellt?

Meiner Ansicht nach ist das ein ganz wichtiger Entwicklungsprozess für den Coach. Bei der International Coach Federation haben wir für die Einzelzertifizierung drei Stufen. Die erste (ACC) beginnt bei hundert gehalten Coachingstunden, damit kann man die Zertifizierung einreichen. Die zweite Stufe (PCC) bedingt fünfhundert Stunden Coaching und die dritte, um den Master (MCC) zu erreichen, 2500 Stunden. Diese Zertifizierungen sind international gültig und erfordern alle drei Jahre eine Erneuerung. Dafür muss man weder ICF-Mitglied sein noch dort ausgebildet worden sein. Für die Zertifizierung bekommt man einen Mentor zur Seite gestellt. Das alles zusammen kostet etwa 1500 Euro.

Welche wesentlichen Trends beobachten Sie im Coaching?

Da sind wir in einer enormen Veränderung, auch gesamtwirtschaftlich gesehen: Coaching wird als Aus- oder Weiterbildung immer mehr auch von Menschen genützt, die nicht nur Coach sein möchten, sondern die auch in Führungspositionen sind und ihre Persönlichkeit weiterentwickeln wollen. Immer mehr Unternehmen fragen interne Coaching-Ausbildungen nach, um gerade Führungskräften zu ermöglichen, Coaching-Tools und - Skills zu erlernen, weil sie damit ein weiteres Spektrum haben, das ihnen im Umgang mit Mitarbeitern und Kunden nützlich ist.

Wächst der Markt?

Ja, auf alle Fälle. Gerade im Top-Management ist inzwischen ein Bewusstsein dafür da, dass man auf Fremdhilfe angewiesen ist, weil sich Kollegen und Mitarbeiter gegenüber Führungskräften häufig nicht authentisch zeigen. Unternehmen wissen mittlerweile, dass sie durch Coaches Geld einsparen. Weil man Entscheidungen besser treffen kann, weil Leerläufe vermieden werden, Fluktuation verringert wird. Wir vom ICF wissen, dass Mitarbeiter, wenn sie kündigen, meist nicht das Unternehmen verlassen, sondern eigentlich ihre Vorgesetzten. Die Mitarbeiterbindung, die innere Motivation, wird durch Führungskompetenz genährt. Dabei kann ein Coach sehr hilfreich sein. Wir sehen aber auch: Sobald ein Unternehmen Einsparungen beschließt, wird auch bei Coachings gespart. Ausnahme ist das Top-Management. Das ist wie beim Sport: Ein Spitzensportler muss ja immer, auch in Krisenzeiten, Höchstleistungen erbringen, und das geht besser mithilfe eines Coaches.

© SZ vom 16.10.2020
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