Beruf des Diakons im Wandel Souveräne Diener des Herrn

Auf verschiedenen Wegen vermitteln Diakone Menschen aller Altersgruppen den christlichen Glauben. Mittlerweile haben immer mehr Diakone studiert. Aber auch Fachschulen bieten passende Ausbildungen an.

(Foto: Jan Woitas/dpa)

Diakone und Diakoninnen dürfen heutzutage sogar Menschen trauen und taufen. Immer häufiger haben sie ein Studium absolviert.

Von Joachim Göres

Konfirmandenunterricht geben, Kinder- und Jugendgottesdienste halten, Freizeiten organisieren, Jugendliche zu Teamleitern für Gruppenfahrten ausbilden - Anja Kanzinger nennt einige Tätigkeiten, die sie als Diakonin in der evangelisch-lutherischen Kirchengemeinde Munster in der Lüneburger Heide ausübt. Sie hat neun Semester an der Evangelischen Hochschule Ludwigsburg Religionspädagogik und Soziale Arbeit studiert und in beiden Fächern einen Bachelor-Abschluss gemacht. Nach dem Studium wurde sie eingesegnet - damit stellte sie ihren künftigen Dienst unter das Wort Gottes. Seitdem darf Kanzinger sich Diakonin nennen.

Mit Kindern und Jugendlichen hat sie schon früher in ihrer Kirchengemeinde gerne ehrenamtlich gearbeitet, im Studium kamen Unterrichtspraktika in der Schule dazu. Kanzinger: "Das Studium ist erst mal wichtig für die Persönlichkeitsbildung, aber auch eine gute Vorbereitung auf den Beruf. Dennoch wird man an seiner ersten Stelle teilweise ins kalte Wasser geworfen, denn die Tätigkeit als Diakonin ist sehr vielfältig." Kanzinger hat eine auf fünf Jahre befristete Stelle und ist die einzige Diakonin für die 8000 Mitglieder zählende Gemeinde, in der drei Pastoren tätig sind. "Wir treffen uns regelmäßig, ich fühle mich mit ihnen auf einer Ebene", sagt die 26-Jährige.

Für eine kürzlich veröffentlichte Studie des Sozialwissenschaftlichen Instituts der Evangelischen Kirche Deutschlands gaben 335 Diakoninnen und Diakone aus der Evangelisch-lutherischen Landeskirche Hannover Auskunft über ihren Berufsalltag. Sie engagieren sich für Bildungsprozesse und im Bereich der Organisation - das kann die Koordination verschiedener Tätigkeiten in einem Familienzentrum sein. Zu den wichtigsten Aufgaben gehört die Glaubensvermittlung - Diakone sprechen mit anderen Menschen über Glauben und praktizieren ihn in Gemeinschaft -, gefolgt von der Betreuung und dem Management von ehrenamtlichen Kräften in der Gemeinde, der Seelsorge, der Öffentlichkeitsarbeit sowie dem Bereich Coaching.

Kanzinger arbeitet als Spezialistin für die Zielgruppe der Jugendlichen. Andere Diakone widmen sich als Spezialisten anderen Zielgruppen, sie bauen neue Gemeindestrukturen auf oder werden als Generalisten für verschiedene Bereiche eingesetzt. Flexibilität ist Voraussetzung: Laut der Studie änderte sich in den vergangenen fünf Jahren bei 28 Prozent einmal und bei 32 Prozent mehrmals das Arbeitsfeld.

"Ich mache meine Arbeit gerne", sagen 92 Prozent der Diakone und loben die Eigenständigkeit und Gestaltungsmöglichkeiten in ihrem Beruf. 83 Prozent stimmen der Aussage "die Arbeit ist wirkungsvoll" zu. Allerdings spricht auch jeder Zweite von zunehmender Arbeitsverdichtung. 60 Prozent wären motivierter, wenn es mehr Geld oder andere Zusatzleistungen geben würde. Im ersten Berufsjahr verdient man zum Beispiel in der Landeskirche Hessen-Nassau circa 1900 Euro netto.

Die Vielzahl der evangelischen Kirchen mit ihren besonderen Traditionen sorgt für Unterschiede beim Berufszugang. Mehr als 50 Ausbildungsstätten gibt es bundesweit, fast immer in kirchlicher Trägerschaft. Bei den evangelischen Landeskirchen ist mittlerweile ein Studium Standard. Daneben gibt es auch Ausbildungen an Fachschulen sowie berufsbegleitende Fortbildungen für Heilerziehungspfleger oder Erzieher. In den meisten Kirchen lautet die Berufsbezeichnung Diakon, in manchen Gemeindepädagoge, Katechet, Religionspädagoge, Gemeindehelfer oder Jugendreferent. Eine Rolle spielt auch der Ausbildungsort. "Ich habe in der Landeskirche Württemberg studiert, wo ich mit meinem Abschluss auch in der Schule hätte unterrichten können. In der Landeskirche Hannover wird mein Abschluss anerkannt, in der Schule darf ich in Niedersachsen aber nicht unterrichten. Ich komme ursprünglich aus der Landeskirche Baden - hätte ich dort studiert, hätte es Probleme mit der Anerkennung in Hannover gegeben. Das ist doch gaga", beschwert sich Kanzinger.

Zwei Bachelor-Titel auf einen Streich: Damit kann man für Kirche oder Kommunen arbeiten

Wie sie hat auch Moritz Thöle-Weimar ein Doppelstudium in Religionspädagogik und Sozialer Arbeit mit einem Bachelor in beiden Fächern abgeschlossen - an der Hochschule Hannover. Dort gab es zuletzt mehr als 130 Bewerber für 40 Studienplätze. Der Vorteil des doppelten Bachelors liegt darin, dass man als Diakon im kirchlichen Umfeld und als Sozialarbeiter bei Kommunen arbeiten kann. Thöle-Weimar absolviert derzeit sein zwölfmonatiges Berufspraktikum, das sich an das Studium anschließt. "Fast alle, die ich kenne, wollen in den öffentlichen Dienst. Dort gibt es einfach mehr volle und unbefristete Stellen, und man bekommt auch leichter etwas in der Großstadt. Freie Stellen für Diakone finden sich eher in ländlichen Regionen", sagt der 25-Jährige.

Sascha Weinkauf hat 2013 sein Studium der Sozialen Arbeit und Religionspädagogik an der Evangelischen Hochschule Darmstadt beendet und war dann im Evangelischen Dekanat Westerwald als Jugendreferent in der mobilen Jugendarbeit für mehrere Gemeinden zuständig. Er gehört zu der großen Mehrheit der Diakone, die ihre eigenen positiven Erfahrungen in der kirchlichen Jugendarbeit dazu motiviert haben, später hauptberuflich in der Kirche tätig zu sein. Seit Kurzem studiert er in Göttingen Theologie. "Ich habe während der Jahre immer mehr gemerkt, dass mein Herz vor allem für die Liturgie, die Predigt, den Gottesdienst schlägt. Deswegen will ich Pastor werden. Etwas von meinem bisherigen Studium wird dafür anerkannt, ich spare so vielleicht zwei Semester", sagt der 31-Jährige.

Lange Zeit gab es in vielen Kirchengemeinden starke Hierarchien, mit dem Pastor an der Spitze. Der Diakon - wörtlich bedeutet das "Helfer" oder "Diener" - wurde häufig auf eine unterstützende Rolle reduziert. "Das ist heute nicht mehr so. Das ist ein Beruf mit großer Eigenständigkeit", sagt Heidi Albrecht, Geschäftsführerin des Verbandes Evangelischer Diakonen-, Diakoninnen- und Diakonatsgemeinschaften in Deutschland (VEDD). Diesem Verein gehören 8500 der insgesamt etwa 11 000 Diakone an. Angesichts fehlender Theologen steigt die Bedeutung der Diakone - in den evangelischen Landeskirchen von Bayern und Mitteldeutschland dürfen sie mittlerweile Menschen taufen, trauen und beerdigen sowie einen Gottesdienst mit Abendmahl leiten. "Sie sind oft einfach näher an den Problemen der Menschen dran und werden von ihnen geschätzt", sagt Albrecht, die von sehr guten Berufsaussichten spricht - nicht zuletzt, weil in den kommenden Jahren viele Diakone in den Ruhestand gehen.

Informationen zu diesem Beruf findet man online unter www.diakon-werden.de. Die Webseite www.vedd.de bieten einen Überblick zu Ausbildungsstätten. Auch in der katholischen Kirche gibt es - ausschließlich männliche - Diakone. Deren Aufgaben unterscheiden sich von denjenigen evangelischer Diakoninnen und Diakone. Näheres hierzu auf der Webseite der Arbeitsgemeinschaft Ständiger Diakonat in Deutschland www.diakone.de