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Rückenprobleme:Physiotherapie nützt nur minimal

Akute Rückenschmerzen verschwinden auch ohne Physiotherapie wieder. Vorschnelle Interventionen können dagegen das Leiden verlängern.

Von Werner Bartens

Irgendwann erwischt es fast alle. An Rückenschmerzen leiden im Verlauf ihres Lebens 70 Prozent der Menschen. Die akute Pein im Kreuz ist der häufigste Grund für Krankschreibungen, Arbeitsunfähigkeit und Frühberentung. Ein Volksleiden mit immensen Folgekosten. Zu wenig Kraft, erschlaffte Muskeln und verschobene Statik werden als Ursachen angesehen, wenn die Lendenwirbelsäule mal wieder höllisch wehtut und sich die geplagte Kreatur kaum rühren kann. Physiotherapie und gezielte Trainingsreize müssten demnach Abhilfe leisten. Doch dem ist offenbar keineswegs so.

Im Journal of the American Medical Association vom heutigen Mittwoch zeigen Ärzte und Therapeuten aus den USA, dass Physiotherapie bei akuten Schmerzen der unteren Wirbelsäule anfangs nur wenig hilft (Bd. 314, S. 1459, 2015).

Die Wissenschaftler um Julie Fritz berichten zwar von einer "statistisch signifikanten" Verbesserung der Beweglichkeit, geben aber zu, dass der klinische Unterschied und damit der Nutzen für Patienten allenfalls minimal ausfielen. "Die bescheidene Verbesserung, die wir nach drei Monaten bei unseren Patienten beobachtet haben, konnten wir nach einem Jahr allerdings schon nicht mehr entdecken", sagt Fritz, die an der Universität Utah in Salt Lake City tätig ist.

Die Forscher untersuchten 220 Erwachsene mittleren Alters, die in den zwei Wochen zuvor starke Rückenschmerzen bekommen hatten. Die Hälfte von ihnen wurde sogleich physiotherapeutisch behandelt; zweimal in der ersten Woche, danach wöchentlich. Die Teilnehmer wurden aufgefordert, zusätzlich zu den Therapiestunden mehrmals täglich Übungen für den Rücken zu wiederholen und ihre Rumpfmuskulatur zu kräftigen. Die andere Hälfte der Probanden wurde lediglich darüber informiert, was alle Teilnehmer der Studie zu hören bekamen und aktuellen Leitlinien entspricht: dass akute Rückenschmerzen eine sehr gute Prognose haben und zumeist von allein wieder verschwinden und dass die Patienten versuchen sollten, körperlich so aktiv wie möglich zu bleiben.

Vorschnelle Kernspinaufnahmen oder Schmerzmittelgaben können das Leiden verlängern

Während immerhin zwölf Prozent der Teilnehmer über Nebenwirkungen wie stärkere Schmerzen, Steifheit und Bewegungseinschränkungen im Verlauf der Physiotherapie klagten, waren die Vorteile der Behandlung überschaubar. In beiden Gruppen gingen die Beschwerden ähnlich deutlich zurück. Waren nach vier Wochen wie nach drei Monaten noch leichte Vorteile in der Therapiegruppe zu erkennen, glich sich die Bilanz nach einem Jahr an.

Dies traf nicht nur auf Beschwerden zu, sondern auch auf Fehltage und Folgekosten. "Der Zustand der Patienten in beiden Gruppen verbessert sich sehr schnell", sagt Julie Fritz. "Diese rasche Genesung bei den meisten Menschen mit akuten Rückenschmerzen bedeutet eben auch, dass medizinische Interventionen zu diesem frühen Zeitpunkt nur begrenzt sinnvoll sind."

Inzwischen empfehlen viele orthopädische Leitlinien, bei akuten Rückenschmerzen zunächst nichts zu unternehmen, es sei denn, Beschwerden werden dramatisch schlimmer oder Lähmungen drohen. Bei unkomplizierten Rückenschmerzen zeigt sich, dass vorschnelle Röntgen- und Kernspinaufnahmen, Schmerzmittelgabe und auch Physiotherapie nicht etwa dazu führen, dass es den Patienten besser geht - sondern, dass sie sich länger mit dem Leiden herumplagen und es für schlimmer halten, als es ist.

© SZ vom 14.10.2015

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