Au-pair-Portale Mit ein paar Klicks zur passenden Familie

Au-pair-Aufenthalte haben den Vorteil, dass man eine andere Kultur intensiv kennenlernt. Betreuer und Gasteltern finden sich inzwischen oft über Portale, die ähnlich funktionieren wie Online-Partnerbörsen.

Von Miriam Hoffmeyer

Ein Jahr lang tauchte Carolin Sampels tief in den finnischen Alltag ein: düstere Winter- und schier endlose Sommertage, Saunagänge in der Wochenend-Blockhütte am Meer und jede Woche rituelles Teppichklopfen: "Die Finnen haben eine Schwäche für Webteppiche." Morgens machte sie Frühstück für die beiden älteren Jungen ihrer Gastfamilie, räumte die Küche auf und hängte Wäsche auf die Leine, nachmittags holte sie die sechsjährige Tochter vom Kindergarten ab und spielte mit ihr, abends traf sie sich oft mit anderen Au-pairs im südfinnischen Nurmijärvi. "Es hat mir sehr viel Spaß gemacht, den Kindern bei den Englisch-Hausaufgaben zu helfen und ihnen deutsche Wörter und Spiele beizubringen", erzählt sie. Vor dem Au-pair-Aufenthalt hatte Carolin Sampels keine Ahnung, was sie werden sollte, danach begann sie ein Lehramtsstudium in Englisch und Geografie. Nebenher jobbt die Bonner Studentin für den Bildungsberatungsdienst "Weltweiser": Auf Messen berät sie Schüler, die nach dem Abitur ins Ausland gehen möchten.

Au-pair ist die traditionsreichste Form des Auslandsaufenthalts. Doch statt Kinder zu hüten und im Haushalt zu helfen, kann man heute auch mit Work & Travel ausgiebig herumreisen, ein Auslandspraktikum machen oder als Freiwilliger Gutes tun. "Au-pair verfügt weder über den Glanz der Wohltätigkeit noch über den Reiz von Freiheit und Abenteuer", bilanziert Cordula Walter-Bolhöfer vom Versicherungsunternehmen Dr. Walter, das alljährlich eine Konjunkturumfrage unter Au-pair-Vermittlungen macht. Dafür hätten Au-pairs aber "den engsten Bezug zum Gastland zu den niedrigsten Kosten". Denn schließlich kommt für Kost, Logis und Taschengeld die Gastfamilie auf. Ein weiterer Aspekt ist eine gewisse emotionale Sicherheit, die für Carolin Sampels den Ausschlag gab: "Ich fühlte mich mit 18 noch nicht reif genug, um gar keine festen Bezugspersonen mehr in der Nähe zu haben. Als Au-pair ist man nicht komplett auf sich allein gestellt, aber trotzdem viel selbständiger als in der eigenen Familie."

Männliche Au-pairs gibt es nach wie vor selten. Hausarbeit scheint abzuschrecken

Die meisten Au-pairs aus Deutschland gehen in europäische Länder, etwa nach Großbritannien, Irland, Frankreich oder Spanien. Wie viele es pro Jahr sind, wird allerdings nirgends erfasst. Bei der Konjunkturumfrage 2016 meldeten 50 Prozent der teilnehmenden Agenturen rückläufige, weitere 31 Prozent stagnierende Vermittlungszahlen. Dieser Trend hat sich laut Walter-Bolhöfer in der aktuellen, noch unveröffentlichten Befragung fortgesetzt. Parallel scheint die Entwicklung bei Matching-Portalen zu verlaufen, die wie Partnerbörsen funktionieren und inzwischen den größten Teil des Au-pair-Marktes beherrschen. Bewerber und Gastfamilien finden hier unkompliziert mit wenigen Klicks zusammen. Die Portale bieten Beratung per Telefon und E-Mail, anders als Full-Service-Agenturen jedoch keinerlei persönliche Betreuung und Unterstützung im Zielland. Das kann dann zum Problem werden, wenn eine Gastfamilie das Au-pair ausbeutet oder es zu Übergriffen kommt. Nach Angaben von Au-pair-World, dem größten deutschen Matching-Portal, registrierten sich in den vergangenen zwei Jahren jeweils etwa 20 000 Bewerber für einen Au-pair-Aufenthalt im Ausland. 2014 waren es noch 4000 mehr.

"Den Regenwald aufzuforsten gilt als cool, Au-pairs haben eher ein Hausmütterchen-Image", sagt Esther Peylo vom evangelischen Verein für Internationale Jugendarbeit (VIJ), der wie das katholische Pendant "In Via" schon seit mehr als 60 Jahren Au-pairs vermittelt. "Oft wird Au-pair als letzter Anker gesehen, wenn es mit dem Studienplatz nicht geklappt hat und Work & Travel zu teuer ist. Diese Interessenten sind aber auch nicht leicht zu vermitteln." Denn die Gasteltern wünschen sich Au-pairs, die Kinder wirklich mögen und auch schon einige Erfahrung als Betreuer haben. Dass die deutschen Abiturienten wegen G 8 jünger sind als früher, senkt ihre Vermittlungschancen. Das gilt vor allem für die USA, wo Au-pair-Aufenthalte stark reglementiert sind. Die Vermittlung läuft ausschließlich über lizenzierte Agenturen, Bewerber müssen den Führerschein haben und mindestens 200 Stunden Erfahrung in der Kinderbetreuung nachweisen. "Allein damit hat man aber noch keine großen Chancen", erklärt Susanne Caudera-Preil, deren Agentur "Abroad Connection" Gastfamilien in den USA, Europa, Australien und Neuseeland vermittelt. Die USA sind für Au-pairs aus vielen Ländern attraktiv, weil Arbeitszeiten, Weiterbildung und ein relativ üppiges Taschengeld gesetzlich vorgeschrieben sind und die Gasteltern auch für die Flugkosten aufkommen. "Wir nehmen am liebsten über 20-Jährige, die im Idealfall schon mal längere Zeit im Ausland waren", sagt die deutsche Biochemikerin Lore Grünbaum, die mit ihrer Familie in Greenwich nahe New York lebt und schon sechs Jahre lang Erfahrungen mit meist deutschen Au-pairs gesammelt hat. Eine der Jüngeren brach den Aufenthalt vorzeitig ab, weil das Heimweh zu groß wurde. "In den ersten zwei Monaten herrscht Euphorie, danach erleben viele eine emotionale Bauchlandung", hat Grünbaum festgestellt.

Bei der Dauer des Aufenthalts widersprechen sich häufig die Interessen der Au-pairs und der Gastfamilien. "Viele Interessenten wollen nur für drei Monate weg, das ist nicht realistisch", sagt Susanne Caudera-Preil. Laut Konjunkturumfrage gehen aber inzwischen knapp 60 Prozent der Au-pairs nur noch für bis zu neun Monate ins Ausland, früher war ein Jahr die Regel. Unverändert ist der überwältigend hohe Frauenanteil, der auf 90 bis 95 Prozent geschätzt wird. Caudera-Preil vermutet, dass die Aussicht auf Hausarbeit junge Männer abschrecken kann, zudem wollten viele Gastfamilien lieber ein weibliches Au-pair.

Konstantin Mann, der seit Anfang Januar die fünfjährigen Söhne zweier Familien aus Barcelona betreut, gehört deshalb zu einer absoluten Minderheit. Auch sein Alltag ist untypisch, weil er nicht bei einer der Familien wohnt, sondern in einer WG. Vormittags lernt der 18-Jährige in einer Sprachschule Spanisch, um sich aufs Studium vorzubereiten, ab 16 Uhr geht er mit den Buben kicken oder auf den Spielplatz, bis deren Eltern nach Hause kommen. "Ich hätte es auch nicht schlimm gefunden, im Haushalt was zu machen, aber so ist es natürlich entspannter", findet er. Seine Gasteltern hatten gezielt nach einem männlichen Au-pair gesucht. "Im Kindergarten arbeiten ja vor allem Frauen", meint Konstantin. "Ich glaube, die Eltern finden es gut, dass ihre Söhne durch mich noch ein männliches Vorbild haben."