Süddeutsche Zeitung

Weltwährungssystem:Oh je, Mademoiselle

Die Weltfinanzen sind schwer in Unordnung, und aus Paris kommt die scheinbar rettende Idee: Frankreichs Finanzministerin träumt von "Bretton Woods II". Doch der nostalgische Rückgriff offenbart grundlegende Denkfehler und bringt nichts.

Andreas Oldag

Es soll der große Wurf der französischen G-20-Präsidentschaft sein: eine Neuordnung des internationalen Währungssystems. Die Idee ist radikal: Um die Weltwirtschaft vor Wechselkursschocks zu schützen, sollen die großen Industriestaaten und Schwellenstaaten ihre durch Angebot und Nachfrage schwankenden Wechselkurse aufgeben.

In Paris träumt man von einer Art Bretton-Woods-II-Vereinbarung - in Anlehnung an das 1944 vereinbarte Abkommen unter Regie der damals noch unumstrittenen Supermacht, der Vereinigten Staaten von Amerika. Statt Chaos soll nun durch eine französisch inspirierte Revolution für Ordnung gesorgt werden. Wie so oft, steckt der Teufel im Detail. Es ist kein Zufall, dass Einzelheiten darüber noch unklar sind, wie genau das neue Regime aussehen soll. In welchen Bandbreiten etwa sollen Dollar, Euro, Yen, Pfund und Renminbi schwanken dürfen?

Zweifellos haben die Ungleichgewichte im internationalen Währungssystem ein erhebliches Ausmaß angenommen. Es ist eine explosive Mischung aus Wechselkursschwankungen, Leistungsbilanz-Ungleichgewichten und Rohstoff-Spekulationsblasen entstanden. Die Industriestaaten sind mit sehr unterschiedlichen Ergebnissen aus der Wirtschaftskrise herausgekommen. Wettbewerbsfähige Staaten wie Deutschland spannen die Muskeln und erzielen hohe Exportüberschüsse. Fußlahme Euro-Mitglieder verharren dagegen in einem Zustand schwacher Binnennachfrage und hoher Staatsverschuldung.

Die USA, bei denen die Staatsverschuldung in den vergangenen drei Jahren von 60 auf 90 Prozent des Bruttoinlandsprodukts kletterte, sind in einer ähnlich ungemütlichen Lage. Doch Washington hat den Vorteil, dass Maos Erben sich als Großabnehmer von US-Staatsanleihen betätigen und damit die Schuldenpolitik der Amerikaner finanzieren.

Ein Geschäft, in dem sich beide Staaten in eine Geiselhaft manövriert haben: Durch einen künstlich niedrig gehaltenen Renminbi-Kurs sorgt China dafür, dass Amerikaner Joggingschuhe und Flachbildschirme "Made in China" kaufen. Wie fragil aber das Verhältnis ist, zeigen die jüngsten Versuche der Chinesen, ihre Dollarreserven umzuschichten.

Prompt schwächelte der Greenback an den Devisenmärkten. Und Peking musste einsehen, dass eine abrupte Dollarabwertung auch nicht im nationalen Interesse ist. Es gehört schon erhebliche Phantasie dazu, sich vorzustellen, wie diese Ungleichgewichte durch eine bloße Festschreibung der Wechselkurse aufgehoben werden können.

Die Pariser Pläne sind einem regulativen Etatismus verhaftet, der gerade in einer Welt mit verschiedenen ökonomischen Kraftzentren - USA, Euro-Staaten und aufstrebende Schwellenländer - in der Praxis nur scheitern kann.

Der nostalgische Rückgriff der französischen Finanzministerin auf Bretton Woods offenbart zudem einen grundlegenden Denkfehler: Die Harmonie im Juli 1944 im Konferenzort im US-Bundesstaat New Hampshire war nur möglich, weil die USA die politische, militärische und ökonomische Führungsmacht waren. Der mit Gold unterlegte Dollar avancierte zur Leitwährung und brachte den Abstieg des britischen Empires mit seinem Pfund Sterling.

Das Bretton-Woods-System brach jedoch Anfang der 70er Jahre zusammen, als deutlich wurde, dass die politisch und wirtschaftlich geschwächten USA nicht mehr in der Lage waren, Dollarreserven der Mitgliedsländer zum festen Kurs in Gold umzutauschen. Der Übergang zu flexiblen Wechselkursen, die sich nach den Marktkräften richten, war ein Befreiungsschlag für die Weltwirtschaft.

Wenn jetzt die negativen Aspekte von Währungsdisparitäten in den Vordergrund rücken, sollte man nicht mit einer untauglichen Medizin einen Therapieversuch beginnen. Es gibt keine Weltwährung, geschweige denn Weltregierung. Gerade die Europäer erfahren derzeit, wie schwierig es ist, wenn Wechselkursanpassungen schwächerer Euro-Mitglieder aufgrund der Zwangsjacke Währungsunion blockiert sind.

Schon jetzt gleichen die Zentralbanken im internationalen Währungssystem erratische Schwankungen an den Devisenmärkten aus. Um größere Ungleichgewichte zu vermeiden, kann die Lösung nur darin liegen, die Marktkräfte zu stärken. Eine Schlüsselrolle kommt dabei dem chinesischen Renminbi zu. Schon jetzt bewegt die Währung der aufstrebenden Supermacht die Welt. Ein Anachronismus ist aber der künstlich niedrig gehaltene Wechselkurs.

Frei schwankende Wechselkurse sind nicht immer ideal, aber besser als jede politisch inspirierte Intervention.

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SZ vom 18.02.2011/aum
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