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Bürokonzepte:Meeting im Stehen, Arbeitsplatz zum Teilen

Was braucht der Mensch zum Arbeiten? Keinen festen Schreibtisch, meinen Anhänger von "Business Clubs". Sie schaffen den mobilen Mitarbeiter, der zwischen Denkerzellen und Lounges wechselt.

Eine gute Adresse, eine großzügige Lobby und freundliche Rezeptionisten - so empfängt das "Hotel Accenture" seine Gäste. Moment mal, wieso Hotel? Accenture ist doch eine Unternehmensberatung. Aber eine, deren Räumlichkeiten an der Münchner Maximilianstraße mehr mit einem Hotel gemein haben als man vermutet. Vor sieben Jahren hat das Unternehmen ein Bürokonzept entwickelt, von dem Trendforscher sagen, dass im Zeitalter der Globalisierung immer mehr Menschen so arbeiten werden.

"Hotelling" und "Business Club" sind zwei wichtige Stichwörter aus dem Bürokonzept. "Die Mitarbeiter buchen die Räume, die sie an einem bestimmten Tag benötigen, im Voraus. Unser System funktioniert, weil unsere Leute viel auswärts arbeiten", sagt Markus Huber, der als Office Location Coordinator für die Münchner Niederlassung von Accenture verantwortlich ist. So wie Hotelgäste, die zwischen Doppelzimmer oder Suite wählen können, so haben auch die Berater mehrere Optionen: Ein typischer Business Club, wie ihn Accenture realisiert hat, besteht aus offenen Büros und geschlossenen Zimmern für ein oder zwei Mitarbeiter, aus Projekträumen für sechs bis zehn Personen und eleganten großen Besprechungsräumen.

Auch Lounge-Bereiche mit Sofas zum Ausruhen, "Servicepoints" mit Drucker und Kleinküche, Denkerzellen und Stehkonferenz-Bereiche würden häufig in einen Business Club integriert, sagt Elke Deubzer. "Stehkonferenztische verhindern, dass ein kurzes Meeting in eine uferlos lange Besprechung ausartet", sagt die Münchner Psychologin. Sie berät Unternehmen, wie sie ihre Räume am besten gestalten, damit Kommunikationsprozesse in Schwung kommen.

Ist der Business Club, dessen Vorläufer das Desk-Sharing aus den Neunzigern ist, die allein selig machende Lösung für die Arbeitswelt von morgen? "Nein, so pauschal stimmt das nicht", sagt Elke Deubzer. Der Business Club sei zum Beispiel für Vertriebsleute, Wirtschaftsprüfer oder Berater geeignet, aber nicht für Mitarbeiter, die den ganzen Tag im Büro verbringen. "Da kommt dann das Territorialverhalten ganz stark zum Tragen", sagt die Psychologin. "Die Leute haben persönlichen Gegenstände an ihrem Arbeitsplatz, etwa Familienfotos. Da gibt es eine Riesenaufregung, wenn es heißt: Morgen sitzt du woanders." Im Gegensatz zu stationären Arbeitsplätzen lassen Angestellte, die in einen Business Club arbeiten, nichts Privates zurück, wenn sie das Büro verlassen.

Flexibel und flächenoptimiert

Für Accenture lassen sich die Vorzüge des Business Clubs nicht von der Hand weisen: Die Berater arbeiten auf einer Fläche von dreieinhalbtausend Quadratmetern in Räumen, die zu ihren Aufgaben passen. Das Unternehmen spart Fläche und damit auch eine Menge Geld. "Unsere Niederlassung befindet sich in einer 1A-Lage mit einem Mietpreis von 30 Euro pro Quadratmeter", sagt Markus Huber. "Die Mietbelastung liegt jährlich bei 1,4 Millionen Euro. Hätten wir das Konzept nicht, würden wir die dreifache Fläche benötigen. Daher bedeutet es für uns eine ungeheure Ersparnis."

Das Argument der Flächenoptimierung ist verlockend, allerdings vergessen manche Firmenchefs dabei, dass sich die Angestellten im Office auch wohl fühlen müssen. "Wenn es bei einem Bürokonzept vorrangig darum geht, Geld zu sparen, wird das schnell zur Milchmädchenrechnung", sagt Elke Deubzer, "denn die Produktivität sinkt, wenn sich niemand um das soziale Miteinander und die individuellen Bedürfnisse kümmert."

Ein ernsthaftes Nachdenken über sinnvolle Bürokonzepte ist in deutschen Unternehmen eher die Ausnahme als die Regel; die meisten Firmen halten am Status quo fest. Das Gros der Arbeitskräfte igelt sich in Zellenbüros ein, die entlang monotoner Gänge aufgereiht sind. Oder die Leute sitzen in einem Großraumbüro und meckern über schlechte Luft und lautstark telefonierende Kollegen. Dabei sind für Deubzer durchaus Mischformen denkbar, etwa eine Kombination aus Zellenbüros und Business Club. Sie setzt auf individuelle Konzepte, die zu Mitarbeitern und Unternehmenskultur passen.

"Nicht jeder ist für ein Open-Space-Office geeignet, manche sind Einzelkämpfer, manche sind Teamworker", sagt Sandra Schmidt. Die Change Managerin betreut ein Umstrukturierungsprojekt des Schweizer Telekommunikationskonzerns Swisscom, von dem 20.000 Mitarbeiter betroffen sind. Das Unternehmen hatte ein konservatives Bürokonzept: Die Angestellten besaßen persönliche Arbeitsplätze und sollen sich künftig an 20 Standorten in Business Clubs bewegen - eine Investition, die sich das Unternehmen 110 Millionen Euro kosten lässt. "Die Widerstände sind groß. Da ist wichtig, den Angestellten zu vermitteln, dass ihre Bedürfnisse respektiert werden und dass der Business Club ihnen einen Mehrwert bringt", sagt Schmidt.

Die Mitarbeiter von Accenture in München haben sich längst an ihr Bürokonzept gewöhnt, eventuellen territorialen Ansprüchen wurden von Anfang an Grenzen gesetzt. Und doch, ganz einfach läuft es auch hier nicht immer: "Ein Business Club bedeutet einen administrativen Mehraufwand", sagt Markus Huber, "wir brauchen Leute, die das System managen. Und Leute, die mit den Mitarbeitern reden, wenn es Probleme gibt." So kommt es beispielsweise immer wieder vor, dass jemand es vergisst, einen Raum abzubestellen. Doch während Hotelgäste bei einer verspäteten Absage postwendend die Stornorechnung bekommen, gibt es für die Berater allenfalls einen kleinen Rüffel.

© SZ vom 11.11.2005
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