Alternativmedizin Dozenten wollten Tollwut mit Globuli und Autismus mit Bachblüten heilen

Oftmals sind es Heilpraktiker, die ihren Patienten von Impfungen oder anderen medizinisch sinnvollen Therapien abraten. Was jedoch die wenigsten wissen: Heilpraktiker ist nicht mal ein anerkannter Ausbildungsberuf wie Bäcker oder Kinderpfleger - und dies ist ein Erbe des Nationalsozialismus. Die einzige Legitimation ist das Heilpraktiker-Gesetz von 1939. 
Es regelt nicht etwa Ausbildung und Ausübung des Heilpraktiker-Berufes, sondern untersagt lediglich die Ausübung der Heilkunde ohne staatliche Zulassung und listet entsprechende Straftatbestände auf.

Auch die Bundesrepublik Deutschland hat es verpasst, diesen Beruf gesetzlich zu definieren. Daher gibt es bislang keine Rechtsverordnung und kein Standesrecht. Es existiert zwar eine Berufsordnung, die ist aber nicht rechtlich bindend. Ebenso fehlt eine Ausbildungsordnung, die Inhalt und Ziele der Ausbildung regeln würde. Heilpraktiker-Anwärter benötigen weder einen Eignungsnachweis noch ein absolviertes Praktikum. Man kann Heilpraktiker werden, ohne je einem Ausbilder, geschweige denn einem Patienten persönlich begegnet zu sein. Eine solch laxe Praxis wäre in anderen Gesundheitsberufen undenkbar.

Da verwundert es kaum, dass in einem derartigen Milieu Gesetze und Sorgfaltspflichten schnell vernachlässigt werden. So dehnte einer meiner Ausbilder an der Heilpraktikerschule seine chiropraktischen Eingriffe stets auf die Halswirbelsäule aus, was Nicht-Medizinern verboten ist. Zu groß ist die Gefahr, dass eine Arterie verletzt und dadurch zum Beispiel ein Schlaganfall ausgelöst wird.

Tatsächlich gingen die naturheilkundlichen Behandlungen während der Ausbildung nicht immer glimpflich aus. Bei einer weiteren Patientin in der Heilpraktikerschule wollte ein Dozent "sanft und nebenwirkungsfrei" die Krampfadern zum Verschwinden bringen. Dazu injizierte er "rein biologische" Kochsalzlösung in die Unterschenkelvenen. Die Folge: ein Ulcus cruris, umgangssprachlich auch als "offenes Bein" bezeichnet. Diese Art Wunde gilt als schwer therapierbar, oft ist eine Hauttransplantation nötig, im schlimmsten Fall die Amputation des Beines.

Die Liste an denkwürdigen Lektionen ließe sich endlos fortsetzen. So behauptete der Homöopathie-Dozent, mittels Globuli ließe sich sogar Tollwut heilen und ein kindlicher Diabetes könne kuriert werden, wenn statt vorschnellen Insulingaben Globuli verabreicht würden. Der Kinesiologie-Dozent bescheinigte einer Nuss-Allergikerin, ihre Allergie sei nach einer einzigen Sitzung "gelöscht" und sie könne nun unbesorgt Erdnüsse essen. Der Ernährungstherapeut riet Krebspatienten von der Chemotherapie ab und empfahl stattdessen eine spezielle Weißbrotdiät (Stichwort "den Krebs aushungern").

Die Kinder-Heilpraktikerin hielt eine flammende Rede gegen Impfungen und fuhr dabei alles an Argumenten auf, was das verschwörungstheoretische Repertoire hergibt. ADHS und Autismus, behauptete sie, sei gut mit Bachblüten beizukommen. Und Männer, die Probleme mit Frauen haben, sollten aus der Plazenta gewonnene Globuli zu sich nehmen, um wieder mit dem mütterlichen Urvertrauen in Kontakt zu kommen.

Bei einem ängstlichen Kind solle man einen sogenannten Orgonstrahler auf ein Foto des Kindes richten. Dieses Gerät stammt aus der pseudowissenschaftlichen Energielehre von Wilhelm Reich. Die so übertragene Energie könne das Kind quasi nebenbei heilen. Letztlich aber sollten Eltern erkrankter Kinder bei sich selbst anfangen und mittels einer Familienaufstellung die Schatten der Herkunft aufdecken, denn diese würden auf das Kind fallen und dessen Gesundheit beeinträchtigen. Da wissenschaftliche Nachweise über entsprechende Wirkungen fehlen, erzählten die Dozenten die immer gleichen Anekdoten über vermeintliche Wunderheilungen.