Arbeitsmarkt für Flüchtlinge Wenn Zeugnisse fehlen

Viele Flüchtlinge kommen mit schwerem seelischen Gepäck. Nur wenige haben eine Ausbildung, die hierzulande anerkannt wird. Auf einer Berliner Jobmesse suchen sie nach neuen Wegen.

Von Anne-Béatrice Clasmann/dpa

Zu Hause in Libanon lerne er Computeringenieur, sagt Jassir al-Said, "aber nur lernen auf Papier, nicht praktisch". Ob er sich mit dem Betriebssystem Linux auskenne und mit Cloud Computing, fragt sein Gegenüber. Der 27-jährige Palästinenser schüttelt den Kopf.

Die Softwarefirma Coros ist einer von etwa 200 Arbeitgebern, die sich an der Berliner Jobmesse für Flüchtlinge beteiligen. Der Coros-Mitarbeiter, Nerd-Brille, blaues Firmen-T-Shirt, bemüht sich, einfache Sätze zu bilden. Denn al-Said ist erst seit sieben Monaten in Berlin. Er versteht die Sprache noch nicht so gut. Nach einem zehnminütigen Dialog schickt ihn der Software-Experte weiter zum Stand einer Firma, die Fortbildungskurse anbietet.

Für al-Said war die Landung in der deutschen Realität hart. "Hier benutzt man modernere Geräte, andere Software", sagt der schlaksige Mann. Damit, dass er nach seinem Deutschkurs wohl noch eine zweite Ausbildung absolvieren muss, hat sich der 27-Jährige inzwischen abgefunden.

Omar al-Attar stammt aus Syrien. "Ich war Fahrer bei der Feuerwehr, habe zehn Jahre im Staatsdienst gearbeitet", sagt der 36-jährige Familienvater aus der Stadt Hama. Er nähert sich einem Stand des Paketzustellers DHL. Es werden Fahrer gesucht. al-Attar nimmt eine gelb-rote Broschüre. Dann sagt er: "Meinen Führerschein habe ich aus Syrien mitgebracht, doch eigentlich will ich zur Feuerwehr."

Die syrische Studentin Mariana Karkoutly berät für eine Ausstellerfirma bei der "Jobbörse für Geflüchtete und Migranten" in Berlin.

(Foto: Bernd von Jutrczenka/dpa)

Tausende Migranten strömen in die Halle. Schon vor einem Jahr, als die Berliner Jobbörse für Flüchtlinge zum ersten Mal stattfand, war das Interesse groß. Doch die Auswahl der Besucher, die über die Jobcenter läuft, ist diesmal eine andere. Die Bundesagentur für Arbeit (BA) hat nicht nur Flüchtlinge zur Teilnahme ermutigt, sondern auch Migranten, die schon länger arbeitslos sind. Bevorzugt wurden außerdem Flüchtlinge, die bereits ein Bleiberecht oder aufgrund ihres Herkunftslandes zumindest gute Aussichten auf einen gesicherten Aufenthaltsstatus haben. Und: Ohne Deutsch geht es nicht.

Die meisten der vorwiegend jungen Menschen sind Araber und Kurden. Einige kommen aus Eritrea oder aus Afghanistan. Alle wollen arbeiten, finden sich aber im deutschen System noch nicht zurecht. "Auf dem deutschen Arbeitsmarkt ist es doch so: Ohne Zertifikat existieren Sie nicht. Doch es gibt keine Menschen, die hierher kommen mit einem Zertifikat der IHK von Aleppo", sagt BA-Vorstand Raimund Becker. Deshalb versagten die "traditionellen Rekrutierungsmethoden" bei Flüchtlingen oft. Lokale Jobbörsen seien eine Möglichkeit, jenseits der gängigen Wege herauszufinden, welche Kenntnisse die Schutzsuchenden mitbringen.

Jassir al-Said (rechts) aus Libanon informiert sich am Stand der Softwarefirma Coros über seine Chancen als angehender Computeringenieur.

(Foto: Bernd von Jutrczenka/dpa)

Von den Flüchtlingen, die 2016 im regulären Arbeitsmarkt angekommen sind, landeten viele in Hilfsarbeiterjobs - zum Teil über Zeitarbeitsfirmen. Unzufrieden seien sie deshalb aber nicht unbedingt, "denn in vielen Herkunftsländern sind Verdienst und Arbeitsbedingungen deutlich schlechter", sagt René Hillebrand, der sich bei der Deutschen Post in Berlin um Ausbildungsplätze kümmert. Von den Flüchtlingen, die in der Briefsortierung Praktika gemacht hätten, seien einige inzwischen übernommen worden - mit befristeten Arbeitsverträgen.

Mit dem Sortieren von Briefen würde sich Mariana Karkoutly sicher nicht zufriedengeben. Die Syrerin aus Damaskus steht am Stand von Lingua TV und lächelt unermüdlich. Sie trägt ein Nasenpiercing und hohe Schuhe. Vor 17 Monaten kam sie nach einigen Semestern Jura mit einem Studentenvisum nach Deutschland. In Berlin ist die 25-Jährige nun für Sozialwissenschaften eingeschrieben. Für den Sprachtraining-Anbieter arbeitet sie als Übersetzerin und als Kundenbetreuerin. Sandra Gasber, Geschäftsführerin von Lingua TV, schwärmt: "Frau Karkoutly ist einfach unheimlich ehrgeizig und motiviert."