Süddeutsche Zeitung

Alternativmedizin:Weißbrot gegen Krebs

Sie wähnen sich im Besitz exklusiven Wissens und überschreiten oft selbstbewusst ihre Befugnisse: Dabei kann man in Deutschland Heilpraktiker werden, ohne je einen Patienten gesehen zu haben. Erfahrungsbericht aus einer Heilpraktiker-Ausbildung.

Von Anousch Mueller

Die Kanüle ist 20 Zentimeter lang. Eine junge Frau liegt auf einer Untersuchungsliege, sie hat den Unterbauch frei gemacht. Neben ihr sitzt ein Heilpraktiker. Er setzt die Kanüle auf der Bauchdecke der Patientin an und sticht Stück für Stück durch Haut- und Muskelschichten hindurch, bis er im sogenannten Douglas-Raum, einer Aussackung zwischen Uterus und Rektum, angelangt ist. Dort injiziert er ein Lokalanästhetikum. Die Patientin krallt sich während dieser Prozedur an der Liege fest und jammert kläglich. Aber sie nimmt diese Behandlung auf sich, schließlich erhofft sie sich davon Linderung ihrer Menstruationsbeschwerden.

Um die Untersuchungsliege stehen zehn Menschen unterschiedlichen Alters herum. Es sind Heilpraktiker-Anwärter, denen an diesem Tag eine Technik der Neuraltherapie demonstriert wird. Bei diesem wissenschaftlich nicht anerkannten Verfahren wird ein Lokalanästhetikum zur Beseitigung eines vermeintlichen Störfeldes gespritzt. Diese Szene spielte sich 2010 an einer Berliner Heilpraktikerschule ab. Sie war ein illegaler Akt.

Wer sich in Anatomie auskenne, der brauche kein Ultraschallgerät

Bereits seit 2006 ist die invasive Neuraltherapie für Heilpraktiker nämlich verboten und nur noch Ärzten vorbehalten. Heilpraktiker dürfen seither lediglich "quaddeln", also das Betäubungsmittel unter die Haut spritzen. Jener Heilpraktiker hat folglich gesetzeswidrig und fahrlässig gehandelt. Leicht hätte er ein größeres Gefäß oder ein Organ verletzen können - mit lebensbedrohlichen Folgen.

Einer der Studenten wies darauf hin, dass derartige Eingriffe nur Ärzten gestattet seien und unter Ultraschall-Kontrolle durchgeführt werden sollten. Daraufhin pfiff der Heilpraktiker auf die Ärzteschaft und hielt entgegen, wer sich in Anatomie auskenne, bräuchte kein Ultraschallgerät. Weitere Nachfragen gab es nicht, auch schien sonst keiner der Studenten die Situation bedenklich zu finden. Vielleicht, weil solche Situationen zum Alltag an dieser Heilpraktikerschule gehörten.

Dass viele Heilpraktiker ziemlich selbstbewusst ihre Befugnisse übertreten, erlebte ich vor einigen Jahren während einer Heilpraktiker-Ausbildung. Immer wieder kam es zu grotesken Situationen, die mich bereits damals dem Heilpraktikerwesen entfremdeten. So wurden Studenten esoterisch indoktriniert und Verschwörungstheorien verbreitet. Ganz massiv wurde in den Seminaren Impfangst geschürt.

Es wurde stets behauptet, Heilpraktiker verfügten über Wahrheiten, vor denen die meisten Menschen die Augen verschlössen. Daher sei es auch die Aufgabe von Heilpraktikern, aufklärerisch tätig zu sein. Die Folgen dieses esoterischen Missionierungseifers sind inzwischen deutlich zu spüren. Gerade in der gut situierten Mittelschicht, wo viele auf alternativmedizinische Angebote schwören, kursieren die abenteuerlichsten Mythen.

Dozenten wollten Tollwut mit Globuli und Autismus mit Bachblüten heilen

Oftmals sind es Heilpraktiker, die ihren Patienten von Impfungen oder anderen medizinisch sinnvollen Therapien abraten. Was jedoch die wenigsten wissen: Heilpraktiker ist nicht mal ein anerkannter Ausbildungsberuf wie Bäcker oder Kinderpfleger - und dies ist ein Erbe des Nationalsozialismus. Die einzige Legitimation ist das Heilpraktiker-Gesetz von 1939. 
Es regelt nicht etwa Ausbildung und Ausübung des Heilpraktiker-Berufes, sondern untersagt lediglich die Ausübung der Heilkunde ohne staatliche Zulassung und listet entsprechende Straftatbestände auf.

Auch die Bundesrepublik Deutschland hat es verpasst, diesen Beruf gesetzlich zu definieren. Daher gibt es bislang keine Rechtsverordnung und kein Standesrecht. Es existiert zwar eine Berufsordnung, die ist aber nicht rechtlich bindend. Ebenso fehlt eine Ausbildungsordnung, die Inhalt und Ziele der Ausbildung regeln würde. Heilpraktiker-Anwärter benötigen weder einen Eignungsnachweis noch ein absolviertes Praktikum. Man kann Heilpraktiker werden, ohne je einem Ausbilder, geschweige denn einem Patienten persönlich begegnet zu sein. Eine solch laxe Praxis wäre in anderen Gesundheitsberufen undenkbar.

Da verwundert es kaum, dass in einem derartigen Milieu Gesetze und Sorgfaltspflichten schnell vernachlässigt werden. So dehnte einer meiner Ausbilder an der Heilpraktikerschule seine chiropraktischen Eingriffe stets auf die Halswirbelsäule aus, was Nicht-Medizinern verboten ist. Zu groß ist die Gefahr, dass eine Arterie verletzt und dadurch zum Beispiel ein Schlaganfall ausgelöst wird.

Tatsächlich gingen die naturheilkundlichen Behandlungen während der Ausbildung nicht immer glimpflich aus. Bei einer weiteren Patientin in der Heilpraktikerschule wollte ein Dozent "sanft und nebenwirkungsfrei" die Krampfadern zum Verschwinden bringen. Dazu injizierte er "rein biologische" Kochsalzlösung in die Unterschenkelvenen. Die Folge: ein Ulcus cruris, umgangssprachlich auch als "offenes Bein" bezeichnet. Diese Art Wunde gilt als schwer therapierbar, oft ist eine Hauttransplantation nötig, im schlimmsten Fall die Amputation des Beines.

Die Liste an denkwürdigen Lektionen ließe sich endlos fortsetzen. So behauptete der Homöopathie-Dozent, mittels Globuli ließe sich sogar Tollwut heilen und ein kindlicher Diabetes könne kuriert werden, wenn statt vorschnellen Insulingaben Globuli verabreicht würden. Der Kinesiologie-Dozent bescheinigte einer Nuss-Allergikerin, ihre Allergie sei nach einer einzigen Sitzung "gelöscht" und sie könne nun unbesorgt Erdnüsse essen. Der Ernährungstherapeut riet Krebspatienten von der Chemotherapie ab und empfahl stattdessen eine spezielle Weißbrotdiät (Stichwort "den Krebs aushungern").

Die Kinder-Heilpraktikerin hielt eine flammende Rede gegen Impfungen und fuhr dabei alles an Argumenten auf, was das verschwörungstheoretische Repertoire hergibt. ADHS und Autismus, behauptete sie, sei gut mit Bachblüten beizukommen. Und Männer, die Probleme mit Frauen haben, sollten aus der Plazenta gewonnene Globuli zu sich nehmen, um wieder mit dem mütterlichen Urvertrauen in Kontakt zu kommen.

Bei einem ängstlichen Kind solle man einen sogenannten Orgonstrahler auf ein Foto des Kindes richten. Dieses Gerät stammt aus der pseudowissenschaftlichen Energielehre von Wilhelm Reich. Die so übertragene Energie könne das Kind quasi nebenbei heilen. Letztlich aber sollten Eltern erkrankter Kinder bei sich selbst anfangen und mittels einer Familienaufstellung die Schatten der Herkunft aufdecken, denn diese würden auf das Kind fallen und dessen Gesundheit beeinträchtigen. Da wissenschaftliche Nachweise über entsprechende Wirkungen fehlen, erzählten die Dozenten die immer gleichen Anekdoten über vermeintliche Wunderheilungen.


In Österreich sind Heilpraktiker verboten, in Deutschland dürfen sie erstaunlich viel

Fast jeder kann Heilpraktiker werden. Die Eintrittshürde für diesen Beruf ist sensationell niedrig; verlangt werden lediglich der Hauptschulabschluss und ein Führungszeugnis. Um die Zulassung als Heilpraktiker zu erlangen, genügt das Bestehen einer amtsärztlichen Überprüfung, die sich aus einem Multiple-Choice-Test und einer mündlichen Prüfung zusammensetzt. In der Überprüfung werden rein schulmedizinische Fakten abgefragt. Damit soll sichergestellt werden, dass der Heilpraktiker-Anwärter "keine Gefahr für die Volksgesundheit" darstellt, wie es im Heilpraktiker-Gesetz von 1939 heißt.

Die Prüfung hat den Ruf, durchaus verstrickte Fragen zu stellen. Und tatsächlich fallen regelmäßig bis zu 80 Prozent der Prüflinge durch. Wer es geschafft hat, beweist trotzdem nur, dass er gut lernen kann, nicht aber, dass er das Zeug zum Heilbehandler hat, da die praktischen Fähigkeiten nicht kontrolliert werden. Zudem entscheidet man ganz allein, wie man an das Prüfungswissen gelangt, ob per Selbststudium oder an einer Schule.

Die amtsärztliche Überprüfung gewährt immerhin schulmedizinische Grundkenntnisse. Wirklich dubios wird es, wenn es um die naturheilkundliche Qualifizierung geht. Diese wird von keiner staatlichen Stelle überprüft. Es gibt keine einheitliche Zertifizierungs-Regelung. Ganz im Gegenteil gibt es unüberschaubar viele vermeintliche Diplome und Zertifikate für Behandlungsansätze wie Auratherapie, Bioresonanztherapie, Craniosakral-therapie, Eigenblutbehandlung, Familienaufstellung, Geistheilung, Homöopathie, Irisdiagnostik, Reinkarnationstherapie, Magnetfeldtherapie, Zelltherapie und circa hundert weitere, kaum belegte naturheilkundliche Therapien.

Von einer fundierten medizinischen Ausbildung kann bei Heilpraktikern keine Rede sein. Während in Österreich Heilpraktiker verboten sind, dürfen sie in Deutschland ziemlich viel. Es ist ihnen gestattet, alles Mögliche mit Blut anzustellen, unter anderem Aderlass, Eigenbluttherapie, Blutegeltherapie. Sie dürfen Injektionen setzen. Sie dürfen mit allerlei Gasen wie Sauerstoff, Kohlenstoffdioxid und Ozon hantieren und sie in alle Körperöffnungen einführen ("vaginale und anale Insufflation") oder Blut damit anreichern. Heilpraktiker dürfen ferner offene Wunden, Knochenbrüche, Blinddarmentzündungen, Krebs und viele andere schwerwiegende Verletzungen und Krankheiten behandeln.

Heilpraktiker bieten mehr Zeit und Empathie, aber auch voraufklärerisches Denken

Der Haken: Heilpraktiker müssen nirgendwo nachweisen, dass sie diese Techniken auch beherrschen. Bislang gibt es keine gesetzliche Grundlage, die eine Ausbildung in Injektionstechniken und anderen invasiven Verfahren sicherstellen würde. Lediglich bei Infektionskrankheiten sind ihnen gesetzliche Grenzen gesetzt.

Der Dachverband Deutscher Heilpraktikerverbände e. V. nimmt keine Stellung zu Ausbildungsfragen und verweist an die Landesverbände. Arne Krüger, Landesvorsitzender für Berlin beim Fachverband Deutscher Heilpraktiker e. V., bedauert etwaige Missstände: "Ich appelliere stets an Ethos und Verantwortlichkeit, die unseren Beruf auszeichnen. Das Einhalten der Richtlinien, insbesondere der Hygiene-Vorschriften haben während der Ausbildung höchste Priorität." Frank Herfurth, Vorstand beim Verband Unabhängiger Heilpraktiker e. V., nimmt die Verbände aus der Pflicht: "Wir sind nicht verantwortlich für das, was an den Schulen geschieht."

Dass sich in naher Zukunft etwas an der zweifelhaften Ausbildungssituation ändern wird, ist nicht zu erwarten. Eine Petition aus dem Jahr 2012, die eine Verschärfung der Zulassungsvoraussetzungen für den Beruf des Heilpraktikers forderte, wurde zwar vom Bundesministerium für Gesundheit angenommen. Aber mehr als die Einsicht in die Notwendigkeit zu einer "intensiven, auch öffentlichen Diskussion", wie es aus dem Ministerium hieß, gibt es bislang nicht.

In der Tat hat diese Frage gesellschaftliche Relevanz. Viele Patienten fühlen sich von Ärzten nicht ernst genommen und abgefertigt. Heilpraktiker bieten einfach mehr Zeit und Empathie, aber auch jede Menge Irrationalismus und voraufklärerisches Denken.

Die Schriftstellerin Anousch Mueller, geboren 1979 in Erfurt, hat Neuere Deutsche Literatur und Jüdische Studien studiert. Im vergangenen Jahr nahm sie an dem Wettbewerb um den Bachmann-Preis teil.

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SZ vom 14.02.2015
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