Herz-Kreislauf-Erkrankungen in Europa Im Süden und Westen schlagen die Herzen stärker

Ein Vergleich der Sterbefälle quer durch Europa liefert eine gute Nachricht: Immer weniger Menschen sterben an Herzinfarkt. Doch die Unterschiede zwischen den Ländern sind enorm.

Von Werner Bartens

Es ist eine Erfolgsgeschichte, auch wenn niemand im Detail erklären kann, wie sie zustande kommt. Seit Jahren sterben in Europa immer weniger Menschen an Herzinfarkt und anderen Herzkreislaufleiden. Dennoch fordern diese Krankheiten mit 4,1 Millionen Todesfällen auf dem gesamten Kontinent immer noch mehr Opfer als alle anderen Beeinträchtigungen der Gesundheit. Zudem sind die Unterschiede zwischen den Ländern erheblich, wie eine umfassende aktuelle Analyse im European Heart Journal (online) zeigt.

Anders als viele denken, sind häufig auch Frauen betroffen

Wissenschaftler um Melanie Nichols von der Britischen Herzstiftung und der Universität Oxford haben Daten aus 52 Ländern zusammengetragen und die Entwicklung in den vergangenen zehn Jahren analysiert. Dabei zeigt sich ein leichtes Nord-Süd- und ein erhebliches Ost-West-Gefälle. So starben beispielsweise in Russland im Jahre 2010 etwa sechsmal so viele Menschen an Infarkt oder Schlaganfall wie in Frankreich. Bezogen auf 100 000 Einwohner erlitten in Frankreich jährlich 150 Männer und 87 Frauen tödliche Herzkreislaufattacken, in Russland waren es hingegen 915 Männer und 517 Frauen.

Deutschland weist einen Rückgang der fatalen Zwischenfälle um etwa ein Drittel in der vergangenen Dekade auf. Es liegt aber mit 230 betroffenen Männern und 162 Frauen pro 100 000 Menschen deutlich hinter den herzgesunden Mittelmeeranrainern zurück. Es weist zudem auch prozentual mehr Herzkreislauftote auf als die Benelux-Länder, Norwegen, Dänemark und die Schweiz, wo 181 Männer und 116 Frauen bezogen auf 100 000 Einwohner an Gefäß- und Herzleiden sterben. Frühere Studien haben ermittelt, dass auch innerhalb Deutschlands die Todesfälle durch Herzkreislaufleiden im Süden etwas seltener sind als im Norden und Osten.

"Insgesamt bekommen immer weniger Menschen Herzkreislauferkrankungen und von denen, die sie bekommen, sterben nicht mehr so viele daran", sagt Nick Townsend von der Britischen Herzstiftung, der an der Studie beteiligt war. "Wahrscheinlich achten die Leute stärker auf vermeidbare Risikofaktoren und leben gesünder. Es rauchen weniger Menschen und die Behandlungsmöglichkeiten haben sich verbessert."

Diese Fortschritte in den Bereichen Therapie und Prävention sind allerdings nicht überall auf dem Kontinent zu beobachten. In Osteuropa, Südosteuropa und den Staaten der ehemaligen Sowjetunion liegt der Anteil der Todesfälle durchweg mehr als doppelt so hoch wie im Westen und Süden, zudem fällt der Rückgang im vergangenen Jahrzehnt hier weitaus bescheidener aus. In Albanien und Litauen wurden 2010 sogar mehr Herzkreislaufopfer gezählt als noch zehn Jahre zuvor.

In Ländern wie Belgien, Dänemark, Frankreich, Luxemburg, den Niederlanden, Portugal, Slowenien, Spanien und San Marino starben erstmals mehr Menschen an Krebs als an Herz- und Kreislauf-Leiden, was an den beschriebenen Erfolgen in diesem Bereich liegt - sowie daran, dass Tumore mit dem Alter häufiger werden und die Lebenserwartung in Europa kontinuierlich steigt. Herzkreislaufleiden fordern hingegen auch viele jüngere Opfer; 30 Prozent aller Todesfälle bei Menschen unter 65 Jahren gehen darauf zurück.

Entgegen anderslautender Vorurteile sind Herz und Kreislauf auch bei Frauen häufige Todesursache. "Der Anteil der Frauen, die an kardiovaskulären Erkrankungen sterben, ist mit 51 gegenüber 42 Prozent sogar größer als der von Männern", sagt Townsend. "Dieser Unterschied geht hauptsächlich auf mehr Schlaganfälle und Gefäßleiden bei Frauen zurück. Die Koronare Herzerkrankung ist mit 21 Prozent bei den Frauen und 20 Prozent bei den Männern aber nahezu gleich häufig."